Seit 00:05 Uhr Freispiel
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 00:05 Uhr Freispiel
 
 

Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 02.02.2011

"Poll"

Historiendrama von Chris Kraus

Gesehen von Hans-Ulrich Pönack

Mit enormem Produktionsaufwand drehte Regisseur Chris Kraus die Geschichte einer Jugendlichen am Vorabend des Ersten Weltkrieges, die auf dem Gutshof ihres Vaters einen Anarchisten versteckt.

Der 1963 in Göttingen geborene Regisseur Chris Kraus hat sich "unauffällig", also nicht sehr laut, in die Meisterklasse deutscher Filmemacher katapultiert mit nur wenigen, dafür aber um so nachhaltigen Werken. "Poll", sein erst dritter Leinwandspielfilm, ist ganz großes, berauschendes Kino. Nach u.a. Jobs als Journalist und Illustrator studierte er von 1991 bis 1998 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, Arbeitete als Autor und dramaturgischer Berater, u.a. für Detlev Buck, Pepe Danquart und Volker Schlöndorff. "Scherbentanz", mit Margit Carstensen und Jürgen Vogel hauptrollenbesetzt, war 2002 sein Langfilmdebüt.

Sein zweiter Spielfilm, "Vier Minuten", 2005 mit Monika Bleibtreu und Hannah Herzsprung gedreht, gehört zu den meist ausgezeichneten deutschen Filmen der letzten Jahre, gewann rund 50 nationale bzw. internationale Preise (darunter den "Deutschen Filmpreis" als "Bester Spielfilm").

Der neue Film von Chris Kraus hat auch was mit ihm zu tun, familiär sozusagen: Oda Schäfer, die Hauptakteurin und Erzählerin hier, ist eine geborene Kraus und seine Großtante. Die Berliner Schriftstellerin lebte von 1900 bis 1988.

Zur Vorgeschichte von Ort, Zeit und Kino, was mindestens genauso interessant ist wie dieses aufsehenerregende Projekt: "Poll" basiert lose auf den Memoiren dieser vergessenen Schriftstellerin,in denen sie ihren Kindheitsbesuch in der deutsch-baltisch-russischen Ostseeprovinz Estland kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs schildert.

Nach 14-jähriger Entwicklungszeit und dreijähriger Produktionsvorbereitung wurde "Poll" im Sommer 2009 in einem fast unberührten Gebiet der südestnischen Ostseeküste, fernab aller modernen Infrastruktur, realisiert. Der sagenhafte Hauptdrehort - eben jenes Gut Poll, das im Stile der Renaissance-Architektur von Palladio entworfene Herrenhaus - wurde in sechsmonatiger Bauzeit auf Stelzen ins Meer gesetzt. Insgesamt über 1000 Komparsen, Hunderte von Kostümen, 150 Team-Mitglieder aus halb Europa und eine ganze Flotte von Baumaterialien mussten an den Drehort gebracht werden. So die offiziellen Produktionsnotizen, die noch anmerken: "Die enormen logistischen Probleme und die damit verbundenen Produktionsherausforderungen konnten nur bewältigt werden, weil insgesamt 24 nationale wie internationale Fernsehredaktionen und Filmförderer gewonnen werden konnten". "Poll" ist eine der ehrgeizigsten und aufwendigsten europäischen Filmproduktionen der letzten Jahre .

Mit 14 kommt Oda aus Berlin, wo sie mit ihrer Mutter gelebt hatte, in die morbide , unterkühlte Welt ihres Vaters auf Gut Poll. Man lebt pompös hier, adelig, also herrschaftlich, privilegiert. Dennoch beginnt die Fassade innerlich zu bröckeln. Der Vater – Edgar Selge - ist ein Hirnforscher, der buchstäblich nach Frischfleisch für sein geheimes Laboratorium lechzt. Dessen Ehefrau, eine Einheimische, Tante Milla (Jeanette Hain) pflegt eine "offene" Affäre" mit dem grantigen, aufmüpfigen Verwalter (Richy Müller), während Oda auf das Abenteuer ihres frühen Lebens stößt: Als sie einen verwundeten Anarchisten entdeckt und nicht ausliefert, sondern versteckt und pflegt. "Schnaps" nennt sie ihn und "Schnaps" ist fortan in die pubertären Verstrickungen einer emotional aufgeladenen 14-Jährigen eingebunden, die ihn "behalten" möchte.

Oda ist zerrissen von der Zuneigung zu ihrem strengen Vater und jetzt zu "Schnaps", der eigentlich schnellstmöglich von hier weg will und muss.

An einem weit entfernten Ort dieser Welt, wo es dem Deutschen Chris Kraus ebenso sinnlich, malerisch, nahegehend, herznah gelingt, ein atmosphärisches, spannendes Epos reizvoll zu gestalten, unaufgeregt zu erzählen, sehr unterhaltsam auszubreiten, weil eine prächtige Debütantin wie ein Naturereignis auftaucht: Paula Beer, einst beim Jugendensemble des Berliner Friedrichstadtpalastes aktiv. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten süße wie erwachsene 14, trägt sie mit allen körpersprachlichen Nuancen ihre dominante Figur, beherrscht neben den vorzüglichen Profis die eisig-faszinierende Szenerie, liefert eine geradezu unglaubliche Performance in Leib und Seele ab.

Was für eine Wahnsinns-Entdeckung! Und was für ein endlich einmal überzeugendes, kino-likes, furioses deutsches Leinwand-Schmankerl! Echt gute Breitwandunterhaltung.

Deutschland / Österreich / Estland 2010. Regie: Chris Kraus. Darsteller: Paula Beer, Edgar Selge, Tambet Tuisk, Richy Müller, Jeannette Hain u.a. Länge: 129 Minuten

Filmhomepage "Poll"

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

"Ich versuche, in die Psyche einer einzigen Figur zu kriechen"

Filme der Woche

Neu im KinoAttraktive Chefin im tristen Büro
Der britische Schauspieler Nick Frost (dpa / picture alliance / Dan Himbrechts)

Bruce war drauf und dran, als 13-Jähriger die Salsa-Junioren-WM zu gewinnen. Dann hat er lange mit dem Tanzen nichts mehr am Hut - bis er eine neue Chefin bekommt. Um sie zu beeindrucken, fängt er wieder damit an.Mehr

Neu im KinoUnsterblich verliebte Todgeweihte
Schauspielerin Shailene Woodley, aufgenommen am 30. März 2014 in London. (picture alliance / dpa / Tal Cohen)

Die Jugendbuchverfilmung um die 16-jährige Hasel, die unheilbar an Schilddrüsenkrebs erkrankt ist, schafft, was schon der Romanvorlage gelang: unkonventionelle Charakterzeichnung und Herzkino ohne Gefühlsduselei.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur