Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
 
 

Religionen / Archiv | Beitrag vom 30.11.2014

PrädikantenLaienprediger auf der Kanzel

In evangelischen Gemeinden predigen nicht nur ausgebildete Pfarrer

Von Martina Senghas

Die Kanzel im Wetzlarer Dom (dpa / picture alliance / Friedel Gierth)
Laien auf der Kanzel: Prädikanten gelten als wichtige Impulsgeber. (dpa / picture alliance / Friedel Gierth)

Gutes Predigen ist eine Kunst. Pfarrerinnen und Pfarrer lernen das Handwerkszeug in ihrer Berufsausbildung. Aber auch Laien können es auf die Kanzel schaffen. In der evangelischen Kirche sind die sogenannten Prädikanten ausdrücklich erwünscht.

"Kirsten hat sich auf jeden Fall nicht abgemeldet und die Frau Gember hat sich auch nicht abgemeldet." – "Dann kommt sie gleich."

Es ist früher Abend an einem ganz normalen Mittwoch. Im Mannheimer Bildungshaus "Sanct Clara" trifft sich Pfarrerin Dorothee Löhr – wie alle paar Wochen üblich – mit den Prädikantinnen und Prädikanten aus ihrem Kirchenbezirk.

"Also dieses Mal hab ich mir was gewünscht und bisher ist kein anderer Wunsch gekommen und deshalb bleiben wir bei dem, was ich vorgeschlagen habe und das ist erste Samuel 24 – eine Geschichte, die bisher nicht gepredigt wurde in der evangelischen Kirche regulär."

Sie reden über Bibeltexte und ihre Auslegung, über Kirchenpolitisches und Organisatorisches, und manchmal natürlich auch über persönliche Anliegen. Viele der Teilnehmer sind bereits seit mehreren Jahren als Laienprediger für die evangelische Kirche unterwegs, aber sie kommen trotzdem noch gerne zu diesen freiwilligen Treffen. Denn dass sie als Nicht-Geistliche Gottesdienste leiten, ist dauerhaft eine große Herausforderung.

"Ich heißt Doris Grössle. Ich habe Marketing und Vertrieb geleitet in einem großen Wirtschaftsunternehmen. Ich denke, dass ich aus meinem reichen Berufsleben so viel umsetzen kann, dass ich mir vornehme, der Mensch, der heute zuhört, soll vielleicht ein Stückchen für seinen Alltag mitnehmen."

"Ich heiße Randolph Troche und arbeite auch in einem Wirtschaftsunternehmen hier, als Umweltschutzbeauftragter. Ich bin wahrscheinlich immer, wenn ich etwas vorbereite, der, der am meisten profitiert von so einer Predigt, weil ich im theologischen Sinne keine große Weiterbildung gemacht habe."

Intensive Vorbereitung

Prädikant kann im Prinzip jeder werden, der einer evangelischen Gemeinde angehört. Allerdings bewirbt man sich um dieses Amt nicht, sondern man wird vorgeschlagen – beispielsweise weil man ein besonderes kirchliches Engagement gezeigt hat. Bevor die Ausgewählten auf die Kanzel gelassen werden, durchlaufen sie jedoch eine Vorbereitungszeit.

Wie intensiv die ist, hängt von der jeweiligen Landeskirche ab. In der badischen Landeskirche, zu der die Mannheimer Laienprediger gehören, ist diese Vorbereitungszeit sehr intensiv – mit vielen Blockseminaren an vielen Wochenenden. Eine Art Schmalspur-Theologiestudium, meint Pfarrerin Dorothee Löhr, die Prädikantenbeauftragte in Mannheim.

"Sie lernen Bibelkunde, sie lernen, was wir Homiletik nennen, also die Lehre der Predigt. Da sind Teile von Rhetorik dabei, da ist sehr viel Kommunikationswissenschaft dabei, sie lernen ein bisschen Seelsorge. Ja und sie lernen auch etwas, das ist ein Aufbaukurs, zu den sogenannten Kasualien, also Beerdigung, Taufe, Hochzeit. Denn auch das tun einige, wenn es mit ihrem sonstigen Leben kompatibel ist."

So wie bei Doris Grössle beispielsweise. Sie ist bereits im Ruhestand, dadurch ziemlich flexibel und kann auch mal unter der Woche einen Dienst übernehmen.

"Ich werde gerufen von den Gemeinden, ich laufe also nicht in den Gemeinden herum und sage: Ich würde mal gern wieder einen Gottesdienst übernehmen, sondern ich lass mich rufen. Und wenn man an der Kirchentür den Leuten 'Ade!' sagt und hört das Feedback: 'Ach wissen Sie, so habe ich das aber noch nie verstanden – ich habe die Geschichte schon fünfzig Mal gehört, aber so habe ich sie noch nie gehört.' Dann weiß ich, es ist angekommen."

Verschiedene Stimmen, verschiedene Schwerpunkte

In der badischen Landeskirche werden rund 15 Prozent aller Gottesdienste von Prädikantinnen und Prädikanten übernommen. In anderen Gegenden ist der Anteil oft sogar noch höher. Vor allem auf dem Land könnte das Gottesdienst-Angebot ohne sie oft gar nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Der eigentliche Grund für den Einsatz von Laienpredigern ist aber nicht der Personalmangel. Die Pfarrerin Dorothee Löhr:

"Im Petrusbrief steht, dass wir alle verantwortlich sind, über unseren Glauben Rechenschaft abzugeben. Also das ist das Priestertum der Gläubigen und die Prädikanten sind sozusagen das Symbol dafür, dass eigentlich jeder Christenmensch auskunftsfähig sein soll, darf, kann. Und ich glaube auch, dass das für die gesamte Gemeinde wichtig ist, dass das Zeugnis in verschiedenen Stimmen und auch in verschiedener Art und mit verschiedenen Schwerpunkten zu Gehör gebracht wird."

Die  unterschiedlichen Glaubens-, Lebens- und Berufsgeschichten der Laienprediger – sie gelten als eine Bereicherung und als wichtiger Impulsgeber. Beispielsweise weil sie die heutige Arbeitswelt aus eigener Erfahrung kennen oder auch weil sie der Kirche gegenüber weniger verpflichtet sind. Der Mannheimer Prädikant Günter Freund:

"Also meine persönlich Meinung ist, dass es eine gute Ergänzung ist zu dem hauptamtlichen Personal der Pfarrer, die doch einen gewissen Dienstauftrag und eine Dienstverpflichtung haben, und wir als Prädikanten vielleicht da freier sind, vielleicht mehr in der Sprache des Volkes sprechen können und vielleicht auch freier unserer Kirche den Spiegel vorhalten können. Selbstkritisch zu reflektieren: Ist alles in Ordnung, wie es bei uns läuft? Und es gab schon Gottesdienste, wo ich dann im Nachgang ganz vehement erfahren habe, dass ich wohl gerade mit dem, was ich angesprochen habe, den wunden Punkt getroffen habe, so dass man mir praktisch die Predigt aus der Hand gerissen hat und gesagt hat: 'Mensch, kann ich die haben, das ist gut, was da gesagt wurde, dass wollen wir mal mit unserem Pfarrer besprechen, wie der das sieht.'"

Derartige Erfolgserlebnisse werden natürlich von niemandem aus dem Ärmel geschüttelt. Das Prädikantenamt erfordert einen hohen zeitlichen und intellektuellen Einsatz – es ist Arbeit.

Persönliche Bereicherung

Manche bringen ein natürliches Talent für das Predigt-Schreiben mit, andere tun sich schwerer und sind froh, wenn sie ihre Texte vorher mit der beauftragten Pfarrerin besprechen können. Allen gemeinsam ist, dass sie das Amt als eine ganz besondere persönliche Bereicherung empfinden – für ihren Glauben natürlich, aber auch für ihre Fähigkeit, sich auszudrücken und vor Menschen aufzutreten. Dass sie das Berufspfarrertum überflüssig machen könnten – das glaubt allerdings keiner von ihnen. Der Mannheimer Prädikant Randolph Troche:

"Also was wir als Ehrenamtliche, als Prädikanten hier machen dürfen, das ist eine Facette. Das passt aber nur, wenn es nicht nur Ehrenamtliche gibt, sondern auch den hauptamtlichen Beruf. Und da kann es eine Ergänzung sein, es ist nie und nimmer ein Ersatz für einen Pfarrer."

Religionen

70 Jahre Care-PaketeGeschenk des Himmels in schwieriger Zeit
Corned beef, Milchpulver, Zucker - CARE-Pakete aus den USA halfen vielen Deutschen 1946 bim Überleben (picture alliance / dpa / Gregor Fischer)

Nach dem Kriegsende 1945 waren Not und Elend in Deutschland groß. Vor allem der Hungerwinter 1945/46 forderte zahlreiche Menschenleben. Angesichts der drohenden Katastrophe riefen christliche und jüdische Organisationen in den USA die CARE-Aktion ins Leben. Mehr

SizilienEin Priester kämpft gegen den "Umweltkrebs"
Rauch steigt aus einem Schornstein. (picture-alliance / dpa / Armin Weigel)

Nirgendwo in Italien sterben mehr Menschen an Lungenkrebs als im sizilianischen Augusta. Verantwortlich dafür sollen die zahlreichen chemischen Fabriken in der Region sein. Der Priester Don Palmiro Prisutto kämpft gegen die "tödliche Luft". Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur