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Prophet mit schwerer Zunge

Willy Decker beginnt die Ruhrtriennale mit Schönberges Oper "Moses und Aron"

Von Stefan Keim

Der Komponist Arnold Schönberg im Jahr 1944
Der Komponist Arnold Schönberg im Jahr 1944 (AP Archiv)

Willy Decker, neuer Intendant der Ruhrtriennale, inszeniert zum Auftakt höchstselbst Arnold Schönbergs Bibel-Oper "Moses und Aron", die perfekt zum Thema seines ersten Jahres, der Auseinandersetzung mit dem Judentum, passt. Michael Boder dirigiert die Bochumer Symphoniker in der Jahrhunderthalle bei diesem "Opern-Endspiel", das ChorWerk Ruhr singt die monumentalen Chorsätze.

Moses spricht mit Gott. Aber er kann die Gedanken und Gebote nicht so formulieren, dass die Menschen ihn verstehen. Er habe eine "schwere Zunge", sagt er in der Bibel. Arnold Schönberg identifizierte sich mit dem Propheten. Auch der Schöpfer der Zwölftonmusik glaubte, die Wahrheit zu kennen, und litt darunter, dass die Mehrheit seine musikalischen Offenbarungen ablehnte. Die Oper "Moses und Aron" blieb Fragment. Oder auch nicht, denn es gibt kaum ein ergreifenderes Ende als das des zweiten Aktes. Moses bleibt allein zurück, im verzweifelten Ringen um das rechte Wort.

Willy Decker beleuchtet in seiner ersten Spielzeit als Intendant der Ruhrtriennale das jüdische Denken. Als er ankündigte, dass Schönbergs Oper der Fels sei, auf dem er das Festival bauen wolle, wirkte das nicht gerade sensationell. Denn die benachbarte Rheinoper in Düsseldorf hatte gerade eben noch eine Neuproduktion von "Moses und Aron" gezeigt. Doch Deckers Inszenierung in der Bochumer Jahrhunderthalle ist ein Abend, wie ihn kein Stadttheater zeigen kann.

Die Zuschauer sitzen sich auf zwei Tribünen gegenüber, umgeben von grauen Wänden. Die Spielfläche ist ein schmaler Weg. Moses (Dale Duesing) und Sänger des Chores sitzen unerkannt im Publikum. Erst durch ihr Sprechen, Zischen, Flüstern und schließlich auch Singen geben sie sich zu erkennen. Die Bochumer Symphoniker spielen erst hinter der Wand, etwas gedämpft. Ein faszinierender Klangraum entsteht. Dann bewegen sich - zunächst unmerklich - die Publikumspodien. Die Spielfläche wird größer, das Orchester sichtbar. Die Choristen betreten die Bühne, begeben sich in ein von der Decke herab schwebendes Gefängnis mit durchsichtigen Wänden. Moses und Aron kämpfen um ihr Vertrauen, wollen sie befreien aus der Knechtschaft des Pharao und der Herrschaft seiner Götter. Das Volk ist misstrauisch, verlangt Wunder als Beweis der Kraft des neuen, allmächtigen, alleinigen Gottes. Aron gibt sie ihnen, als Videoanimation erscheint eine bedrohliche Schlange, Moses von Aussatz befallene und gereinigte Hand, Wasser, das in Blut verwandelt wird.

Schönbergs Oper handelt vom Verbot, sich ein Bildnis zu machen. Moses besteht auf der Reinheit der göttlichen Gedanken. Aron versteht es, die Botschaften in eine verständliche Form zu verpacken. Doch als Moses fortgeht und lange wegbleibt, fehlt Aron die Inspiration. Vergebens fleht er um Verständnis, dass eine Form nicht ohne Inhalt existieren kann. Die Zeilen aus Arnold Schönbergs Libretto wirken, als seien sie für unsere formverliebte Gegenwart geschrieben. Aron fällt um, gibt dem Volk die alten Götter zurück, verkörpert durch das goldene Kalb, und entfacht eine wilde Orgie. Auch hier bleibt Deckers Inszenierung klar und einfach in den Bildern. Das von Michael Boder präzise zurückhaltend dirigierte Orchester, dessen Eruptionen dann umso gewaltiger wirken, fährt auf einem Podium über die Bühne, drängt den Chor zur Seite, während von der anderen Seite das Kalb kommt. Die überragenden Sängerinnen und Sänger des ChorWerk Ruhr werfen sich so unmittelbar physisch in die Extreme von Sex und Gewalt, Nacktheit und Blut, dass sich die Tänzer, die sie unterstützen, kaum von ihnen abheben. Das Volk ist eine brodelnde Masse, ganz seinen Trieben hingegeben.

Die überwältigende Wirkung fahrender Zuschauerpodien ist nichts Neues bei der Ruhrtriennale. Damit hat schon David Pountney in seiner großartigen Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten" gearbeitet. Doch zu Willy Deckers puristischer und dennoch spektakulärer, gedankenklarer und doch enorm unterhaltender Inszenierung von "Moses und Aron" passt der Effekt ebenfalls. Wobei das Erlebnis sich öffnender und schließender Spielflächen, von Annäherung und Entfernung der Zuschauerblöcke ein ganz anderes ist. Andreas Conrad singt die hohe und viel Kraft fordernde Tenorrolle des Aron fein abgestuft und mit großer Emphase. Während Dale Duesing in der Sprechrolle des Moses - der Gesang steht ihm nicht zur Verfügung, das ist seine Tragik - im leidenschaftlichen Glühen wie in der Verzweiflung des Versagens gleichermaßen überzeugt. Die Ruhrtriennale setzt mit "Moses und Aron" Maßstäbe, in ihrer Kompromisslosigkeit kommt die Aufführung Schönbergs Idee extrem nahe.

25., 28., 30. August, 2. September. Infos und Karten: 0700 - 2002 3456. Internet: www.RuhrTriennale.de



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