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Thema / Archiv | Beitrag vom 24.09.2010

Problemhund oder Problemmensch?

Tipps von Deutschlands bekanntestem Hundeversteher

Martin Rütter im Gespräch mit Matthias Hanselmann

Rütter: "In 99 Prozent der Fälle ist das Problem ja nicht der Hund." (AP)
Rütter: "In 99 Prozent der Fälle ist das Problem ja nicht der Hund." (AP)

Martin Rütter ist eine "glühender Fan des Hundeführerscheins". Im Interview erklärt er, warum Schwanzwedeln Aggressivität bedeuten kann, dass jeder Hund hat eine andere Persönlichkeit hat und was die Dackelerziehung von der Kindererziehung unterscheidet.

Matthias Hanselmann: Sein Name ist Martin Rütter, und er ist, wie man so schön sagt, bekannt durch Funk und Fernsehen. Und zwar als Deutschlands berühmtester Hundeversteher. Er ist Tierpsychologe und Hundetrainer. Ist das Problem der Hund oder manchmal auch der Mensch? Was machen wir falsch beziehungsweise was können wir besser machen als Hundebesitzer? Darüber habe ich mit ihm vor der Sendung gesprochen, und meine erste Frage war: Es ist ja immer von artgerechter Haltung die Rede in Bezug auf Tiere und Haustiere, was ist denn heutzutage eine artgerechte Haltung für einen Hund?

Martin Rütter: Na ja, eigentlich müsste man, wenn man von artgerecht spricht, den Hund frei durch den Wald rennen lassen und sagen: 'Hör mal, viel Spaß, gute Reise, bring zwei kleine Rehlein mit!' Das geht natürlich nicht. Aber wir müssen der Sache so nah wie möglich kommen, das heißt, wir dürfen nicht nur unsere Bedürfnisse auf den Hund stülpen, sondern auch viele Bedürfnisse des Hundes stillen. Und da wird leider manchmal vergessen, dass Hunde sehr gerne beschäftigt werden.

Hanselmann: Also ich brauche nicht unbedingt einen Bauernhof oder ein Haus auf dem Land, um einen Hund halten zu können, artgerecht?

Rütter: Nein, das ist ja einer der größten Irrglauben. Also ich höre ganz oft: Ja, dieser Hund wird nur abgegeben an Menschen, die einen großen Garten haben – und das ist wirklich Blödsinn. Also man kann durchaus auf 40 Quadratmeter zwei, drei große Doggen halten und wunderbar glücklich sein, WENN man die Hunde ausreichend beschäftigt. Also die Wohnung, das Haus empfinden Hunde nur als Ruhezone. Also wenn Sie ein großes Haus haben und die Hunde rennen immer um den Küchentisch rum, dann gibt es ein Problem, aber nicht besonders quirlige Hunde.

Hanselmann: Aber genügend Auslauf brauchen sie dann natürlich auch draußen in der Natur?

Rütter: Ganz klar, also Bewegung ist ein wichtiger Punkt, aber sehr häufig wird Beschäftigung vergessen. Also ich sag ganz oft: Mensch, das Problem ist, der Hund hat zu wenig Beschäftigung. Und dann schreien die Leute immer: Wir gehen ja spazieren und spazieren – aber das hat nichts mit Beschäftigung zu tun.

Hanselmann: Was gibt es denn außerdem noch für sagen wir mal Grundregeln in Bezug auf den Hund, die der Mensch beachten muss?

Rütter: Zunächst mal kann man sagen, dass jeder Hund eine eigene Persönlichkeit hat. Also, es gibt Hunde, da kann man Fünfe gerade sein lassen und man bekommt trotzdem kein großes Problem. Und dann gibt es Hunde, da muss man aber sehr, sehr genau die Spielregeln einhalten, sonst hat man ein ernstes Problem. Nur grob verallgemeinert kann man sagen, dass Hunde - sagen wir mal - so wechselhaftes Verhalten nicht gern haben. Also wenn sie den Mann vom Joggen nach Hause kommend anspringen dürfen, aber wenn er den Frack und den Zylinder anhat, dann geht das nicht mehr, das verstehen Hunde nicht. Und deshalb wünsche ich mir, dass die Menschen sich über Regeln vorher im Klaren sind, also dass man sagt, das und das sind unsere Spielregeln hier im Haus, und die gelten dann halt immer.

Hanselmann: Warum kommen die Menschen zu Ihnen, zum Hundetrainer oder auch Hundeversteher – das darf ich doch sagen, oder?

Rütter: Ja.

Hanselmann: Warum kommen sie zu Ihnen, mit welchen Hundeproblemen?

Rütter: Ja, es gibt zwei Kategorien. Also die einen kommen, weil es schon zu Hause richtig kracht, also der Hund fällt Hunde an, geht auf Menschen los, hat Ängste, zerstört die Wohnung, kann nicht gut allein bleiben und so weiter. Das ist die eine Kategorie. Und die andere Kategorie hat inzwischen mitgekriegt, ja, man darf mit Hunden auch was machen, bevor man Probleme hat, damit die erst gar nicht auftauchen. Und das erlebe ich vor allen Dingen bei meinen Bühnenprogrammen. Also ich mache etwa 80 Veranstaltungen im Jahr. Wir haben so im Schnitt 2000 Leute da sitzen. Und das ist wirklich ganz, ganz spannend, dass mindestens 1500 von denen zwar einen Hund haben, aber überhaupt kein Problem haben, sondern einfach nur einen ganz schönen Abend über die Beziehung Mensch und Hund erleben wollen. Und das ist auch eine Entwicklung, die sehr positiv ist.

Hanselmann: Kommen auch Menschen, die nur glauben, sie hätten ein Hundeproblem und haben vielleicht in Wirklichkeit ein eigenes, ein Menschenproblem?

Rütter: Ja, natürlich, in 99 Prozent der Fälle ist das Problem ja nicht der Hund. Also ich habe etwa fünfeinhalbtausend Hunde im Training gehabt, und mir fallen jetzt so auf Anhieb keine fünf ein, wo ich sagen würde, oh, dieser Hund war aber genetisch schon wirklich ein Problem, sondern es ist sehr häufig dieses Wechselspiel zwischen Mensch und Hund, also dass die Menschen na ja zum Teil sehr verklärt auf den Hund schauen, sehr menschlich interpretieren und dadurch die Probleme sich wirklich hochschaukeln. Und dann ist es ja für die Menschen immer so erstaunlich, wenn ich mit dem Hund was mache, ist das Problem auf einmal weg, das hat aber nichts mit mir zu tun, sondern einfach nur mit denen.

Hanselmann: Haben Sie da vielleicht ein typisches Beispiel dafür?

Rütter: Ja, der absolute Klassiker ist das Ziehen an der Leine. Die meisten Menschen haben ja täglich das Erlebnis, dass der Hund zieht wie verrückt, und die fragen sich immer, Mensch, wie kann das denn, und jetzt nehme ich den Hund an die Leine, und der hört sofort auf zu ziehen. Und das hat einfach damit zu tun, dass ich sehr genau bin.

Die meisten Hunde ziehen an der Leine, weil sie gelernt haben, dann kriege ich Aufmerksamkeit. Also die Kette ist, man geht mit dem Hund spazieren, der trödelt irgendwie so mit, und man sagt nichts. In dem Moment, wo er anfängt zu ziehen, sagt man 'Nein, aus, pfui', und der Hund guckt hoch und denkt, 'Ah, okay, die lebt noch und die lebt besonders stark, wenn ich ziehe'.

Das heißt also, die Menschen machen den Fehler, dass die ein negatives Verhalten im Grunde verstärken, indem sie Aufmerksamkeit geben. Und bei mir ist es genau umgekehrt: Wenn der Hund Blödsinn macht, wende ich mich ab und interessiere mich nicht für den Hund, und in dem Moment, wo er etwas richtig macht, bin ich aber ganz, ganz großer Sozialpartner, spiele mit ihm oder füttere ihn.

Hanselmann: Eine Sache muss ich ansprechen, gerade weil sie wieder durch die Presse gegangen ist: In Cottbus hat ein Hund ein Baby tot gebissen, der Husky hat den Kinderwagen mit dem acht Wochen alten Mädchen umgestoßen und sich dann auf das Kind gestürzt, das Kleine starb dann wenig später an den schweren Bissverletzungen. Herr Rütter, was läuft in solchen Fällen schief?

Rütter: Ja, zunächst kann ich natürlich den Fall nicht beurteilen, weil ich den Hund nicht kenne. Aber ich werde ja als gerichtlicher Gutachter sehr regelmäßig bei solchen Dingen zurate gezogen, und ich erlebe immer wieder, dass die Menschen zwar sagen: 'Boah, das ist aus heiterem Himmel passiert, wir können es uns nicht erklären'. Wenn ich aber genau nachfrage, erlebe ich immer eine Verhaltenskette, die es angesagt hatte.

Ich sage Ihnen ein Beispiel: Ich habe gerade einen Hund im Training, der hat einem sechsjährigen Kind die Achillessehne durchgebissen. Und da sagten die Menschen, ja, der hat den aber so geliebt und sie waren die dicksten Freunde. Und als ich gefragt habe, 'Mensch, wie hat sich die Liebe geäußert', haben die mir beschrieben, dass dieser Australian Shepherd, dieser Hund, der es getan hat, dieses Kind seit einem Jahr auf Schritt und Tritt verfolgt und eigentlich ständig in einer Lauerposition war zu sagen, so, jetzt kommt der richtige Moment, und dann maßregele ich das Kind. Die Leute fanden es aber niedlich, 'Ach, guck mal, der latscht immer hinterher', sprich, sie haben es noch unbewusst gefördert, und irgendwann kommt dann der Moment.

Das ist ja auch der Grund, warum ich wirklich ein glühender Fan des Hundeführerscheins wäre, denn die meisten Beißunfälle, die passieren, die passieren in den eigenen vier Wänden mit Freunden und Bekannten, und noch nicht mal in so einer Situation, wo ein Hund jetzt das Grundstück bewacht. Und das passiert durch Unwissenheit. Das bedeutet, die Menschen sind ja hoch motiviert, mit dem Hund zusammenzuleben, aber interpretieren manchmal die elementarsten Dinge falsch. Und dadurch entstehen Missverständnisse. Wir haben letztes Jahr 2000 Hundehalter befragt, die mehr als zehn Jahre einen Hund hatten, und haben gefragt: 'Was bedeutet es, wenn der Hund mit dem Schwanz wedelt?' Jetzt frage ich Sie: Was bedeutet es?

Hanselmann: Landläufig Freude.

Rütter: Genau, und das ist natürlich kein Ausdruck von Freude. Wir malen uns nur den Dackel aus, der vor dem Mauseloch steht. Versprochen, der wackelt mit dem Schwanz vor dem Mauseloch, aber der ist nicht freundlich zur Maus. Also das heißt, Schwanzwedeln kann Freude in einem gewissen Kontext sein, kann aber auch höchst aggressive Erregung bedeuten. Und wenn so eine Kleinigkeit von den meisten Hundehaltern – also 1400 haben Freude angeklickt übrigens –, wenn die meisten Hundehalter denken, das ist Freude, dann darf man sich auch nicht wundern. Und deshalb muss Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Hanselmann: Deutschlandradio Kultur, das "Radiofeuilleton", wir sprechen mit Martin Rütter. Er ist Hundespezialist. Unser Thema: Problem Hund oder Problem Mensch. Herr Rütter, ein Zitat, Friedrich der Große hat gesagt: Hunde haben alle guten Eigenschaften der Menschen, ohne gleichzeitig ihre Fehler zu besitzen. Würden Sie das unterstreichen?

Rütter: Würde ich in keinem Fall unterstreichen, und ich finde auch Menschen, die, na ja, so die Geisteshaltung haben, 'Ja, ach die Menschen haben mich immer enttäuscht, aber die Hunde sind es', da muss man ja eigentlich von einem psychosozialen Defekt sprechen. Also die Menschen, die sich nur noch Tieren verschreien, das ist ja nicht normal.

Hanselmann: Aber was macht den Hund zum besonderen Haustier im Vergleich zu anderen?

Rütter: Ja, der Hund hat eine Eigenschaft, die sonst kein anderes Haustier leisten kann, denn er kann Artfremde als 100 Prozent gleichwertigen Sozialpartner sehen. Also sprich, der Hund kann mich exakt gleichwertig eines Hundes betrachten. Das können andere Haustiere nicht – das kann eine Katze nicht, das kann ein Pferd nicht, das kann ein Singvogel nicht. Also das bedeutet, der Hund lässt uns extrem nah an seinen sozialen Verband ran. Der sieht mich als vollwertigen, gleichwertigen Partner. Das macht diese Nähe und das macht diesen Spaß und dieses Feedback, das bedeutet aber auch, dass der Hund eine so hohe Erwartungshaltung an uns hat wie kein anderes Tier.

Hanselmann: Apropos gleichwertiger Partner: Gibt es so etwas wie einen dominanten Hund, der sein Herrchen oder Frauchen im Griff hat, der über sie bestimmt?

Rütter: Also die Formulierung 'der dominante Hund' wäre sogar wissenschaftlich falsch. Denn Dominanz kann immer nur eine einzelne Situation ausdrücken. Also in einer Situation kann ich die dominante Position haben und in der nächsten wieder die submissive unterwürfige Position. Sprich, es gibt sicherlich Hunde, die eine Tendenz dazu haben, in mehr Positionen Dominanz zu ergreifen als andere, aber den dominanten Hund gibt es sicherlich nicht.

Hanselmann: Gibt es eigentlich Hunde – Sie haben es ja vorhin angesprochen – mit verschiedenem Charakter, das ist klar, aber dann müsste es ja auch Hunde geben, die zu bestimmten Menschen besser passen als andere, also vom Charakter des Hundes und des Menschen her?

Rütter: Ja, das ist definitiv so, also das erlebe ich manchmal dramatisch, wenn ich zu Hausbesuchen komme und denke: 'Mein Gott, wieso haben die denn den Hund genommen, der passt doch überhaupt nicht zu denen.' Wir versuchen hier Aufklärungsarbeit zu leisten und die Leute zu beraten, bevor sie einen Hund haben. Und ich sage ein extremes Beispiel: Ich komme zu einem Hausbesuch, da ist eine alleinerziehende Mutter, die hat drei Kinder unter sechs Jahre alt und kauft sich einen Jack-Russell-Terrier-Welpen dazu. Also der Frau kann ich nur Ohrenstöpsel empfehlen, aber mehr auch nicht. Die hat keine Chance, das geht nicht. Also man muss schon ein bisschen schauen, welcher Hund passt zu mir.

Hanselmann: Können wir aus der Hundehaltung und -erziehung etwas lernen in Bezug auf Kinder?

Rütter: Auf jeden Fall. Ich selber habe ja vier Kinder, und für mich war das zuvor reflektierte Betrachten von Erziehung, auch wenn es nur mit Hunden ist, eine große Hilfe als Vater. Und ich denke, dass Hundeerziehung und Kindererziehung sehr, sehr ähnlich ist, nur mit einem ganz gravierenden Unterschied: Also beide brauchen Regeln, ganz klar. Aber bei den Kindern bin ich ja bestrebt, so schnell wie möglich selbstständige Lebewesen daraus zu machen. Und beim Hund muss ich immer darauf achten, dass er die größtmögliche Unselbstständigkeit behält, denn sobald er selbstständig wird, wird er wirklich freilebend und ich habe eigentlich keine Chance mehr.

Hanselmann: Problem Hund oder Problem Mensch – wir haben gesprochen mit dem bekannten Hundeversteher und Tierpsychologen Martin Rütter. Vielen Dank, Herr Rütter, nach Köln, tschüss!

Rütter: Sehr gerne, tschüss!

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