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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.05.2007

Praktische Tipps gegen den Klimawandel

Toralf Staud/Nick Reimer: "Wir Klimaretter", KiWi Taschenbuch, Köln 2007, 317 Seiten

Fliegen schadet der Umwelt (AP)
Fliegen schadet der Umwelt (AP)

Die beiden Journalisten Toralf Staud und Nick Reimer verbreiten in ihrem Buch keine Horrorszenarien über die drohende Klimakatastrophe. Doch ihre Botschaft ist klar: Wenn wir das Schlimmste vermeiden wollen, dann müssen wir handeln - und zwar jetzt.

Spätestens seit der Vorlag des vierten Berichts des Internationalen Klimarats IPCC trauen sich auch nur noch wenige, die offenkundigen Tatsachen zu leugnen. Selbst die "Bild"-Zeitung hat es inzwischen begriffen. So wird in diesem Buch denn auch lobenswerterweise einmal nicht darüber diskutiert, ob und warum der Klimawandel eintritt, sondern wie man ihn bremsen kann.

Die Autoren Toralf Staud und Nick Reimer, beides erfahrene Journalisten, wissen genau, wie sie den Leser einfangen können. Sie schreiben konkret und anschaulich, amüsant und bisweilen leicht ironisch, ausgesprochen verständlich. Ihre Argumentation untermauern sie mit zahlreichen Beispielen. Es ist auch kein Buch, das mit Katastrophenängsten spielt und apokalyptische Bilder vom sterbenden Planeten an die Wand malt, vielmehr sind die beiden Autoren davon überzeugt, dass wir das Schlimmste durchaus noch verhindern können, wenn wir denn wollen.

Bevor sie allerdings konkrete Maßnahmen vorschlagen, gehen sie erst einmal mit Politik und Wirtschaft ins Gericht. Ihr Hauptvorwurf: Die Ausrichtung auf Wachstum führt unweigerlich zum Klimacrash. Die Erde verträgt keine weitere hemmungslose Verschwendung von Rohstoffen. Das ‚grüne’ Kapital, die Natur wird weit über seine Leistungsfähigkeit hinaus ausgebeutet. Die Wachstumsideologie verhindert eine Klimawende.

Die wird von der Politik zwar wortreich gefordert, doch praktisch gescheut. Deutschland, so die Autoren, ist Weltmeister im Ankündigen, im Umsetzen jedoch ein Versager. Von den noch zu Kohls Zeiten angekündigten Zielen der CO²-Verringerung ist man weit entfernt, nicht zuletzt weil man der Industrie nicht wehtun mag: Die Energiekonzerne erhalten zu hohe Emissionsrechte, die Autolobby darf weiterhin ohne Auflagen Dreckschleudern bauen und die Flugzeuglobby braucht weiterhin keine Kerosinsteuer zahlen. Das Problem besteht nicht zuletzt darin, dass man die Versäumnisse noch nicht sehen kann. Der Ausstoß von Kohlendioxid schädigt niemanden direkt. Die Klimaschäden treten erst mit Verzögerung auf. So schiebt jeder die Verantwortung auf die anderen, weil er bislang nicht direkt betroffen ist.

Dem setzen nun Toralf Staud und Nick Reimer in elf Kapiteln ganz konkrete Handlungsanweisungen gegenüber. Ihre erste Idee stammt aus England. Jeder Mensch bekommt das Recht, eine bestimmte Menge Kohlenstoff auszustoßen, soviel wie man für ein normales Leben braucht. Für Extravaganzen wie ständige Flüge rund um die Welt, braucht man Extrakohlenstoffpunkte, die man von Mitmenschen erwerben kann, die weniger Kohlenstoff verbrauchen, als ihnen zusteht - zum Beispiel weil sie energiesparsame Häuser besitzen oder verbrauchsarme Autos. Wer im Urlaub weit fliegen will, muss an anderer Stelle sparen. So wird jeder überlegen, wo er Kohlendioxid vermeiden kann.

Das Fliegen ist den Autoren überhaupt ein Dorn im Auge, denn ein Teneriffa-Flug erzeugt pro Kopf etwa soviel CO² wie ein ganzes Jahr monatlich 1000 km Autofahren. Hier fordern sie Kerosinsteuern und freiwillige Selbstbeschränkungen. Doch man soll nicht nur weniger fliegen, auch weniger Fleisch essen, mehr Bioprodukte kaufen. Beides hilft ebenfalls, viel Kohlendioxid einzusparen. Doch beide Punkte verlangen Verzicht und da hört bei vielen die Gemütlichkeit auf.

Leichter zu verwirklichen sind die meisten anderen Vorschläge von der langen Liste konkreter Maßnahmen. Zum Beispiel den Stromversorger wechseln, nur noch sauberen Ökostrom beziehen, kostet bisweilen weniger als schmutziger Strom aus fossilen Brennstoffen. Beim Autokauf sollte man auf wirklich sparsame Modelle umsteigen, sein Haus besser dämmen, energiesparsame Geräte kaufen. Allerdings nehmen die Autoren auch die Politik in die Pflicht, fordern vom Bürger, seinen Angeordneten Druck zu machen, energiesparsame Gesetze zu verabschieden.

Es sind vernünftige Vorschläge, einfach zu verwirklichen. Die Autoren verlangen von der Politik nicht mehr als ein wenig Mut gegenüber den Interessen mächtiger Lobbies, die nur an kurzfristige Profite denken, nicht begreifen, dass sie sich damit auf lange Sicht selbst schaden. Aber man sollte nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen. Jeder Leser kann mit der Klimawende auch bei sich zuhause anfangen. Ein praktisches Buch, ein sinnvoller Ratgeber gegen die Hoffnungslosigkeit. Kaufen, lesen, mitmachen.

Rezensiert von Johannes Kaiser

Toralf Staud/Nick Reimer: Wir Klimaretter – So ist die Wende noch zu schaffen
KiWi Taschenbuch, Köln 2007
317 Seiten, 8,95 Euro

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