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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.09.2010

Postkoranischer Diskurs

Hamed Abdel-Samad: "Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose", Droemer Verlag, München 2010

Abdel-Samad beschreibt den Islam als "politische Idee, die inzwischen die Substanz verloren hat". (AP)
Abdel-Samad beschreibt den Islam als "politische Idee, die inzwischen die Substanz verloren hat". (AP)

So gründlich, so radikal, so konsequent wie Hamed Abdel-Samad hat in den letzten Jahren kein Moslem den Islam kritisiert. Er fordert eine "geregelte Insolvenz" für den Islam, denn wenn er eine Firma wäre, "wäre er längst Pleite gegangen".

Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 hat sich unser Blick auf den Islam wesentlich verändert. War es früher nur eine andere Religion, über die wir wenig wussten, so ist es heute vor allem eine fremde Kultur, die uns unheimlich ist.

Cover: Hamed Abdel-Samad: "Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose" (Droemer Verlag)Cover: Hamed Abdel-Samad: "Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose" (Droemer Verlag)Ob wir nun islamophil oder islamophob sind, ob wir zwischen Islam und Islamismus unterscheiden oder auf solche Differenzierungen verzichten, wann immer vom Islam oder den Muslimen die Rede ist, denken wir an Märtyrer, die sich in die Luft sprengen, um ins Paradies zu kommen, wo sie angeblich von 72 Jungfrauen erwartet werden; wir denken an öffentliche Hinrichtungen von Ehebrecherinnen und Homosexuellen, an Frauen in Burkas, Hijabs, Tschadors und Abayas, an Mädchen, die genital verstümmelt oder Opfer von Ehrenmorden werden, an Fanatiker, die sich über Karikaturen aufregen, die sie nicht einmal gesehen, geschweige denn verstanden haben.

Das mag gegenüber der Mehrheit der Muslime unfair sein, aber ganz aus der Luft gegriffen ist es nicht, denn der Islam, der sich als eine Religion des Friedens versteht, vermittelt kein friedliches Bild von sich selbst. Er scheint, um es vorsichtig auszudrücken, eine gewisse Affinität zur Gewalt im Umgang mit Ketzern in den eigenen Reihen und Angehörigen anderer Religionen zu haben. Und wir fürchten, dass der Islam auf dem Vormarsch ist, dass er uns wirtschaftlich und kulturell überrollen und kein Karl Martell sich ihm in den Weg stellen wird, um die Schlacht von Tours und Poitiers noch einmal zu schlagen und Europa zu retten.

Falsch, alles falsch, sagt Hamed Abdel-Samad, der Islam ist nicht auf dem Vormarsch, wir erleben vielmehr "den Zerfall einer Religion, die keine konstruktiven Antworten bieten kann auf die Fragen des modernen Lebens". Im Gegensatz zu unserer Wahrnehmung, schreibt der vor 38 Jahren in Ägypten geborene Politologe, sei der Islam nicht mächtig, sondern

"... schwer erkrankt und befindet sich sowohl kulturell als auch gesellschaftlich auf dem Rückzug. Die religiös motivierte Gewalt, die zunehmende Islamisierung des öffentlichen Raums und das krampfhafte Beharren auf der Sichtbarkeit der islamischen Symbole sind nervöse Reaktionen dieses Rückzugs. Es sind klare Zeichen des Mangels an Selbstbewusstsein und Handlungsoptionen. Es handelt sich nur um das verzweifelte Anstreichen eines Hauses, das kurz davor steht, in sich zusammenzustürzen."

Klingt gewagt, aber Hamed Abdel-Samad weiß, wovon er spricht. Als Sohn eines Imams hat er den Islam sozusagen von der Pieke an gelernt; den Koran kann er auswendig hersagen, von der ersten bis zur letzten Sure. Mit 18 war er ein glühender Islamist, der die USA und Israel verfluchte; nachdem er Ägypten verlassen hatte, um in Deutschland zu studieren, ist er in kleinen Schritten "vom Glauben zum Wissen konvertiert"; heute lebt er in München, spricht außer Arabisch und Deutsch auch Englisch, Französisch und Japanisch und – schreibt.

Sein erstes Buch – "Mein Abschied vom Himmel" – war ein autobiografischer Bericht über seine eigene Emanzipation. Das zweite, von dem hier die Rede ist, handelt vom "Untergang der islamischen Welt" und ist eine ebenso sachkundige wie verstörende Analyse des Phänomens, das unter dem Etikett "islamischer Fundamentalismus" die Welt in Atem hält. Freilich: Hamed Abdel-Samad ist kein "Islamkritiker" und auch kein "Reformer", der hier und da etwas ändern möchte, um den Islam mit der Moderne zu versöhnen.

"Die sogenannten Reformer des Islam trauen sich nach wie vor nicht an die elementaren Probleme der Kultur und der Religion heran. Die Reformdebatten werden zwar häufig angestoßen, aber nie zu Ende geführt. Kaum jemand fragt sich: 'Gibt es möglicherweise einen Geburtsfehler in unserem Glauben?’ Kein Mensch traut sich zu fragen, wozu wir den Koran heute brauchen. Keiner wagt den postkoranischen Diskurs."

Hamed Abdel-Samad ist nicht der erste Moslem, der sich mit dem Islam auseinandersetzt. Vor ihm haben es schon u.a. Salman Rushdie und Ibn Waraq, Necla Kelek und Seyran Ates getan, nur um die bekanntesten Namen zu nennen. Aber so gründlich, so radikal, so konsequent wie er hat es in den letzten Jahren keiner gemacht. Der "postkoranische Diskurs", den er wagt, geht weiter als jede Islamkritik. Er stellt die Frage,

"... was die gegenwärtige islamische Welt hinterlässt, das der Menschheit zugute kommt, was sind die Beiträge der islamischen Welt auf dem Gebiet des weltlichen Wissens, der Kunst der Architektur, um nur drei Bereiche zu nennen? Diese Frage ist leicht mit 'wenig’ oder 'gar nichts’ zu beantworten. Was von der islamischen Geschichte des Denkens übrig gebliebenen ist, ist meines Erachtens der intellektuelle Schaum einer unversöhnlichen Orthodoxie, und der kann nicht länger in der modernen Welt bestehen."

Hamed Abdel-Samad beschreibt den Islam "als eine politische Idee, die inzwischen die Substanz verloren und kaum Antworten auf das Weltgeschehen außer Wut und Gewalt parat hat". Und er vergleicht den Islam mit der "Titanic" kurz vor dem Untergang, als das Salonorchester weiterspielte, "um den Passagieren die Illusion einer Normalität zu vermitteln". Wäre der Islam eine Firma, stellt er fest, "dann wäre er längst Pleite gegangen". Was der Islam nun braucht

"... ist eine geregelte Insolvenz, eine Inventur, durch die die islamische Welt sich endlich von vielen Bildern trennen muss: Gottesbilder, Gesellschaftsbilder, Frauenbilder, Vor- und Feindbilder."

Hamed Abdel-Samad ist ein Ketzer, der den Islam nicht abschaffen, sondern privatisieren will. So wie christliche und jüdische Aufklärer den christlichen und jüdischen Glauben privatisiert haben, um sie vor Erstarrung und Zusammenbruch zu retten. Um die dem Islam innewohnende Spiritualität zu bewahren, muss es auch moslemische Atheisten geben können, so wie es christliche und jüdische Atheisten gibt, die zwar nicht an Gott glauben, aber dennoch ihrer Herkunft verbunden bleiben. Immerhin, es gibt inzwischen eine "Vereinigung arabischer Atheisten", die ihre Ideen im Internet austauschen. Und wenn es irgendwann einen aufgeklärten Islam geben sollte, dann wird das nicht den Islamverstehern in den Feuilletons zu verdanken sein, sondern Ketzern wie Hamed Abdel-Samad:

"Wir brauchen Imame, die Averroes, Kant und Spinoza gelesen haben, und Moscheen, in denen Frauen nicht nur ohne Abtrennung neben Männern beten, sondern auch predigen können. Wir brauchen mehr Mut und mehr klare Worte. Wenn es nach mir ginge, wollte ich den Wahlspruch der Aufklärung von jedem Minarett der islamischen Welt fünfmal am Tag hören: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

Rezensiert von Henryk M. Broder

Hamed Abdel-Samad: Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose
Droemer Verlag, München 2010

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