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Interview / Archiv | Beitrag vom 14.08.2012

Politologe: SPD-Kanzlerkandidatensuche erhöht Chance auf Aufmerksamkeit

Wissenschaftler Grunden rät zu Entscheidung erst 2013

Timo Grunden im Gespräch mit Nana Brink

SPD-Chef Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sind zwei mögliche Kandiddaten der SPD für den Kanzlerposten. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)
SPD-Chef Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sind zwei mögliche Kandiddaten der SPD für den Kanzlerposten. (picture alliance / dpa / Rainer Jensen)

Timo Grunden empfiehlt der SPD, die Debatte über den möglichen Kanzlerkandidaten bis Anfang kommenden Jahres offen zu halten. Die Diskussion halte derzeit die Spannung hoch, sagte der Politikberater.

Nana Brink: Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann die Spitzenkandidaten-Frage bei der SPD wieder aufs Tapet kommt. Die Sommerpause nähert sich ja ihrem Ende und – voilá! – da ist sie. Angeblich will die Troika aus Parteichef Gabriel, Fraktionschef Steinmeier und dem ehemaligen Finanzminister Peer Steinbrück ja bis Anfang des nächsten Jahres dicht halten und sich nicht erklären, aber daraus wird wohl nichts.

Die Frage ist wohl auch, ob die Kür eines Spitzenkandidaten einer Partei im Zeitalter des Internets so lange offengehalten werden kann – oder vielleicht gerade muss, damit es spannend bleibt? Am Telefon begrüße ich jetzt Timo Grunden, Politikwissenschaftler an der Uni Gießen und selbst auch in der Politikberatung tätig mit seinem Unternehmen. Schönen guten Morgen, Herr Grunden!

Timo Grunden: Einen schönen guten Morgen, Frau Brink!

Brink: Es gibt ja erst mal die Binsenweisheit: In Krisenzeiten werden immer die Regierungen wiedergewählt, nicht die Opposition. Was heißt das für die Spitzenkandidatenfindung der SPD?

Grunden: Na ja, grundsätzlich muss man sich dann auch überlegen, ob man überhaupt jemanden findet, der vielleicht auch bereit ist, eine Niederlage einzustecken, denn dieses Risiko ist nach wie vor groß. Was die Union insbesondere wahrscheinlich retten wird im nächsten Jahr, das ist in der Tat die Eurokrise und eben das Krisenmanagement der Kanzlerin, was immer man auch davon halten will, aber das ist eben jetzt eine Stunde der Exekutive, und das macht es für die Opposition schwer.

Brink: Auch schwer dann wahrscheinlich, einen Spitzenkandidaten zu küren. Aber warum dann dieses permanente Aufflammen dieser Kandidatenkür? Eigentlich hat man sich doch geeinigt.

Grunden: Ich weiß nicht, ob man sich bei der SPD schon geeinigt hat. Im Moment ist es eben noch so, dass die Kanzlerkandidatendebatte eben noch die Spannung hochhält, wie sie schon gesagt haben, dass man hier ein Thema hat, das eben auch Aufmerksamkeit auf die SPD zieht. Als Oppositionspartei, gerade in der Eurokrise, hat man ja eben gerade nicht sehr viel Aufmerksamkeit. Es ist die Regierung, auf die alle Welt schaut. Ganz Europa schaut ja auf die deutsche Bundesregierung und das deutsche Verfassungsgericht.

Und da kommt man als SPD, als Oppositionspartei schon mal schlecht weg, was die Aufmerksamkeit betrifft. Insofern ist es nur gut, wenn diese Personaldebatte weiter am Köcheln gehalten wird.

Brink: Da würde ich jetzt aber gerne mit dem Argument kontern, das jetzt nicht von mir ist, sondern von Matthias Machnig, dem ehemaligen Wahlkampfmanager, der gesagt hat, es wäre eigentlich besser für die SPD, sie würde die Füße stillhalten und sich nicht dauernd mit sich selbst beschäftigen.

Grunden: Also ich glaube, Herr Machnig weiß ganz genau, wie man Medien beschäftigt und wie man Medienaufmerksamkeit erzielt, da ist er ein absoluter Profi, und er wusste auch 1998 als Wahlkampfmanager diese Aufmerksamkeit für die SPD-Personaldebatte zu nutzen, gerade auch zugunsten der SPD. Also eine wichtige Frage steht ja auch noch im Raum, mit welchem Programm die SPD eigentlich antreten will.

Und Programm und Personen gehören immer zusammen. Wenn man ein Programm noch nicht hat, dann ist es eben auch schwierig, eine Person zu finden, die dazu passt, weil das Risiko ist eben, dass Programm und Person nicht zusammenpassen, und dann gehen Wahlkämpfe oft verloren.

Brink: Bleiben wir aber trotzdem noch mal bei den Personen: Welche Rolle spielt denn da das Internet, auch bei dieser Kandidatenkür, also dieses permanente Rumtwittern?

Grunden: Also, ich würde das auf gar keinen Fall überschätzen. Bisher ist das Internet und die sozialen Medien noch keine zentralen Waffen im Wahlkampf, das kann man nicht sagen. Man muss im Internet präsent sein, man muss die sozialen Medien nutzen, weil man sonst sehr schnell bei den konventionellen Medien als unmodern gilt, ja, also Journalisten schauen drauf: Wie modern sind die Parteien im Internet aufgestellt? Ob das wirklich was nutzt, das ist eine ganz andere Frage.

Wir wissen aus Untersuchungen aus dem Bundestagswahlkampf 2009, dass das Internet nun nicht gerade sehr stark zur Wahlentscheidung beigetragen hat. Da sind die konventionellen Medien immer noch wichtiger. Das Internet ist eher ein Medium für schon fest Entschlossene und Überzeugte, für strenge Anhänger, die sich engagieren wollen, die sich auch informieren wollen. Für Unentschlossene oder für Personen, die sich wenig für Politik interessieren, ist das Medium noch, muss man sagen, noch kein zentrales Medium.

Brink: Also wir sind noch weit davon entfernt, zum Beispiel so etwas wie eine Obama-Kampagne zu haben, die vor vier Jahren ja sichtbar war?

Grunden: Genau, weil wir gar nicht die Polarisierung haben zwischen den Parteien, also gar nicht so extrem ideologische Lager wie es in den USA der Fall ist. Und noch dazu haben wir hier noch einen einigermaßen intakten Zeitungsmarkt und einen einigermaßen geschlossenen Fernsehmarkt. Das ist in den USA so nicht mehr der Fall, da haben wir es eigentlich mit einem Zerfall der Öffentlichkeit zu tun, eben auch in ideologische Lager, und sie haben auch keine gesunde Presselandschaft mehr, kaum mehr eine zusammenhängende, gemeinsame nationale Öffentlichkeit, und da spielt das Internet deswegen eine viel größere Rolle. Das ist hier bei uns in Europa, gerade in Deutschland, noch nicht der Fall.

Brink: Es gab ja mal einen SPD-Kanzler, der gesagt hat, er regiert mit "Bams", "Bild" und Glotze. Sollte die SPD diese Weisheit hinter sich lassen?

Grunden: Ja, die hat er ja selber schon zurückgezogen, der Gerhard Schröder, weil er am Ende gemerkt hat, dass man eben nicht allein mit den Medien regieren kann, dass die einen immer noch im Stich lassen können oder zumindest ihr Wohlwollen entziehen können. Gerhard Schröder hat am Ende nicht Kanzler bleiben können, weil er die Partei nicht mehr hinter sich wusste, weil er die Partei verloren hat, und egal, welcher Kandidat antreten wird, es wird keine One-Man-Show werden dürfen. Es gibt drei Ps, die im Wahlkampf wichtig sind: Das ist die einzelne Person, das ist das Programm, und das ist eben auch die Partei. Und alle drei müssen zusammenpassen, ansonsten wird es sehr, sehr schwierig.

Brink: Also sollte die SPD mal bei Ihnen anrufen, ja, es könnte ja passieren – haben Sie dann für die die passende Kampagne in der Schublade?

Grunden: Also vor allen Dingen wird so eine passende Kampagne sich überlegen müssen, was man eigentlich macht, wenn tatsächlich immer noch die Eurokrise im Zentrum des Wahlkampfes steht, ja, und da wird dann guter Rat in der Tat teuer sein, weil das eben auch die Stunde der Exekutive ist. Aber ich kann mir ja mal was überlegen.

Brink: Also dann muss ja Ihr guter Rat mal teuer sein, trotzdem jetzt apropos Spitzenkandidatur: Soll sie entscheiden oder soll sie noch bis Januar dichthalten, die Troika?

Grunden: Also wenn sie es noch irgendwie hinbekommt, dann würde ich auf jeden Fall noch bis Anfang nächsten Jahres warten, um das Interesse aufrecht zu erhalten.

Brink: Timo Grunden, Politikwissenschaftler an der Uni Gießen und selbst auch in der Politikberatung tätig. Schönen Tag, Herr Grunden, für das Gespräch, und vielleicht ruft die SPD ja an.

Grunden: Vielen Dank, tschüss!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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