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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 26.06.2006

Preisträgerin verteidigt Bachmann-Wettbewerb

Kathrin Passig: Elite-Vorwurf muss man nicht ernst nehmen

Moderation: Holger Hettinger

Kathrin Passig gewann den Wettbewerb. (AP)
Kathrin Passig gewann den Wettbewerb. (AP)

Die Gewinnerin des<papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="132293" text="Ingeborg-Bachmann-Preises" alternative_text="Ingeborg-Bachmann-Preises" />, Kathrin Passig, hat sich gegen den Vorwurf gewehrt, die in Klagenfurt gelesenen Texte seien elitär. "Das habe ich schon so oft gehört. Dieser Vorwurf, elitär zu sein, ist keiner, den man jemals in irgendeinem Zusammenhang ernst nehmen muss", sagte Passig. Gleichzeitig versicherte die hauptsächlich als Kolumnistin und Web-Entwicklerin arbeitende Autorin, auch weiterhin literarische Texte verfassen zu wollen.

Hettinger: Kathrin Passig hat nicht nur den Hauptpreis gewonnen, sondern auch den Publikumspreis. Da wurde der Sack zugemacht, wie er noch nie zugemacht wurde, wie das ein sympathisches Internetforum kommentiert hat. Kathrin Passig, herzlichen Glückwunsch zu diesem spektakulären Doppelerfolg!

Passig: Danke!

Hettinger: Frau Passig, es war ein besonderer Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, gleich drei Jubiläen standen an: der 30. Wettbewerb, der 80. Geburtstag von Ingeborg Bachmann im Umfeld der Veranstaltung und zehn Jahre Literaturkurs. Wie haben Sie die Stimmung empfunden, war das hoch aufgeladen?

Passig: Ich glaube, es war so wie immer, aber ich war ja erst einmal da, 2005, also ich kann es nicht wirklich vergleichen.

Hettinger: Sie haben einen Text vorgetragen, "Sie befinden sich hier". Es geht um jemanden, der kurz vor dem Erfrieren steht und seine letzten Eindrücke schildert. In den letzten Jahren war die Forderung der Jury nach relevantem Realismus allgegenwärtig, was so viel heißt, dass die Autoren gerne über den Alltag schreiben können, aber bitteschön nicht unbedingt darüber, wie sie jetzt Toast oder Toilettenpapier kaufen. Inwieweit hat Sie diese Diskussion in Ihrer Textgestaltung und in Ihrer Themenauswahl beeinflusst?

Passig: Mich stört das persönlich, wenn Autoren so ungemildert über ihren eigenen Autorenalltag schreiben, was ja oft dann doch nicht so interessant ist.

Hettinger: Stattdessen eine Person, ob Mann, ob Frau, bleibt unklar, die in einer Extremsituation steckt und der allerlei Gedanken durch den Kopf gehen. Was hat Sie daran gereizt, dieses Thema literarisch umzusetzen?

Passig: Ich habe es sehr gerne, wenn unzuverlässig erzählt wird. Und diesen Kontrast zwischen Zuversicht dieser Figur, der das alles widerfährt, und der ganz offensichtlichen Aussichtslosigkeit der Lage für den Leser, das hat mich gereizt. Also zum einen sind die Fakten, die da so besserwisserisch transportiert werden in dem Text, größtenteils falsch. Es ist nicht alles falsch, also es wird unzuverlässig und zuverlässig erzählt, manches stimmt auch.

Zum anderen kann man ja, denke ich, zumindest anfangs vielleicht, dem Ganzen noch Glauben schenken und denkt sich: Na gut, dann wird wohl am Ende vielleicht doch irgendwie ein Plan stehen, ein guter, durchdachter Plan - zumindest hoffe ich, dass der Leser darauf wenigstens kurzfristig reinfällt.

Hettinger: Welche Rolle spielt der Juror im Hintergrund, der Ihren Text für den Wettbewerb in Klagenfurt ausgewählt hat?

Passig: Ich habe mich von Frau Strigl ausgezeichnet betreut gefühlt. Unter anderem hat sie eine gründliche Textkorrektur am Ende noch gemacht. Und da ich selbst meinen Lebensunterhalt schon mit Korrektorat verdient habe und eigentlich überzeugt davon war, wenn ich über den Text drübergegangen bin, dann ist da nichts mehr, hat mich das schon überrascht, was Frau Strigl da noch drin gefunden hat. Und es sind einige Texte im Wettbewerb gewesen dieses Jahr, wo niemals irgendjemand drübergegangen ist und vielleicht noch die Kommas reingemacht hat.

Da war ich zum einen sehr dankbar, und zum anderen, glaube ich, hat der, wenn ich das richtig verstanden habe, der Text Frau Strigl auch deshalb gefallen, weil sie selbst, genau wie ich, dazu neigt und auch mit Vergnügen, unvorbereitet irgendwelche Situationen in freier Natur zu beraten und sich bei jeder Gelegenheit zu verlaufen. Ich glaube, das ist eine Freude am Verirren, die wir beide teilen.

Hettinger: Diese andere Sicht, diese weitere Sicht auf Texte, das ist ja eigentlich auch das Prinzip an Klagenfurt, wenn nach dem Vortrag des Textes die Jury in oft lustvoll erbitterter Debatte diese Texte förmlich auseinandernimmt. Haben Sie durch die Kritik, durch die Diskussion Ihres Textes durch die Jury nochmal anders auf Ihren Text geschaut, möglicherweise auch etwas Neues über die eigene Darstellung erfahren?

Passig: Nein. Aus Kritik, denke ich, lernt man mehr als aus Lob, und das wurde ja fast ausschließlich gelobt. Wenn jetzt ordentlich kritisiert worden wäre, hätte ich vielleicht etwas gelernt, aber so, nein.

Hettinger: Von jedem Klagenfurt-Teilnehmer gibt es ein kleines Porträtfilmchen, das man auf der Homepage des Bachmannpreises anschauen kann. Ihr Beitrag fällt da ziemlich aus der Rolle. Natürlich begegnet man da auch dem, was man erwartet, also dieser gravitätisch erhabenen Literaturszenen-Sprache, aber bei Ihnen ist das alles sehr ironisch, sehr augenzwinkernd gemeint. Ein Regisseur kommt immer ins Bild und sagt Ihnen mehr oder weniger, was Sie sagen müssen, damit das kulturell erhaben klingt. Kann ich daraus schließen, dass Sie den Literaturbetrieb eher skeptisch gegenüber stehen?

Passig: Nicht skeptischer als allen anderen Betrieben auch, denke ich. Nein, das war einfach nur … diese Autorenporträts: Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie es zu diesen Autorenporträts kommt, denn offensichtlich mag die niemand. Die Autoren leiden darunter, die Juroren, hatte ich das Gefühl, sehen sie auch nicht so gern. Das Publikum wirkte auch, glaube ich, erleichtert, dass es mal etwas anderes zu sehen kriegte, und ich vermute mal, selbst die Leute, die an diesen Porträts arbeiten, würden lieber etwas anderes machen. Das lag schon so mit hingestreckter Halsschlagader da, dieses Format.

Hettinger: … Haben Sie selbst den Wettbewerb, Ihrer Konkurretinnen und Konkurrenten verfolgt?

Passig: Wenn sie nicht allzu früh morgens gelesen haben, ja. Also gelesen habe ich alle Texte, aber angeguckt habe ich mir nur das, was zu zivilen Tageszeiten stattgefunden hat.

Hettinger: Die Agenturen melden, Sie hätten in Klagenfurt Ihren literarischen Erstling vorgestellt. Nun haben Sie doch als Kolumnistin der "Tageszeitung" und als Autorin des Internetforums Hoeflichepaparazzi.de schon einige Schreiberfahrungen gesammelt. Welche Auswirkungen hatten diese Erfahrungen?

Passig: Also die taz, da war die Frequenz einfach immer zu niedrig, ich habe da, glaube ich, alle 14 Tage oder einmal monatlich etwas geschrieben. Internetforen also jetzt wie die höflichen Paparazi oder das Weblog Riesenmachine.de, wo ich jetzt im letzten Jahr viel geschrieben habe, haben den Vorteil, dass man relativ viel Text produziert und deshalb mehr Routine einfach im Schreiben kriegt, sich hinsetzen und Texte produzieren.

Hettinger: Diese Internetforen haben die für manche Autoren unangenehme Eigenschaft, alles sehr genau zu kommentieren, sehr präzise auseinander zu nehmen. War das schon ein kleiner Vorgeschmack einerseits auf die Erfahrung mit der Jury in Klagenfurt und andererseits ein Üben darauf, wie man auf ein kritisches und nicht immer wohl gesonnenes Publikum hin schreibt?

Passig: Weiß ich nicht genau. Das ist ja ein bisschen ungerecht. Man wird eigentlich nur dann vernünftig kritisiert auch in Internetforen, solange man noch ganz neu ist und die Leute unvoreingenommen tatsächlich den Text betrachten. Und nicht wegen der Person des Autors dann Rücksicht nehmen: Weil sie sagen, den kenne ich, der ist nett, da sage ich jetzt mal nichts zu, obwohl der Text scheisse ist.

Hettinger: Olaf Petersenn vom Verlag Kiepenheuer & Witsch hat gesagt, dass ein Sieg in Klagenfurt, sinngemäß formuliert, eher schadet als nutzt, weil man auf dem Bachmann-Wettbewerb das Etikett "hemmungslos elitär" haften sieht. Wie gehen Sie damit um?

Passig: Ach, das habe ich schon so oft gehört. Dieser Vorwurf, elitär, ist, glaube ich, keiner, den man jemals in irgendeinem Zusammenhang ernst nehmen muss.

Hettinger: Sie sind Mitbegründerin der "Zentralen Intelligenzagentur". Auf der Homepage steht, das ist eine Ich-ich-ich-AG. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Passig: Das ist ein merkwürdiger Zusammenschluss von irgendwas zwischen 7 und 40 Menschen, der oszilliert zwischen den Polen albernes Kunstprojekt und seriöses, Geld einbringendes Unternehmen.

Hettinger: Und Ihre Kolumnistentätigkeit für die taz, inwieweit wirkt sich dieser journalistische Blick auf Ihre Texte aus?

Passig: Es hat sich insoweit ausgewirkt, als ich danach sehr bereitwillig für Foren geschrieben habe wie eben die höflichen Paparazi oder die Riesenmaschine - wo es genau Null Euro pro Beitrag gibt, weil die taz so schlecht bezahlt, dass man dann irgendwann sagt: Das macht mir mehr Spaß, wenn ich gar kein Geld kriege, aber dafür pfuscht niemand in meinen Texten herum.

Hettinger: Dieser Sachbuch-Aspekt spielt eine große Rolle bei Ihnen. Neben dem "Lexikon des Unwissens", das nun erscheint, haben Sie auch das Buch "Die Wahl der Qual" mit verfasst. Hat man als Autor mit einer Sachbuch-Vergangenheit einen anderen Zugang zur Literatur, zur fantastischen Literatur?

Passig: Kann ich nicht sagen, ich war auch nie ein anderer Autor.

Hettinger: Und das wird jetzt ändern?

Passig: Man kriegt ja einen schönen Scheck aus Klagenfurt mit nach Hause, und der dient tatsächlich der Förderung von Literatur und nicht der Förderung von Sachbuch oder der Förderung von Nichtstun und Füße hochlegen. Insofern werde ich mich jetzt schon mit dem Thema nochmal auseinandersetzen müssen. Anfangs, als der Text fertig war - es ist auch jetzt schon wieder ein halbes Jahr her, Abgabetermin ist ja im Februar -, hatte ich gesagt, so, das mache ich nie wieder, das war viel zu viel Arbeit.

Hettinger: Warum war das so viel anstrengender für Sie, diesen fiktiven Text zu schreiben?

Passig: Bei dem Sachtext weiß man, was man vermitteln will, und das schreibt man rein, und dann macht man noch einen fluffigen Anfangssatz und dann zu Ende noch ein Witzchen, und dann ist der Text fertig. Beim literarischen Text ist das schon komplizierter.

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Iris Radisch: "Wir wollen keine Bestseller produzieren"

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