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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.08.2012

Profifußballer vor der Pleite

Über die unsichere Perspektive ausgedienter Spieler

Ulf Baranowsky im Gespräch mit Andreas Müller

Nur zehn Prozent der Profspieler haben für ihr Leben ausgesorgt. (picture alliance / dpa / Kamil Krzaczynski)
Nur zehn Prozent der Profspieler haben für ihr Leben ausgesorgt. (picture alliance / dpa / Kamil Krzaczynski)

Für Fußballspieler kommt der Erfolg in jungen Jahren - und ist auch schnell wieder vorbei. Wer sich nicht früh um die zweite Karriere kümmert, sparsam lebt und auf Bildung setzt, gerate in finanzielle Not, sagt Ulf Baranowsky von der Gewerkschaft VDV. 25 Prozent der Spieler trifft dieses Schicksal.

Andreas Müller: König Fußball regiert die Welt, heißt es in dem alten Schlager aus den 70er-Jahren, und das tut er mehr als je zuvor. Die Bundesliga ist so attraktiv und teuer wie vielleicht nie zuvor. Rekordsummen wurden für Spieler und Übertragungsrechte ausgegeben, Dauerkarten etwa in Dortmund werden mit Gold aufgewogen. Alles super in Fußballland? Nicht ganz, denn: Was ist, wenn ein Spieler nicht mehr kann oder will, die Karriere aufgibt oder weit unter der Klasse spielt, die einmal die seine war? Was kommt nach dem Ruhm?

Auf viele Profifußballer warten nach Karriereende Geldnöte und Perspektivlosigkeit. Darum soll es jetzt in unserem Gespräch mit Ulf Baranowsky, dem Geschäftsführer der Spielergewerkschaft Vereinigung der Vertragsfußballspieler gehen. Schönen guten Tag!

Ulf Baranowsky: Ja, hallo, Herr Müller!

Müller: Wie viele Profis sind denn eigentlich pro Saison in Deutschland unterwegs?

Baranowsky: Ja, von der Bundesliga bis zur Regionalliga haben wir rund 2500 Spieler, die also hauptberuflich davon leben können. Lizenzspieler im Bereich der Bundesliga und Zweiten Bundesliga gibt es immer so rund 1000.

Müller: Wo ist da der Unterschied?

Baranowsky: Ja, die einen, die Lizenzspieler, haben noch einen Lizenzvertrag mit dem Ligaverband, der die beiden Profiligen organisiert und durchführt. Und in der dritten Liga und in der vierten Liga und auch in den Ligen darunter können auch Berufsspieler eingesetzt werden, das sind dann aber Vertragsspieler. Und das ist der Unterschied.

Müller: Auf jeden Fall eine stattliche Zahl. Noch ein paar Zahlen mehr: Zwischen sieben und zehn Jahren dauert im Schnitt so eine Profikarriere. Das ist für die meisten wenig Zeit, um auf Lohnsteuerkarte eine anständige Rente zu erarbeiten, wenig Zeit, um Rücklagen zu bilden. Gleichzeitig aber auch wieder viel Zeit, wenn man so lange eine andere Berufskarriere unterbricht. Vielleicht erst mal die Frage: Was verdient denn so ein Profi irgendwo zwischen Dortmund und Fürth?

Baranowsky: Ja, also wer ganz oben steht, der kann natürlich im Monat - also Nationalmannschaft, Europapokal - sechsstellige Monatsgehälter verdienen. Danach geht es aber schon rapide runter. Ein Bundesligaspieler, der stammspielt bei einer Mannschaft, die weiter unten steht, vielleicht 10.000, 20.000 Euro Grundgehalt, Nachwuchsspieler deutlich weniger - 2750 Mindestgehalt Bundesliga, 1650 Mindestgehalt zweite Bundesliga. In der dritten Liga kann man als Stammspieler 5000 Euro verdienen. In der Regionalliga haben wir das Phänomen, da geht es vom reinen Amateuer über viele Minijobs dann auch bis in der Spitze auch hoch so zu 5000 Euro.

Müller: Das heißt also, so ein junges Talent, dem kann es schon passieren, dass es drei, vier Jahre vielleicht für nicht einmal einen Facharbeiterlohn spielt und am Ende der Karriere eventuell mit gar nichts, nämlich keiner Ausbildung zum Beispiel. Wie ist denn so die Situation von Profis in Deutschland nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn?

Baranowsky: Also finanziell ausgesorgt haben ungefähr zehn Prozent der Spieler. Das sind die, die eben ganz oben gespielt haben und wirklich sehr gut verdient haben. 20 bis 25 Prozent der Spieler, das sind natürlich eher die aus der dritten und vierten Liga, haben am Karriereende finanzielle Probleme. Der Rest hat eine Komfortzone, die mal besser ist und mal schlechter.

Was die berufliche Ausbildung angeht, so stellen wir fest, dass wir ein relativ gutes schulisches Niveau haben. Rund zwei Drittel haben Abitur oder Fachabitur. Aber am Karriereende, und das ist das Problem, haben drei von vier Profis keine abrufbaren beruflichen Qualifikationen. Das heißt nicht zwingend, dass sie keine Ausbildung gemacht haben, aber sie haben lange nicht mehr in den erlernten Berufen dann gearbeitet.

Müller: Was Sie eben schon gesagt haben, also bis zu 25 Prozent, die finanzielle Probleme am Ende ihrer Karriere haben, das ist ja schon eine beachtliche Zahl. Was gibt es da für Ideen, was gibt es da für Projekte, um so etwas schon mal, so einer Geschichte entgegenzuwirken?

Baranowsky: Es gibt drei Empfehlungen für jeden jungen Spieler, die wir auch bei unserer Tour durch die Nachwuchsleistungszentren und bei den DFB-Nachwuchslagern immer wieder sagen. Erst mal sparen, sparen, sparen, unter den Verhältnissen wohnen, dann darüber hinaus Risikovorsorge betreiben, das heißt, sich gegen das Risiko der Spielunfähigkeit insbesondere abzusichern, und natürlich am Plan B zu arbeiten. Dafür haben wir auch einen Laufbahncoach, der ist als Ideengeber für die nachfußballerische Berufslaufbahn und als Lotse unterwegs und führt mit den Spielern Potenzialanalysen durch, zeigt Wege, wie man neben dem Fußball auch Schule und Beruf erfolgreich gestalten kann. Hilft am Ende auch bei Fördermittelberatung und Ähnliches.

Und es gibt in der Tat viele Spieler, die da auch was machen, in Fernstudiengängen erfolgreich sind. Aber wir haben auch Fälle von Zweitligaspielern, zuletzt Markus Krösche, Kapitän von Paderborn, der im Präsenzstudium in Regelstudienzeit seinen Bachelor in Wirtschaftswissenschaften gemacht hat. Und das zeigt, dass Spieler, die jetzt nicht ganz oben spielen und da auch noch ein bisschen mehr Zeit haben, so etwas durchaus miteinander vereinbaren können.

Müller: Das ist natürlich ein schönes Beispiel, aber kommt man denn wirklich ran? Also ich stelle mir vor, da ist ein junger Spieler, der kriegt jetzt, sagen wir einmal, eine fünfstellige Summe, eine niedrige, wenn er bei einem ordentlichen Verein spielt, der sieht, um ihn herum, da fahren die dicken Autos, man wohnt standesgemäß und eben nicht unter dem, was möglich ist sozusagen, wie Sie es ja eben auch vorgeschlagen haben. Da ist ja eine Menge Versuchung, glaube ich. Wie kommt man da psychologisch ran?

Baranowsky: Ja, die Versuchung ist groß und es gibt ja auch natürlich den Zusammenhang mit der sozialen Herkunft, mit dem Elternhaus. Wenn die Eltern entsprechend darauf achten in der Erziehung auf Bildung, auf Sparsamkeit, dann ist die Wahrscheinlichkeit auch recht hoch, dass das beim jungen Spieler ankommt. Und umgekehrt ist es leider auch häufig der Fall. Da stehen natürlich Clubs in der Verantwortung. Wir als VDV, wir können Türen aufmachen, wir können das Laufbahncoaching anbieten, wir können den Finanzcoach anbieten. Wir können das DFB-VDV-Versorgungswerk anbieten, aber alles sind letztendlich freiwillige Leistungen. Und da sind dann auch junge Spieler selbst für sich verantwortlich.

Müller: Inwieweit sind denn eigentlich die Vereine noch gefragt, in die Verantwortung zu nehmen? Es gab ja mal so ein Beispiel, der Spieler Draxler kam sehr jung bei Schalke in das Gesichtsfeld von, ich glaube, damals war Magath der Trainer, und der hat ihm gesagt, Junge, lass die Schule sein, du bist ein solches Talent, du musst hier gleich ran. Und Schule lenkt da nur ab. Der hat sich da irgendwie gegen gewehrt. Das ist natürlich ein unschönes Beispiel. Gibt es so was noch?

Baranowsky: So was gibt es in der Tat. Wir haben ja damals auch unsere Position dazu deutlich gemacht, nämlich die Schule auf jeden Fall zu beenden mit dem höchstmöglichen Abschluss. Das muss auch möglich sein. Denn eine Karriere kann schon mit dem nächsten Foul auch in ganz jungen Jahren vorbei sein. Und schulische Bildung kann einem niemand mehr nehmen.

Es gibt allerdings auch positive Beispiele im Fußball. Der 1. FC Köln hat die Geißbockakademie aufgemacht, achtet darauf, dass die Nachwuchsspieler hier entsprechend auch geschult werden und Angebote gemacht werden. Der DFB hat die Eliteschulen des Fußballs ins Leben gerufen. Also, was die schulische Ausbildung betrifft, ist einiges Positives im Gange.

Probleme sehen wir insbesondere bei den Spielern, die dann ihren Schulabschluss haben und dann den ersten Vertrag in der zweiten Mannschaft im Lizenzbereich haben, das sind immer U-23-Mannschaften. Und die dann auf den Sprung spekulieren nach oben, allerdings nicht erkennen, dass sie nur von der Quote leben. Und werden dann 24, haben keine Berufsausbildung, fallen durch das Raster durch. Und müssen dann aufholen, und haben dann auch nicht die entsprechenden Rücklagen, die dafür nötig wären, um da einen gewissen Komfort zu haben. Und das ist schwierig. Und darum sagen wir, gerade für diese Spieler ist es wichtig, noch mehr Angebote zu schaffen und noch mehr dafür zu werben.

Müller: Im Deutschlandradio Kultur spreche ich mit Ulf Baranowsky. Er ist der Geschäftsführer der VDV Spielergewerkschaft Vereinigung der Vertragsfußballspieler. Früher war es ja so, in den goldenen Zeiten, wie sie immer so gerne genannt werden: Da spielte ein Spieler eigentlich seine ganze Karriere lang beim gleichen Club. Am Ende kriegte er dann eine Lottobude oder so etwas ähnliches, und da gab es ganz andere soziale Bindungen.

Das ist so die Märchengeschichte. Da ist was dran, aber vielleicht auch nicht alles ganz golden gewesen. Das ist heute natürlich überhaupt nicht mehr so. Spieler wechseln ständig, die sozialen Gefüge scheinen sich so ein bisschen gelöst und aufgelöst zu haben. Ist da vielleicht auch was Wertvolles kaputt gegangen?

Baranowsky: Es gibt positive und negative Beispiele. Positives Beispiel ist das von Lars Ricken, der ja Kultspieler beim BVB war seinerzeit, und dann übergewechselt ist, jetzt das Nachwuchsleistungszentrum bei Borussia Dortmund leitet. Das ist eine schöne Geschichte, aber mir sind auch viele Geschichten bekannt von Spielern, die Anschlussverträge nach ihrer Karriere frühzeitig ausgehandelt hatten als Spieler. Und fast alle dieser Anschlussverträge sind am Ende aufgelöst worden, weil sich gezeigt hat, dass die Clubs gar nicht wirklich interessiert waren daran, die Spieler dauerhaft zu beschäftigen.

Was auch problematisch ist, wenn die Spieler nicht eine spezifische Ausbildung mitbringen. Denn Fußball, Profifußball ist hoch professionalisiert auch im Management. Und wer dort in der Finanzabteilung arbeiten will, der braucht eine gute kaufmännische Ausbildung. Wer im Rechtsbereich arbeiten will, braucht eine juristische Ausbildung, und auch in der Presseabteilung muss man vorher auch schon mal journalistisch gearbeitet haben.

Müller: Journalistisch arbeiten, Stichwort für meine letzte Frage, bitte mit kurzer Antwort: Olli Kahn hat auch noch eine Weile gebraucht, bis er nach seiner Karriere wusste, was er machen will. Der ist jetzt im Journalismus, oder wenn man das so nennen will, jedenfalls angekommen. Ist der nicht auch so ein bisschen gefragt, also die ganz Großen - der ist immer verlacht worden, dass er im Bayern-Bus Bücher gelesen hat und nicht am Gameboy daddelte. Sollten die sich vielleicht nicht auch mal ein bisschen engagieren, sollen sich hinstellen und sagen, passt mal auf, Jungs, man muss was tun?

Baranowsky: Olli Kahn ist ein sehr gutes Beispiel. Ist ja auch noch VDV-Mitglied, unterstützt also auch nach der Karriere noch seine Kollegen. Hat einen Master gemacht in Business Administration, arbeitet nebenbei beim ZDF in der Tat journalistisch. Soll sogar darüber nachdenken, noch zu promovieren. Und da muss man schauen, wie sein Weg weiterläuft.

Er hat vieles richtig gemacht, das muss man sagen, und ist auch ein Vorbild, auch in seinem sozialen Engagement. Er setzt sich ein für die sozialen Stiftungen des DFBs, besucht Gefängnisse, spricht mit den Gefangenen, um Wege auch zu bahnen in das Leben danach wieder. Und viele Spieler können sich eine Scheibe auch von Oliver Kahn abschneiden, der da wirklich viel Gutes tut und vieles richtig macht.

Müller: Letzte Frage: Wer wird Meister?

Baranowsky: Ja, das ist immer ganz, ganz schwierig. Wünschen wir uns gute Spieler. Als Orakel sollte man sich ja nicht versuchen. Ich drücke grundsätzlich immer den Teams mit ganz vielen VDV-Mitgliedern die Daumen, und da sind einige in Betracht.

Müller: Sagt Ulf Baranowsky, er ist der Geschäftsführer der Spielergewerkschaft Vereinigung der Vertragsfußballspieler, und wir haben darüber gesprochen, was ist nach dem Ruhm, wenn Profifußballer ihre Karriere beendet haben, denn heute ist ein ganz wichtiger Tag für die Fußballbundesliga: Es geht in die 50. Saison. Herr Baranowsky, haben Sie vielen Dank!

Baranowsky: Ja, alles Gute!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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