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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.05.2008

Porträt eines widersprüchlichen Staates

Igal Avidan: "Israel. Ein Staat sucht sich selbst." Diederichs Verlag, München 2008, 216 Seiten

Junge Israelis feiern den 60. Jahrestag der Staatsgründung auf den Straßen von Tel Aviv. (AP)
Junge Israelis feiern den 60. Jahrestag der Staatsgründung auf den Straßen von Tel Aviv. (AP)

Der Journalist Igal Avidan zeichnet ein Bild vom modernen Israel, das von Widersprüchen, Traumata und Konflikten gekennzeichnet ist. Breiten Raum nimmt dabei das israelisch-arabische Verhältnis ein. Die Diskriminierung der Araber sieht er als roten Faden, der sich von Staatsgründung bis heute durch Israels politische Praxis zieht. Eine unsentimentale, gleichwohl engagierte Darstellung.

Igal Avidan, geboren 1962, lebt seit Jahren in Berlin. Er ist zuhause in zwei Kulturen: arbeitet als Korrespondent für israelische Medien und schreibt zugleich für deutsche Zeitungen über Israel. In seinem Buch "Israel - Ein Staat sucht sich selbst" stellt der Autor die Frage: "Wird Israel noch weitere 60 Jahre existieren?"

Avidan analysiert vor allem den gegenwärtigen Zustand seines Landes. Grundsätzliche Kenntnisse der Geschichte Israels, seiner Entwicklung und Erfolge setzt er voraus. Israels Zukunft deutet er nur vage an. Sein Buch soll ein "Röntgenbild" des Staates zeigen, "jenseits der gängigen Klischees von frommen Rabbis und sexy Soldatinnen". Kein ganzer Körper, sondern einzelne wunde Stellen sind zu betrachten.

Dementsprechend befasst sich der Autor in fünf von sieben Kapiteln mit Phänomenen des israelisch-arabischen Verhältnisses - das häufig ein israelisch-israelisches ist: Araber machen 20 Prozent der israelischen Bevölkerung aus. Avidan hat sich mit vielen unterhalten:

"Manche verdächtigten mich offen, ein Agent des Geheimdienstes zu sein. Einige waren stolz darauf, dass ein jüdischer Israeli sich für ihre Arbeit und ihre Gedanken interessiert. Ich wiederum war überrascht, dass sie besser Hebräisch sprachen als viele jüdische Gesprächspartner."

Insgesamt achtzig Interviews hat Igal Avidan in sein Buch eingearbeitet. "Eine Demokratie ist Israel vor allem für die Juden", konstatiert der Autor. Die Diskriminierung der Araber sieht er als roten Faden, der sich von Staatsgründung bis heute durch Israels politische Praxis zieht. Schon die Geburt des Staates vor 60 Jahren - die 1947 von der UN beschlossene Trennung von 600.000 Juden und 1, 2 Millionen Arabern, die im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina wohnten - nennt er einen "Kaiserschnitt".

Der studierte Politikwissenschaftler gibt zahlreiche Beispiele aus dem Alltag eines Landes, in dem zwei Ethnien nebeneinander leben. Er zeichnet die Odyssee eines palästinensischen Ehepaares nach, das in einem Dorf mit jüdischer Bevölkerung ein Haus kaufen will, und er stellt die Schwierigkeiten dar, die der Jude Eytan Bronstein mit den eigenen Behörden bekommt, als er sich bemüht, die Geschichte ehemals arabischer Dörfer innerhalb Israels zu rekonstruieren.

Avidan berichtet von den Folgen, die Israels Mauerbau im Westjordanland für die Palästinenser hat. Sie werden buchstäblich "ausgegrenzt". Er verweist darauf, dass der Staat in zwei Kriegen sein Territorium erweitert, doch bis heute keine klar definierten Grenzen hat. Erst 2006 setzte Bildungsministerin Tamir mit einer umstritten Initiative durch, dass in allen israelischen Schulbüchern wenigstens der Verlauf der "Grünen Linie" markiert wurde. Bis dahin war häufig nicht ersichtlich, dass das Westjordanland von Israel besetztes Gebiet ist.

Ohne Polemik benennt Avidan solche "Fehlstrukturen" der jüdischen Demokratie. Er verdeutlicht, wie wenig Israelis bis heute von Arabern wissen, wie gering sie die eigene Verantwortung für das palästinensische Flüchtlingsproblem veranschlagen.

Lösungsmöglichkeiten deutet der Autor nur an. Verweist auf die gemeinsame, außerparlamentarische Friedensinitiative des ehemaligen israelischen Geheimdienstchefs Ayalon und des Rektors der palästinensischen Al-Quds-Universität in Ost-Jerusalem, Sari Nusseibeh.

"Eine begrenzte Rückkehr ohne Rückkehrrecht - das könnte die Zauberformel sein, die den palästinensischen Traum und den israelischen Alptraum vereinbaren könnte."

Avidan richtet sein Augenmerk auch auf Bereiche, die gewöhnlich nicht im Zentrum öffentlichen Interesses stehen: beispielsweise auf den Umgang der israelischen Gesellschaft mit ihren Neo-Nazis. Synagogenschändungen und Zurschaustellung nationalsozialistischer Symbole wurden lange verdrängt. Erst ein eingewanderter Moldawier, lässt uns Avidan wissen, hat über Jahre beharrlich über solche Vorkommnisse berichtet, bevor Presse und Politik endlich reagierten.

Anhand der Geschichte einer jungen Französin führt Avidan vor, wie schwierig es gerade in Israel ist, zum Judentum überzutreten. Ein Grundwiderspruch des Staates klingt an: demokratisch und jüdisch sein zu wollen.

Igal Avidan zeigt einen widersprüchlichen, lebendigen Staat voller Individualisten. In klarer Sprache, anhand plastischer Beispiele und aktuellen Zahlenmaterials, führt er durch Israels Gegenwart.

Für eine gesicherte Zukunft fordert er den Rückzug auf international anerkannte Grenzen und ein Ende des orthodoxen Monopols im Land. Um die nächsten sechzig Jahre zu überstehen, müsse Israel seine demokratischen Strukturen stärken, so das Fazit des Autors, dessen unsentimentale, gleichwohl engagierte Darstellung das Buch lesenswert macht.

Rezensiert von Carsten Hueck


Igal Avidan: Israel. Ein Staat sucht sich selbst
Diederichs Verlag, München 2008
216 Seiten, 19,95 EUR

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