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Reportage / Archiv | Beitrag vom 30.04.2013

Prekäres Arbeiten

Alltag auf dem Jugendamt

Von Susanne Arlt

In Berlin verschickten Vertreter der Jugendämter einen Brandbrief, mit dem eine Erhöhung des Personals gefordert wird.  (AP)
In Berlin verschickten Vertreter der Jugendämter einen Brandbrief, mit dem eine Erhöhung des Personals gefordert wird. (AP)

Kaum eine Woche vergeht, in der nicht ein Kind aus einer verwahrlosten Wohnung befreit werden muss. Die Presse berichtet, die Öffentlichkeit reagiert geschockt, und im gleichen Atemzug wird die Frage gestellt: Und wo war das Jugendamt - die Jugendämter sind chronisch unterbesetzt.

Warum das Jugendamt? Diese Frage tönt oft aus der Gegensprechanlage, wenn Sema Karaoglan und ihre Kollegin Sabine Lenk um Einlass bitten. Klingelt das Jugendamt an der Haustür, sind in den seltensten Fällen die Menschen darüber erfreut. Die beiden Frauen kennen das, nehmen es gelassen, bleiben höflich, aber hartnäckig.

"Könnten Sie bitte aufmachen, ich würde gerne vor der Haustür mit Ihnen sprechen"

Sema Karaoglan und Sabine Lenk sind auf der Suche nach einem drogenabhängigen Mann. Er soll hier allein mit seinen beiden Kindern leben. Die sind in Gefahr, befürchtet ein Mitarbeiter der Drogenberatungsstelle und hat darum das Jugendamt informiert. Die beiden Sozialpädagoginnen entscheiden, den Fall vor Ort zu überprüfen. Sabine Lenk lässt ihrer Kollegin den Vortritt. Sema Karaoglan spricht türkisch. Immer häufiger gehören auch türkische Familien zu unseren Klienten, sagt Sabine Lenk:

"Es gibt mehr Trennungen. Als ich hier angefangen habe, war das hier noch eher selten, dass hier zum Beispiel türkische Familien von Scheidung redeten. Die hatten dann fünf, sechs Kinder und haben es zusammen geregelt. Da ist mittlerweile auch früher die Bereitschaft zu sagen, wir trennen uns."

Oft kommt alles zusammen

Mehr Trennungen bedeuten in der Regel auch mehr Arbeit für die Jugendamt-Mitarbeiterinnen. Sabine Lenk kümmert sich um 78 Familien. Das sind zu viele, sagt sie, denn die schweren, komplexen Fälle steigen kontinuierlich. Arbeitslosigkeit, Drogen, Gewalt, Alkohol, Verwahrlosung - oft kommt alles zusammen. Darum beschleicht sie manchmal ein ungutes Gefühl.

Sabine Lenk: "Bei 78 Fällen ist es so, dass man an der Qualität an einigen Stellen reduzieren muss. Also, indem man Gespräche kürzer macht, indem man Hilfepläne kürzer formuliert, indem man Dinge, die man gerne im privaten Gespräch klären will auch mal telefonisch klärt. Es ist das eine, dass man die Qualität nicht mehr abliefern kann, und das andere, dass es einen im Prinzip dann selber auch belastet. Das ist so."

Oben angekommen öffnet ein etwa 30-jähriger Mann die Wohnungstür. Zu sehen sind ein lang gestreckter Flur, aber keine Kinder.

"Beratungsstelle für Drogen haben Sie sich anscheinend hingewendet. Nee, ... nein? Aber man hat uns angerufen ..."

Sema Karaoglan setzt das Gespräch lieber auf Türkisch fort, das schafft mehr Vertrauen. Sabine Lenk studiert den Wohnungsflur, lauscht. Vielleicht gibt es Kinderstimmen, vielleicht liegt Spielzeug herum.

"Okay, kein Problem, ihr wollt nur helfen, aber das sind falsche Angaben ... kein Problem. Schönen Tag, tschüss."

Sema Karaoglan dreht sich achselzuckend zu ihrer Kollegin um. Auf dem Weg nach unten fasst sie das Gespräch kurz zusammen. Vermutlich handelt es sich bei dem Drogenabhängigen um den Bruder. Der hat aber keine Kinder. Also viel Lärm um nichts? Sabine Lenk schüttelt den Kopf.

Sabine Lenk: "Na ein Stück weiter sind wir. Wir müssen jetzt mal weiter nachhaken, müssen jetzt mal mit der Drogenberatungsstelle Kontakt aufnehmen und denen mitteilen, dass die Angaben, die der Mann gemacht hat, falsch sind, dann war es viel Mühe für nichts."

Im Aktenschrank stapeln sich die Fälle

Aber das kann man ja vorab nicht ahnen. Also lieber eine Kinderschutzmeldung zu viel überprüfen als eine zu wenig. Laut einer Studie der Berliner Senatsverwaltung sollte ein Jugendamt-Mitarbeiter nicht mehr als 35 Fälle gleichzeitig betreuen, wenn es um sogenannte Hilfen zur Erziehung geht. Dazu zählen die Unterbringung in einem Heim oder in einer betreuten Wohngruppe. Cornelia Reszat kann über diese Zahlen nur müde lächeln. Die 51-Jährige arbeitet im Jugendamt Berlin-Tempelhof.

In ihrem Aktenschrank an der Wand stapeln sich insgesamt 129 Fälle, mindestens 50 davon sind Hilfen zur Erziehung. Über diese Familien hat das Jugendamt die Kontrolle. Schlaflose Nächte bereiten ihr jedoch die Familien, in denen sie Gewalt, Missbrauch, Drogenprobleme vermutet, die aber alles vertuschen können.

Cornelia Reszat: "Spontan fallen mir drei Familien ein, wo ich diese Ängste wohl auch ab und an habe. Wo ich halt weiß, ich muss da eigentlich öfter mich mit beschäftigen, ich müsste da eigentlich mehr rein, aber hier in diesem Arbeitsalltag ist es nicht möglich. Ich habe definitiv zu viele Familien, die ich betreue.

Es gibt zu viele Kriseneinsätze und überraschende Entwicklungen, die es nicht zulassen, fachlich so genau zu arbeiten, wie ich das für notwendig halten würde. Das ist das Büro einer Kollegin, die sich letztes Jahr im Sommer wegbeworben hat."

Sie zieht den Besucher am Ärmel ins benachbarte Büro. Es riecht nach Wurst und Schmelzkäse. Die Mitarbeiterinnen des Tempelhofer Jugendamtes treffen sich hier zum Mittagessen, seit die Kollegin die Segel gestrichen hat. Ihr ist einfach alles zu viel geworden, sagt die 51-jährige Sozialpädagogin. Und es ist nicht die Einzige, die sich einen anderen Job sucht.

"Kinderschutz lässt sich nicht zum Nulltarif machen"

Cornelia Reszats öffnet die nächste Tür. Dahinter wieder gähnende Leere. Fünf Stellen fehlen zurzeit wegen Dauererkrankung und Erziehungsurlauben. Cornelia Reszat hat darum mit ihren Kolleginnen einen Brandbrief verfasst:

"Kinderschutz lässt sich nicht zum Nulltarif machen und auch nicht finanzneutral. Und insofern muss da eigentlich die Entscheidung getroffen werden beim Senat, da wird mehr Geld investiert."

Cornelia Reszat läuft zurück zum Aktenschrank, sucht im Hängeregister nach einer neuen Akte. In einer halben Stunde beginnt eine sogenannte Hilfekonferenz. Das wird ein schwieriges Gespräch, denn Cornelia Reszat will ein kleines Mädchen aus der Familie nehmen. Die Mutter soll zustimmen. Doch statt der Mutter steht plötzlich ihre Kollegin Astrid Langbein im Zimmer.

Astrid Langbein und Cornelia Reszat:

"Tür geht auf ... Ich habe eine Kinderschutzmeldung bekommen und brauche eine zweite Fachkraft. ... Ach, ich habe in zehn Minuten hier eine riesen Hilferunde. ... Wen hast du denn schon gefragt? ... Ich war bei Claudia, die ist zum Hausbesuch und dann sieht es schon wieder schlecht aus."

Cornelia Reszat runzelt kurz die Stirn, spielt im Geist kurz alle Möglichkeiten durch, schüttelt dann den Kopf. Ein Säugling ist in Gefahr, die Mutter drogenabhängig. Das hat Vorrang. Die Teilnehmer der Hilfekonferenz sollen auf sie warten. Sie klappt die Akte wieder zu und schnappt sich den Mantel.

Die Zeit drängt.

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