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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 03.09.2014

PolyamorieWeil Liebe nicht exklusiv ist

Partnerschaft in Mehrfachbeziehungen

Von Christine Watty

Paar im Sonnenuntergang am Strand (dpa / picture alliance / Zhang Jie) (dpa / picture alliance / Zhang Jie)
Jenseits der herkömmlichen Mann-Frau-Beziehung: Polyamorie (dpa / picture alliance / Zhang Jie)

Eine romantische Zweierbeziehung - das kommt für manche Menschen nicht in Frage. Denn sie lieben mehrere Partnerinnen oder Partner und leben deshalb in Mehrfachbeziehungen. Aber kann die Polyamorie als Liebes- und Lebenskonzept funktionieren?

Anna: "Ich finde, dass es viel darum geht, der romantischen Zweierbeziehung nicht diesen absoluten Raum einzuräumen."
Anne: "Ich würde sagen, ich bin Herzens- und Beziehungsmäßig seit fast drei Jahren mit einem Mann zusammen, der noch eine andere Frau liebt."
Mario: "Das Zusammensein ist sehr unterschiedlich und ich glaube, jeder der drei sieht das nochmal ganz anders."
Thomas Macho: "Wir wissen im Prinzip sehr wenig über die Praktiken und Gefühle wirklich, die mit Liebe assoziiert werden."
Hendrik: "Ich möchte diese Frau heiraten, aber ich verliebe mich trotzdem noch in andere Menschen."
Simone Maresch: "Man muss auch mal sagen, dass global betrachtet, die Polyamorie ein unglaublicher Luxus ist."
Anna: "Jetzt sag' ich schon wieder: Es kommt drauf an!"

Bei der Frage nach der Definition der Polyamorie taucht er oft auf - dieser Satz "Es kommt darauf an". Es gibt sie nicht, die einfache, übersichtliche Erklärung. So vieles steckt in der Polyamorie: Sie ist Liebeskonzept und Beziehungsform, gesellschaftspolitische Haltung und Familientheorie. Manchen dient sie als sexueller Freibrief, andere rebellieren damit gegen das klassische Bild der Kleinfamilie. Wie die Polyamorie gelebt wird, das handeln die Partner jeweils unter sich aus, einen Leitfaden gibt es nicht - nur eine Überzeugung eint alle: Liebe ist nicht exklusiv. In verbindlichen Mehrfachbeziehungen kann sie verteilt werden. Neu ist diese Grundidee natürlich nicht, dennoch erfüllt sie in heutiger Zeit einen anderen Zweck.

Simone de Beauvoir, 1973: "Wenn das, was man eine freie Verbindung nennt, unter den gleichen Bedingungen abläuft wie eine Ehe - wenn man also einen gemeinsamen Haushalt hat, wo regelmäßig gegessen wird -, wird die Frau trotz allem die Frauenrolle spielen. Da gibt es zu einer Ehe kaum einen Unterschied. Wir hingegen haben eine sehr flexible Lebensweise, die uns manchmal erlaubt hat, unter demselben Dach zu leben, ohne ganz zusammen zu sein."

Die französische Schriftstellerin und Feministin Simone de Beauvoir, aufgenommen bei einer Pressekonferenz in der dänischen Botschaft in Paris am 21.04.1983 nach der Entgegennahme des dänischen Sonning Kulturpreises. (picture alliance / dpa / Foto: UPI)Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre lebten in einer offenen Beziehung. (picture alliance / dpa / Foto: UPI)

Thomas Schroedter: "Bekannt sind vielleicht aus dem letzten Jahrhundert, bis Mitte letzten Jahrhunders, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, die so eine offene Beziehung hatten, die das auch noch nicht Polyamorie nannten, in unserem Buch beschreiben wir die Beziehung zwischen Alexander Bergmann und Emma Goldmann, Anarchisten, Anfang des 20. Jahrhunderts, die auch eine solche Beziehung gelebt haben, wo auch schon ein Kernpunkt war, dass sie offen den anderen gegenüber waren, offen dem anderen Partner, der anderen Partnerin gegenüber waren."

Thomas Schroedter ist Autor des Buches "Polyamorie, eine Erinnerung". Menschliche Beziehungen waren stets Spiegel gesellschaftlicher Strukturen. Aus den Zweckbündnissen, die in erster Linie existierten, um Nachkommen und ökonomische Absicherung zu garantieren, wurden erst Mitte des 18. Jahrhunderts Verbindungen, denen die Idee der romantischen Liebe zu Grunde lag.

Alternative zum Konzept Ehe

Die Zweisamkeit, die Treue und tiefe Gefühle voraussetzte, erfuhr - historisch gesehen schon bald darauf - die ersten Erschütterungen: Anfang des 20. Jahrhunderts benannten anarchistische Kreise die "offene Beziehung" und stellten wie nachfolgende Bewegungen auch sowohl die Monogamie als auch das Konzept der Ehe in Frage. Die Ehe aber hatte Bestand, was längst nicht immer hieß, dass nur zwei Personen daran teilnahmen. "Fremdgehen" wurde praktiziert, blieb jedoch ein Tabu.

Diese Doppelmoral versuchte die 68er-Bewegung aufzuheben. Gleichzeitig wurde das Private politisch. Die 70er-Jahre machten den Begriff der "offenen Beziehung" wieder populär, und orientierten sich wie die Vertreter der "Nicht-Monogamie" aus den 80ern ebenfalls an der Idee, dass Sex auch außerhalb der festen Beziehung möglich sein sollte.

Die Polyamorie bringt den Aspekt der "Verbindlichkeit" in Mehrfachbeziehungen, die jegliche sexuelle Orientierung zulassen, hinzu und begründet ihren moralischen Anspruch darin, dass alle Beteiligten um die Beziehungsstruktur wissen und diese befürworten. Entstanden ist diese Idee in den 90er-Jahren in den USA, die Erfinder der "Polyamorie" stammen aus dem queer-feministischen Umfeld:

Thomas Schroedter: "Das geht zurück auf Oberon Zell-Ravenheart und Morning Glory Zell-Ravenheart, die beide eine Kirche, oder man kann auch sagen Sekte gegründet haben, die Church of all World und Morning Glory hat diesen Begriff angeregt und dann wurde er sehr schnell im Internet weitergetragen und (...) es war zum einen eine Abgrenzung gegenüber dem, was sich als freie Liebe in den 68ern etabliert hatte, die immer so den Geschmack hatte, dass doch die männliche Seite dominierte und dies war ein Punkt, dass eben gesagt wurde, ja wir sind eine Gemeinschaft, wenn es dann eine größere Gruppe von Polys, wie sie sich selber nennen, sind - und diese Gemeinschaft lebt auf Augenhöhe, gleichberechtigt. Bei der Church of All kam dazu, dass es auch eine esoterische Sichtweise gab, die es bis heute in der Polyamorie-Bewegung gibt."

Polyamorie ist zunächst eine persönliche Einstellung, die jedoch - trotz scheinbarer Pluralität der Lebensstile - auf tradierte Beziehungsmodelle Bezug nimmt.

Anna: "Ich war, glaube ich, so 18 Jahre alt, ich war mit jemandem zusammen, hab mich dann ganz schwer verknallt, und hab ne neue Beziehung angefangen und hab aber die andere Person dann immer noch geliebt, aber wir waren dann nicht mehr zusammen - und das kam mir schon mal komisch vor."

Anna wusste schon früh, warum die herkömmliche Mann-Frau-Beziehung für sie nicht in Frage kommen sollte.

Anna: "Und dann hab ich mit meiner Lehrerin ein privates Gespräch geführt und die hatte halt seit Ewigkeiten ihren Ehemann und hat mir erzählt, dass wie sie noch einen Freund hat, wie ihr Ehemann sich verliebt hat und die dann füreinander da waren und so und ich so: Ja, genau! Also, für mich ist das intuitiv einleuchtender als dieses starre Ehemodell, was auch total heterosexuell ist - DAS fand ich logisch. Ist doch total paradox, mit einer Person Schluss machen zu müssen, weil ich ne andere Person auch gerne mag und wenn ich ja auch weiß, das wird immer so weitergehen."

Verbindlich, aber offen

Inzwischen ist Anna 30 Jahre alt und gerade dabei, in eine WG umzuziehen. Mit ihrem Freund hat sie die letzten Jahre zusammengewohnt, sie haben einen gemeinsamen Sohn, zwei Jahre alt. Der Auszug ist keine Trennung, sondern das Ausprobieren einer neuen Lebensform. Die Beziehung ist verbindlich, aber offen, andere Partner damit möglich. Was leicht klingt, muss immer wieder erarbeitet werden - und die Frage nach der Eifersucht treibt Anne genauso um, wie andere auch:

Anna: "Ich hab halt wirklich versucht zu gucken, was ist es dann jetzt genau, diese Eifersucht, was will die mir sagen, warum hab ich die, hab ich Verlustängste, hab ich das Gefühl, ich bin nicht gut genug, oder wenn die Person, die ich liebe, mitbekommt, wie toll andere Leute sind, dann findet sie mich nicht mehr toll. Das sind lauter solche Sachen, wie nennt sich das: der Bodensatz der Eifersucht sind. Meistens sind da so Überzeugen dahinter, schlechte Überzeugen über mich, oder darüber was Beziehungen sind, die ja auch wirklich ansozialisiert sind, und dann können wir uns fragen, möchte ich jetzt danach mein Leben leben oder nicht. Und Üben ist wirklich auch ne Möglichkeit damit umzugehen. Ich hab halt versucht das auszuhalten, viele schwierige Situationen und dann hab ich das überlebt und dann war's gar nicht so schlimm und dann hab ich's wieder gemacht."

Liebe als Kommunikationscode

Niklas Luhmann, 1982: "In diesem Sinne ist das Medium Liebe selbst kein Gefühl, sondern ein Kommunikationscode, nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen und sich mit all dem auf die Konsequenzen einstellen kann, die es hat, wenn entsprechende Kommunikation realisiert wird."

Die Polyamorie versteht sich als kommunikativer Prozess des Aushandelns und wird damit zur stets neu zu schreibenden Familientheorie. Viktor, 45 Jahre alt, hat bis vor acht Jahren immer in klassischen monogamen Beziehungen gelebt und sagt über sich, er sei ein besonders eifersüchtiger Kandidat gewesen. Bis er seine jetzige Partnerin kennen lernte, die er seine Frau nennt. Sie ist bereits mit einem anderen Mann verheiratet, mit dem sie Kinder hat.

Viktor: "Natürlich als ich dann merkte, da wird mehr draus, hab ich mir auch gedacht - was machste denn da eigentlich, ist das nicht ziemlicher Unsinn, such' Dir doch lieber eine, die frei ist und ich hab da immer wieder mit mir gehadert, aber es waren einfach die Gefühle so intensiv, dass ich einfach sagen musste, das ist emotional die intensivste Beziehung, die ich je hatte. Deswegen haben wir dann beide immer wieder entschieden weiterzumachen. Wir haben beide immer wieder damit ja, gekämpft, und vor allem aber auch immer wieder viel geredet darüber, wie geht's uns, wie kommen wir damit klar, das ist ja der Kern der ganzen Sache, dass das funktioniert, immer wieder sich viel austauschen. Viele Leute machen das ja nicht so gerne, finden das anstrengend, wir finden es manchmal auch anstrengend, also auch in einer normalen Mono-Beziehung ist das ja manchmal schwierig, aber für uns beide ist das eben sehr wichtig, schon immer gewesen."

Der Schatten einer Familie, die sich an der Hand hält. (picture-alliance / dpa / Markus C. Hurek)Die klassische Kleinfamilie - ein Auslaufmodell? (picture-alliance / dpa / Markus C. Hurek)

Frau, Kinder, Freundin - eine Bereicherung, aber auch ständiges Gehen und Kommen. Für Hendrik ist Polyamorie eine ständige Definition der Beziehung, und - das unterscheidet es zu früheren Konzepten - eine eigene Festlegung von Grenzen, wenn die Gesellschaft keine mehr vorgibt.

Hendrik: "Ich glaub, das ist auch ein ganz entscheidender Punkt, diese Verbindlichkeit, dass man zeigt, man ist füreinander da, also Treue nicht im sexuellen Sinne, sondern Treue im Sinne von 'Ich bin immer da, wenn Du mich brauchst'. Es ist natürlich schwer, diese gleiche Form von Treue, die gleich Form von Verbindlichkeit gegenüber mehreren Menschen zu haben, aber es ist letztlich eine Organisationsfrage, denk ich mal und eine Frage von viel miteinander Kommunizieren, damit jeder weiß, wo sozusagen seine Grenzen auch sind."

Kommunikation, wieder und wieder, braucht die Polyamorie, und sie will gesellschaftliche Anerkennung. Nicht alle Polys weihen ihre Umgebung in ihre Lebensform ein, keiner der Interviewpartner möchte mit vollem Namen genannt werden. Das Poly-Leben ist für viele eine Art Parallelwelt - zu groß ist die Sorge davor, was Arbeitskollegen und Nachbarn von solchen Liebes- und Lebenskonstruktionen halten. Angst herrscht vor dem häufigen Vorurteil, es ginge bei Polyamorie schlicht um Sex, um die Möglichkeit, quasi legitimiert viele Partner haben zu dürfen. Dabei bezieht sich das Konzept der verbindlichen Mehrfachbeziehung deutlich auf ganz klassische Werte. Der Autor Thomas Schroedter:

"Ich denke, dass es eben um so etwas wie Integrität und so etwas wie Ehrlichkeit geht, dass die Polyamorie-Bewegung sehr viel Wert darauf legt, dass ehrlich miteinander umgegangen wird, dass alles was angesprochen werden soll, auch angesprochen wird, dass eine Vertrauensbasis in den Beziehungen besteht, die nicht zerstört wird. Dass diese emotionale Ebene von Ehrlichkeit und Integrität, und Aufeinanderzugehen, Zeit füreinander haben, dass das wichtig ist und damit ist das natürlich auch schon eine Kritik an dieser Gesellschaft, in der eben all das nicht mehr so passiert."

50 Prozent der Ehen werden geschieden

Die Polyamorie als Bewahrerin dessen, was die Beziehungsform "Ehe" mit Betrug und Trennung zerstört hat? Das Statistische Bundesamt Deutschland teilt mit: Im Jahr 2009 wurden knapp 400.000 Ehen geschlossen. Die Zahl der Ehescheidungen lag im selben Jahr bei fast 200.000. 50 Prozent der Ehen halten, die andere Hälfte funktioniert nicht.

Viktor sieht in der Polyamorie auch ein politisches Konzept. Er bloggt regelmäßig im Internet und hat schlussfolgernd aus seiner eigenen Geschichte von der Monogamie zur Mehrfachbeziehung klare Ideen für die Zukunft der Poly-Bewegung - vor allem beim Punkt der Eheschließung:

"Eine meiner Forderungen ist, dass die freie Wahl der Form der Ehe als Grundrecht fest geschrieben wird, denn es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, dass der Staat die Menschen in ein ganz bestimmtes Korsett steckt, 'nur so dürft ihr Familie leben', weil ich sage, und so verstehe ich das, was ich über Menschenrechte und Gesetze gelesen habe, Verbote muss es eigentlich und darf es nur dort geben, wo Schaden abgewendet oder geahndet werden muss. Und ich kann nicht sehen, wenn freie Menschen wissentlich und freiwillig und gleichberechtigt eine Beziehung eingehen, sei die monogam oder polygam, warum da irgendwo etwas verboten werden muss, so lange niemand Schaden nimmt."

"Die ethische Schlampe"

Bestandsaufnahme an einem Abend, ausgestattet mit der amerikanischen Bibel der Polys, "The Ethical Slut", die ethische Schlampe von Dossie Easton und Janet W. Hardy. Ein Handbuch für Polyamorie, offene Beziehungen und andere Abenteuer, aus dem Jahr 1997. Es lehrt den Umgang mit der Eifersucht, und gibt ganz praktische Regel-Tipps für das Leben zu Mehreren.

The ethical Slut:
"- Wir verbringen immer die Nacht zusammen
- Erzähl' mir alles, was Du mit Deinen anderen Partnern machst
- Erzähl' mir keinesfalls, was Du mit Deinen anderen Partnern machst
- Nimm' den Ring nicht ab, den ich Dir geschenkt habe
- Kleine Geschenke helfen mir, mich weniger verlassen zu fühlen"

Ein "How to" in Buchform für die Poly-Beziehung - und damit keineswegs eines, das nur Themen anspricht, die die Mehrfachbeziehung betreffen. Absprachen, Grenzziehung, Eifersucht, Treue: Die Polyamorie scheint mit diversen Vorschlägen für das Leben mit anderen das aufzugreifen, was die traditionelle Zweierbeziehung grundsätzlich als gesetzt und damit zuvor erlernt voraussetzt: Wir haben eine Beziehung, also leben wir sie, wie all die anderen vor uns schon. Das "Wie genau" steht oft hinten an, es funktioniert, oder eben nicht. Für die Mehrfach-Liebe aber ist diese Frage existenziell, und sie versucht mit ihrer genauen Beantwortung dem Scheitern vorzubeugen. Menschliche Beziehungen aber, egal, wie sie geführt werden, brauchen Leitfäden und den Austausch darüber. Was nach Binsenweisheit klingt, erschließt sich - wie oft - erst in der Beschäftigung mit Lebensformen, die als "nicht konform" gelten.

Schätzungsweise 10.000 Menschen leben in Deutschland polyamor - laut polyamorie.de - und suchen also nach Regeln und Formen für ihre Beziehungen. Woher kommt das Bedürfnis der Menschen, immer neue Liebestheorien zu entwickeln? Ein Besuch beim Kulturhistoriker Thomas Macho von der Humboldt Universität Berlin.

Eine neue Liebestheorie

Thomas Macho: "Das sind offenbar Diskursmoden. Das sind gar nicht so sehr Liebesmoden als Diskursmoden, denen halt die Liebe - und das geht jedes Jahrzehnt mit irgendwelchen anderen Akzenten. Faktisch leben wir ohnehin längst polyamorös, weil einfach durch wachsende Lebenserwartungen und Lebensspannen, im Übrigen nicht erst seit diesem Jahrhundert, natürlich die Wahrscheinlichkeit auch wächst, dass man nicht nur mit einer, sondern mit mehren Beziehungen sein Leben verbringt, ob man die nun gleichzeitig oder nacheinander, ist dabei vielleicht sogar gar nicht so wichtig. Wichtig erscheint aber zu sein, dass man vor die Liebe so eine Art von Anführungszeichen setzt und mit diesem Anführungszeichen dann operiert und das könnte man auch so interpretieren wie, es gibt sozusagen wiederkehrende Rituale der Frage und Gegenfrage in Liebesbeziehungen und das wird jetzt halt in den Diskurs übersetzt, man fragt dann nicht mehr 'Liebst Du mich wirklich', sondern man übersetzt dieses 'Liebst Du mich wirklich' in eine neue Liebestheorie."

Das Benennen von Beziehungsformen gehört zum menschlichen Diskurs-Programm. Dabei geht es scheinbar mehr um die richtige Form von Beziehung als um das große Gefühl der Liebe.

Thomas Macho: "Das ist eine sehr schöne und sehr sehr komplizierte Frage, warum man sich das eigentlich nicht traut, einander einfach so zu lieben - das muss was mit dem subversiven Potenzial des Liebens selbst zu tun haben. Mich hat immer fasziniert an den exzessivsten und dramatischsten Formen des Ausbruchs, denken Sie an de Sade oder sowas, wie ungeheuer mathematisch das funktioniert. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass die Polyamorie so ähnlich funktioniert, nämlich sehr mathematisch, sehr kalkulierend und notwendigerweise ordnend und das von daher gesehen uns das Lieben tatsächlich ganz, ganz selten als das einfach begegnet, das einfach zu machen ist, alle wollen da sehr erfahren, sehr kompetent, sehr klug sein und sind dann dem, was eben auch das subversive Potential ausmacht, nämlich dem Unverhofften und dem Plötzlichen, dem was auch der Schrecken einer Liebesbeziehung sein kann, hilflos ausgeliefert."

Bertolt Brecht: "Denn wir sagen: In diesem traurigen Leben / Ist die Liebe immer das Sicherste doch / Und wir wissen ja: Es wird sie nicht immer geben / Aber jetzt scheint der Mond über Soho noch."

Eine Poly-Meet-Up-Group in New York. In den USA wurde die Bewegung geboren, Anfang der 90er. Und Polys können sich, wie in den größeren deutschen Städten inzwischen auch, diversen Communities anschließen, um sich regelmäßig auszutauschen. Man verabredet sich über das Internet zu den Treffen.

Jede Abweichung von der sozialen Norm wird bekämpft

In der Upper East Side versammeln sich an einem Sonntagnachmittag ein Dutzend Menschen, sie sind zwischen 25 und um die 60 Jahre alt. Joe ist der Leiter der Gruppe, ein freundlicher, weißhaariger Mann, mit Karohemd und gutmütigem Blick hinter dicken Brillengläsern. Er hat eine Ehefrau und drei Freundinnen und er antwortet meist mit großer Gelassenheit auf die Fragen der Gruppe - und so auch auf die nach dem Status Quo der Poly-Bewegung, 20 Jahre nach der Entstehung in den USA.

Joe: "Dieses Land, anders als Deutschland oder andere Teile Europas, trägt das große Erbe einer Zeit, in der Vergnügen verurteilt wurde - die Menschen sollten arbeiten. Meine persönliche Meinung ist, dass wir Menschen auf diesem Planeten sind, um eine gute Zeit zu haben, und dafür setze ich mich ein. Es gibt die religiösen Rechten, eine kleine, aber sehr laute Gruppe und sie haben politischen Einfluss. Und das hat zur Folge, dass jede Form der Abweichung von der sozialen Norm von Leuten bekämpft wird - Leuten, die Angst haben, dass neue Ideen ihre eigene Haltung herausfordern."

Tammi und Alexander sind die einzigen, die an diesem Nachmittag als Paar gekommen sind. Sie halten sich unablässig an den Händen, sind frisch verliebt. Beide sind bisexuell und fragen die Gruppe, wie sie mit Eifersucht umgehen sollen, wenn sie ihre Beziehung öffnen.

Tammi: "Eine Sache, die wirklich schwierig ist, ist ihm zu sagen, wenn ich mich von einer anderen Person angezogen fühle. Ich habe Angst, dass ihn das verletzen könnte, dass er eifersüchtig werden oder sich unsicher fühlen könnte. Ich muss mich wirklich dazu bringen, ehrlich zu sein, wenn ich jemand anderen attraktiv finde."

... sagt Tammi und lässt auch während unseres Gesprächs die Hand von Alexander nicht los. Er ist erst vor wenigen Monaten nach New York gezogen. Sie lebt schon lange hier und sagt, ihre Lebensform sei kein explizit politisches Statement - aber: wenn sie nicht im liberalen New York leben könnte, würde sie die USA verlassen. Ich frage Alexander, wie viel seine Lebensweise mit seiner politischen Haltung zu tun hat.

Alexander: "Ich bin politisch gesehen definitiv links und was 'normativ' bestimmt wird, hat für mich noch nie funktioniert, egal ob in der Schule oder bei der Arbeit. Ich war auch sehr aktiv gegen den Krieg. Ich bin einfach nicht systemkonform, und das auch nicht in meinen Beziehungen - ich esse nicht das, was man mir vorsetzt."

Gründe für die offene Liebe

Cornelia Jönsson & Simone Maresch, 2010: "Weil wir viele sind. Weil Monoamorie heute und hier nicht notwendig ist. Weil wir verbindlich sind. Weil wir uns nicht entscheiden müssen. Weil wir abgesichert sind. Weil alles manchmal nicht genug ist."

Cornelia Jönsson und Simone Maresch haben 111 Gründe für die offene Liebe zusammengetragen und erzählen in ihrem Buch mit Hilfe einer fiktionalen Geschichte, warum diese Beziehungsform aus ihrer Sicht in vielen Punkten mehr Sinn ergibt als die Monogamie. Wir sprechen über den Vergleich der Situation der Polyamorie mit der Homosexuellenbewegung in den 80er-Jahren. Welche Entwicklung wird die Polyamorie nehmen?

Simone Maresch: "Das is auch immer so mein Spruch: Von den Schwulen lernen heißt siegen lernen, aber dass das jetzt so rauskommt und so hochploppt, das glaube ich eigentlich nicht. Weil das nach wie vor eher so ne großstädtische Geschichte ist und auch ne Sache, die ..."

Cornelia Jönsson: "Es ist halt auch nicht so sichtbar, es ist wie mit Sadomasochismus, wenn sich jetzt zwei Männer lieben und die laufen händchenhaltend auf der Straße und küssen sich, dann ist jetzt klar, dass die schwul sind, oder auf jeden Fall ne Beziehung miteinander haben und wenn es viele machen, dann ist das eben gesellschaftlich präsent. Aber wenn jetzt mein Mann heute mit mir und morgen mit seiner Freundin durch dieselbe Fußgängerzone geht, dann ist es halt nicht präsent und wenn er mal mit uns beiden des Weges geht, denken vielleicht irgendwelche Typen, krass, was geht denn mit dem, aber irgendwie ..."

Simone Maresch: "Man muss auch mal sagen, dass global betrachtet, Polyamorie ein unglaublicher Luxus ist, also da ist ja die monoamore Ehe, oder die monogame Ehe ja eher ein Fortschritt, der sich noch gar nicht überall durchgesetzt hat."

Sogenannte "Liebesschlösser" hängen am Geländer der Fußgängerbrücke "Eiserner Steg" in Frankfurt am Main (picture alliance / dpa)Auf immer miteinander verbunden? Das ist heute eher die Ausnahme. Rund 50 Prozent der Ehen werden wieder geschieden. (picture alliance / dpa)

Polyamorie - ein Liebeskonzept eher für unsere westliche Gesellschaft, die dem Individuum unterschiedliche Lebensmöglichkeiten bietet. Aber wie frei sind wir wirklich dabei? Die Spannungen in der Diskussion und um die Bewertung der Polyamorie resultieren am Ende auch daraus, dass der Einzelne eben doch noch "symbolische Wertvorstellungen" hat, die mit der Unverbindlichkeit einer postmodernen Gesellschaft kollidieren. Wie werden wir also in zehn Jahren auf die Polyamorie schauen - wenn die nächste Liebes- und Lebenstheorie ansteht? Wird sie Phänomen geblieben sein oder große Bewegung?

Die Antworten auf die Fragen bleiben offen. Die Polyamorie hat keine konkreten - oder gar normativen - Handlungsanweisungen für alle, sondern funktioniert derzeit vor allem als Diskurs-Angebot über das Wie und Warum von Beziehungen. Propagiert wird lediglich eine Öffnung, im Kopf, aber auch konkret in den Möglichkeiten, miteinander zu leben. Am wenigstens wird sich die Polyamorie wohl als Bewegung durchsetzen, das verhindern ihre Diversität und die Tatsache, dass sie nur in Teilen einen gesellschaftspolitischen Anspruch erhebt. Und die Liebe - ohne die es die Notwendigkeit der Erörterung von Strukturen im Miteinanderleben gar nicht gäbe? Was wird aus ihr?

Kulturgeschichte der Liebe

Während sich unsere Beziehungsformen verändern, verändert sich auch das Lieben, daran glaubt Kulturhistoriker Thomas Macho - der zum Verständnis all dieser Zusammenhänge eine Kulturgeschichte der Liebe vermisst.

Thomas Macho: "Die eine Vermutung ist ja immer, dass sich das Lieben gar nicht so wahnsinnig verändert, glaube ich eher nicht, ich glaube, es verändert sich schon sehr, aber wir wissen es nicht so ganz genau, wie es sich verändert, was für einen Unterschied es macht, ob man jetzt vier Jahrzehnte zusammen verbringt, in einer Art von ökonomischen oft sehr bedrängten Situation, wie das im 16., 17., 18. Jahrhundert der Fall gewesen sein mag. Oder ob man unter diesen sehr modernen auch unter dem Diktat der Mode stehenden Verhältnissen seine Partner sucht und wählt und gestaltet. Ich bin sehr unsicher, dass es uns jemals gelingen wird, wirklich eine Kulturgeschichte der Liebe zu schreiben und zu verstehen."

Zeitfragen

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