Seit 01:05 Uhr Tonart
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 01:05 Uhr Tonart
 
 

Fazit / Archiv | Beitrag vom 07.05.2011

Popkultur statt Hochkultur

Was das ZDF in seinem neuen Digitalkanal "zdf.kultur" zeigen will

Von Michael Meyer

Für den Theaterkanal fällt der Vorhang - Bühne frei für "zdf.kultur".  (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Für den Theaterkanal fällt der Vorhang - Bühne frei für "zdf.kultur". (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Theaterfans müssen sich warm anziehen: Zumindest jene, die Fans des ZDF-Theaterkanals waren, denn den gibt es seit heute nicht mehr: Heute morgen startete das Nachfolgeprogramm "zdf.kultur".

In einem Trailer zum Programmstart springt ein Skater hoch hinaus – Kugeln explodieren in knallbunten Farben – dann erscheint der Slogan von zdf.kultur: "Sieh Dich wach!" - im Untertitel: der Pop.Hoch.Netz.Digitalkultursender. Der Trailer zeigt schon, dass für die Macher Kultur irgendwie alles sein kann. Statt Henrik Ibsen für die Älteren gab es zum Start einen Konzertfilm mit der Sängerin Rihanna. Zielgruppe des neuen Programms sind die unter 40-Jährigen, sagt ZDF-Programmdirektor Thomas Belluth. Die Musik sei ein "probates Mittel", die Jüngeren anzusprechen:

"Das ist ein außerordentliches ehrgeiziges Ziel – es wird dann eben nicht die klassische Musikkultur dort aufgegriffen, sondern auch im Bereich Pop interessante Events angeboten, um da die jüngeren zu begeistern."

Zehn Musikfestivals will das Programm im Jahr exklusiv übertragen, unter anderem das Glastonbury Festival in England, das Musikfestival im dänische Roskilde und im August das Heavy-Metal Open Air aus dem schleswig-holsteinischen Wacken.

Überschneidungen zu zdf.neo – dem seit 2009 sendenden anderen Digitalkanal, in dem viele Serien und Filme laufen - sieht Thomas Belluth kaum, allenfalls bei manchen Musiksendungen, aber Doppelungen könnten da allenfalls am Sonntag auftreten, wenn auch bei ZDF.neo Musikmagazine auf dem Programm stehen.

Das immer wieder als Seniorenfernsehen verspottete ZDF will zumindest ein bisschen verloren gegangenes Terrain zurückerobern und setzt sich bescheidene Ziele, so Belluth:

"Also wenn man dort für einen Sender fünfstellige Beträge, also 20.000, 30.000 von den jüngeren erreicht, ist man sicherlich schon sehr gut bedient – also dass sind die Dimensionen über die wir sprechen."

Obwohl Programmacher wissen, dass die ganz jungen Zuschauer unter 30 ohnehin weniger Fernsehen gucken – im Schnitt eine Stunde weniger pro Tag im Vergleich zu den älteren Zuschauern - will man eine Reihe von neuen Formaten auflegen, die sich mit den Themen Internet, Computerspiele und Clubkultur befassen. Zwölf Millionen Euro lässt sich das ZDF das in diesem Jahr, 18 Millionen Euro im nächsten Jahr kosten. Investiert wird in neue Magazine wie "Die Pixelmacher" - ein Magazin für die netzaffinen Zuschauer, daneben soll sich als neues tägliches innovatives Kultur-Magazin "Der Marker" etablieren:

"Um 20 Uhr eine Viertelstunde lang ...Der Marker ... .Popkulturmagazin ... .Lukas ist ein Marker, Rainer ist ein Marker, Jo auch der hat sich die Schulter ausgekugelt, ist gerade nicht da – und Nina ist noch in München beim Shoppen."

Das gesamte Programm wirkt mit seinen jung-flippigen Moderatoren und grellem Design eher wie MTV. ZDF-Intendant Markus Schächter sieht es pragmatisch: Anna Netrebko für die Älteren im Hauptprogramm, Lady Gaga für die Jungen bei zdf.kultur:

"Die Idee ist, dass im Zeitalter des Netzes die alte Vorstellung von Kultur eine Vitalisierung braucht. Sie muss die Netzkultur, die ja auch eine interaktive Kultur ist stärker mit aufnehmen. Von daher war von vornherein ein Kulturbegriff vorhanden, der interaktiver ist, ... ., und junge Leute, die sich von diesem traditionellen Kulturbegriff nicht mehr angesprochen fühlen, in einer neuen Form, in einer Mischung von Kultur auch anzusprechen."

Das Programm soll auch eine Art Versuchslabor sein – was nicht klappt, fliegt wieder raus - allerdings sollen sich die Moderatoren und Redakteure bei zdf.kultur längere Zeit ausprobieren können – ohne gleich hohen Quotendruck im Nacken zu haben.

Es gibt aber auch eine andere Sichtweise darauf, warum das ZDF nach "neo" nun den neuen Kanal "kultur" startet: Es ist ein weiterer Baustein in der Strategie des ZDF, die Zuschauer noch differenzierter mit verschiedenen Angeboten anzusprechen, sagt Intendant Markus Schächter:

"Das war vorher nicht möglich, vor allem nicht für jüngere Zuschauer, weil in dem Ghetto eines Ein-Kanal-Systems es nicht möglich war ein Programm für alle Generationen, das durchgängig gleich verteilt die Generationen anspricht. Jetzt haben wir die Chance mit den Beibooten die Jüngeren anzusprechen."

Theaterfans werden auch künftig auf ihre Kosten kommen – allerdings nur noch auf den altbekannten Kanälen 3sat und ARTE. Auch wenn es durchaus Theaterinszenierungen gebe, die jüngere Leute ansprechen, sagt ZDF-Programmdirektor Thomas Belluth mit einem leicht ironischen Unterton, werde Theater im neuen Programm nicht mehr die Hauptrolle spielen:

"Naja, es wird auch in dem neuen Kanal Highlight-Projekte geben – und da kann man sehr gut in dem Bereich Synergien zwischen ARTE, 3sat und kultur aufbauen. Aber es ist in der Tat so, dass ein reiner Theaterkanal, der war in der Vergangenheit auch schon angefüllt mit Fiction, hochwertiger Fiction, die einem Theaterstück nahe kamen, aber mit reinen Theaterstücken ist ein solcher Kanal nicht zu betreiben."

Dennoch bleibt festzuhalten: Die Idee, dass man auch im Hauptprogramm frischere, originellere Programmfarben etabliert, ist offenbar endgültig verworfen worden. Jede Zielgruppe hat nun ihr eigenes Programm. Wirklich integrativ scheint das nicht.

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsDisziplinverstöße oder Schlimmeres
Die Statur des nackten Donald Trump, die von Aktivisten an mehreren Standorten in den USA aufgestellt wurden, darunter Los Angeles, California, USA (EPA)

Die "FAZ" hadert mit Menschen, die sich an der falschen Stelle zurückhalten. Und die "Welt" nimmt die Gemeinsamkeiten Donald Trumps und Theodore Roosevelts unter die Lupe. Dabei findet das Blatt - zum Glück - einen ziemlich deutlichen Unterschied.Mehr

weitere Beiträge

Fazit

62. Verleihung der Goethe-MedaillenMigration als Motor
Der nigerianische Fotograf Akinbode Akinbiyi  (Emeka Okereke)

"Migration der Kulturen - Kulturen der Migration" - dies war das Motto der 62. Verleihung der Goethe-Medaillen. Ausgezeichnet wurden der Schriftsteller Juri Andruchowytsch, der Fotograf Akinbode Akinbiyi und der Direktor des georgischen Nationalmuseums David Lordkipanidze.Mehr

Dokumentarfilm über Immobilienboom"Ein System der Gier"
Zahlreiche Baukrähne sind in Berlin zu sehen - vor allem bezahlbare neue Wohnungen werden gebraucht. (dpa / Jörg Carstensen)

"Muss ein Hartz-IV-Empfänger am Potsdamer Platz wohnen?", fragt einer der Protagonisten im Dokumentarfilm "Die Stadt als Beute". Filmemacher Andreas Wilcke hat vier Jahre lang den Immobilienboom in Berlin beobachtet - und zeigt eindringlich, wie Wohnraum zur Ware verkommt.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur