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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 16.08.2007

Presse zum Anklicken

Im Internet funktioniert Journalismus anders als in den klassischen Medien

Von Dirk Asendorpf

Computerarbeitsplatz (Stock.XCHNG / Daniel V.)
Computerarbeitsplatz (Stock.XCHNG / Daniel V.)

Seit 1994 gehen Deutschlands Medien online. Wie in Zeitung, Hörfunk, Fernsehen geht es auch im Onlinejournalismus um Information und Unterhaltung. Dennoch ist einiges anders: Texte, Bilder und Videos können beliebig kombiniert werden, Platz ist nahezu unbegrenzt verfügbar und einen Redaktionsschluss oder feste Sendezeiten gibt es nicht mehr.

"So, tach liebe User, vielleicht würd ick mir jetzt mal wünschen, dass ick mit nem johlenden, pfeifenden Beifall begrüßt werde, würd ick nochmal rausgehn und wieder rinkommen und nochmal tach liebe User sagen …"

Große Klappe, viel dahinter – unter diesem Motto präsentiert Jürgen Kuttner seine Videoshow in der Netzeitung. Sie ist Deutschlands erstes und bislang auch einziges journalistisches Medium, das ausschließlich im Internet erscheint. Neben den klassischen Rubriken – Deutschland, Ausland, Wirtschaft, Vermischtes, Sport – hat sich hier einiges entwickelt, was es in einer gedruckten Zeitung nicht gibt – und auch nicht geben kann.

Audio- und Videoclips, Reklamebildchen, die über die Titelseite schweben, ein kostenloses Archiv aller jemals erschienenen Artikel, Fotogalerien, direkte Links auf Originalquellen und Hintergrundinformationen.

"Hallo, ich begrüße Sie zu den Spiegel-TV-Nachrichten aus Berlin. Im Drama um die mysteriöse Entführung."

Das Hamburger Nachrichtenmagazin war 1994 das erste deutsche Medium im Internet. Mathias Müller von Blumencron ist Chefredakteur von Spiegel-Online und strotzt – wie viele seiner Online-Kollegen – vor Selbstbewusstsein.

"Wir werden irgendwann mehr Leser haben als der Print-Spiegel, ob das nun in drei, vier oder fünf Jahren ist, werden wir sehen. Das ist aber nichts Unübliches, es ist nur in Deutschland noch nicht soweit. In anderen Ländern auf der Welt ist es längst so, dass die Online-Seiten mehr Leser haben als ihre Print-Mütter."

Ohne Redaktionsschluss oder feste Sendezeit können Nachrichten und Kommentare online sofort veröffentlicht werden. Und auch die Frage, ob sie bei den Lesern auf Gegenliebe stoßen, lässt sich umgehend beantworten. Jeder Zugriff wird in Echtzeit registriert und in übersichtlichen Tabellen und Grafiken angezeigt.

"Unsere Seite wird alle Viertelstunde ausgewertet, wir haben also genaue Zahlen darüber, wie einzelne Geschichten bis hin zu einzelnen Bildern laufen, wie jedes klickbare Element auf der Seite läuft. Darauf hat natürlich jeder Redakteur Zugriff, hat es an seinem Arbeitsplatz."

Christoph Neuberger ist Medienwissenschaftler an der Universität Münster und verfolgt derartige Veränderungen, die das Internet für den Journalismus mit sich bringt.

"Das ist ne Gefahr, dass Journalismus zum Wunschkonzert wird, also dass man nur noch das liefert, was sich das Publikum wünscht. Nach außen hin sagen natürlich die Redaktionen, dass sie das nicht machen würden. Dennoch kann man den Verdacht haben – also wenn man sich etwa die Themenauswahl ansieht bei Spiegel-Online, die doch einen Drall ins Boulevard-mäßige hat, dass die Publikumsbedürfnisse doch eine sehr große Rolle spielen."

"Jetzt muss ick mal aus’m Nähkästchen plaudern hier. Der Dings mit den höchsten Zugriffen war Sex im Titel. Insofern heißt der heutige Video-Blog-Vortrag Second Life und Dritte Zähne und Porno. Aber Porno spielt praktisch überhaupt jar keene Rolle, sondern dient nur Ihren Zugriffszahlen …"

Jürgen Kuttners Beiträge in der Netzeitung sind eher Blog als Journalismus, so genau ist das oft aber gar nicht zu unterscheiden. Schon vor dem Internetzeitalter waren die Grenzen zwischen subjektiver Betrachtung und objektiver Berichterstattung fließend, inzwischen drohen sie verloren zu gehen.

Quick and dirty ist das Motto in vielen Internet-Redaktionen. Die meisten der rund 5000 deutschen Onlinejournalisten arbeiten mehr und verdienen weniger als ihre Kollegen in den klassischen Medien. Auch beim Spiegel ist das so, doch liegen die Gehälter der Online-Redakteure dort bereits über dem an Tageszeitungen üblichen Satz. Die vom gedruckten Magazin gewohnte Qualität will man online trotzdem nicht mehr bieten.

"Wir können natürlich die Spiegel-Online-Geschichten nicht in dem Maß Fact-Checken wie die Print-Kollegen das erwarten und wie es dort drüben praktiziert wird. Wir haben einfach nicht so viel Zeit, wir müssen schneller raus, der Leser erwartet es von uns und auch die Ereignisse gebieten es. Wir können nicht zwei Stunden warten, bis eine Geschichte von oben bis unten durchgecheckt ist."

Erst veröffentlichen, später wieder korrigieren. In den klassischen Medien ist das unmöglich. Ist eine Falschmeldung erst einmal gedruckt oder gesendet, lässt sich die Panne nicht mehr beheben. Anders im Internet: Alles, was auf einer Website steht, kann jederzeit verändert werden.

"Natürlich verändern wir Geschichten nachträglich. Das passiert häufig auf Reaktion von Lesern. Denn die Mails, die wir von Lesern bekommen, sind häufig die ersten Hinweise, dass wir möglicherweise an der einen oder anderen Stelle einen Fehler gebaut haben. Wichtig ist: das muss natürlich möglichst transparent sein. Das heißt, dass man dem Leser mitteilt, dass die vorherige Version der Geschichte Fehler enthalten hat und dass wir sie korrigiert haben."

Eine ordentliche Portion Skepsis ist die wichtigste Voraussetzung für Leser, Hörer und Zuschauer der neuen Online-Medien. Davon ist der Medienwissenschaftler Christoph Neuberger überzeugt.

"Im Internet kann man sehr schnell publizieren. Das verführt sehr leicht dazu, Dinge ungeprüft zu veröffentlichen und dann nachträglich zu korrigieren. Das fordert von jedem Leser eigentlich ne sehr viele größere Aufmerksamkeit und ein sehr viel größeres Misstrauen als er wir das bisher von den Medien kannten, wo man immer unterstellen durfte: Das ist schon einmal durch die Hände eines Redakteurs gegangen, der die Sache geprüft hat."

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