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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.02.2011

Politologe befürchtet Gewalt in Algerien

Protestmarsch in Algier erwartet, Sicherheitskräfte in Stellung

Auf dieser Archivaufnahme patroullieren algerische Anti-Krawall-Einheiten auf der Straße von Rouiba nach Algiers. (AP Archiv)
Auf dieser Archivaufnahme patroullieren algerische Anti-Krawall-Einheiten auf der Straße von Rouiba nach Algiers. (AP Archiv)

Auch in Algerien hat die Opposition zu Protesten aufgerufen und für heute einen "Tag des Zorns" angekündigt. Der Politikwissenschaftler Rachid Ouaissa warnt, dass es dabei zu Gewaltakten von Seiten des Militärs kommen könnte.

Gabi Wuttke: Erst Tunesien, nun Ägypten, der zweite Sturz eines arabischen Machthabers durch das Volk. Auch die Algerier freuten sich über den Etappensieg der Demokratiebewegung, aber die spontane Freude gestern Abend in Algier wurde mit Gewalt niedergeknüppelt. Was ist also vom "Tag des Zorns" zu erwarten, der heute in Algerien angesetzt ist, im Land, das in den 90er-Jahren von einem Bürgerkrieg erschüttert wurde und seit 1999 vom militärgestützten Abdelaziz Bouteflika regiert wird? Im Deutschlandradio Kultur begrüße ich um 7:51 Uhr Professor Raschid Ouaissa, er leitet das Zentrum für Nah- und Mitteloststudien der Universität Marburg und ist in Algerien geboren. Guten Morgen!

Raschid Ouaissa: Guten Morgen!

Wuttke: Was befürchten Sie für den heutigen Tag?

Ouaissa: Ich befürchte, dass es schnell zu Gewaltakten übergeht. Weil das Militär und das System haben sich gut vorbereitet mit 30.000 Polizisten in der Place du premier Mai und versucht, jetzt alle – also die Züge dürfen nicht nach Algier heute –, und versucht, die Busse auch, die mit Demonstranten aus allen Ecken Algeriens nach Algier zu gelangen, erst mal zu stoppen. Und dies hat schon gestern Abend begonnen und gegen die ersten Organisatoren wurde schon gestern in Algier Gewalt angewendet. Und die Menschenrechtsliga-Büros und andere Organisationen, die mitmachen, wurden gestern Abend auch mit Polizei umzingelt.

Wuttke: Teilt Ihre Familie in Algerien, ihre Freunde dort, Ihre Meinung? Gibt es eben dort auch Angst vor dem, was Sie befürchten?

Ouaissa: Je nachdem. Die Älteren ja schon, die haben alle Angst, und die Jüngeren nicht. Ich habe gestern rumtelefoniert mit Freunden, auch mit meinen Geschwistern: Ja, zum Teil hat man Angst, dass es zu Gewaltakten übergeht, zum anderen hat man die Nase voll. Da will man einmarschieren. Es gibt so ein schönes Motto von einem großartigen algerischen Intellektuellen, der im Zuge des Bürgerkriegs gestorben ist, Tahar Djaout, der sagt: Wenn du sprichst, stirbst du, wenn du nicht sprichst, stirbst du. – Sprich und stirb!

Wuttke: Es hat immer wieder Bestrebungen nach mehr demokratischer Teilhabe in Algerien gegeben. Woran sind die gescheitert, wenn man das mal strukturell betrachtet?

Ouaissa: Es erinnert mich stark, und deswegen auch diese Demo heute am 12. Februar, an vor 20 Jahren. Also es war im Prinzip das gleiche Szenario, nämlich dass das Volk aufgestanden ist Ende der 80er-Jahre, '89, es kam zu Reformen, Verfassungsänderungen und so weiter, einem Pluralismus zumindest auf dem Papier. Wir hatten auch ein Jahr oder eineinhalb Jahre Demokratie, muss man sagen. Und dann kam es, dass diese Bewegung von islamistischen Bewegungen sozusagen gekappt wurde und monopolisiert wurde, was zu einem ersten Wahlsieg der islamistischen Partei Islamische Heilsfront, die FIS. Und das Militär kam als Retter der Demokratie und hat den zweiten Wahlgang gestoppt. Und das hat dazu geführt, dass wir zehn Jahre Bürgerkrieg mit wahrscheinlich um die 200.000 toten Menschen, toten Algeriern hatten. Und seitdem hatten wir, ja das Militär war im Prinzip nie weg aus der Macht sozusagen. Aber ist es die Rückkehr wirklich in der ersten Reihe sozusagen …

Wuttke: … das heißt, Bouteflika muss nicht darum fürchten, dass die Armee ihm nicht zur Seite steht?

Ouaissa: Nein, das heißt gar nichts. Das heißt, die Armee hat immer noch die Macht, Bouteflika, wenn er stört … Und es scheint, er stört auch ein bisschen, zumindest er ist, also die Armee ist gleichgültig in der letzten Zeit, Bouteflika ist krank, Bouteflika ist alt, Bouteflika hat seine Karten verspielt, indem er die Verfassung, die er selber verändert hat, wieder missbraucht hat, ein drittes Mandat. Die Verfassung sieht nur zwei Mandate vor, und er hat es missbraucht. Und er hat wie gesagt in einer Zeit, seit '99, eine bombastische ökonomische Zeit in Bezug auf Ölpreise, er hat seine Zeit verspielt, die Reformen, die er versprochen hat, um sich dementsprechend unabhängig von der Militärjunta zu machen, nicht wahrgenommen. Und die Armee, die kann Bouteflika wechseln, das ist kein Problem.

Wuttke: In den letzten Tagen wurden aus Algerien Selbstverbrennungen gemeldet. Ist das Ausdruck tiefsten persönlichen Leids oder muss man auch sehen, dass in dieser Demokratiebewegung als zartem Pflänzchen doch auch eine ganze Menge Kraft steckt, wenn man es mal andersrum sieht?

Ouaissa: Diese Verbrennungen, ich nenne es … Jetzt werde ich ein bisschen philosophisch, ich nenne alles, was in Algerien passiert seit den 90er-Jahren bis heute, eine Revolution der drei Hs. Wir hatten drei soziologische Kategorien, die wichtig geworden sind seit den 90er-Jahren. Die erste Kategorie sind die sogenannten (…) - auf Arabisch bedeutet die Mauer, die Wand. Das sind junge Leute, Akademiker, die mit ihrem Rücken an der Wand von früh bis abends die Menschen begaffen, weil sie nichts zu tun haben. Also das sind die jungen, arbeitslosen Akademiker, und das sind Massen geworden in Algerien in den letzten Jahren, das ist wirklich eine Kategorie. Diese jungen Menschen sind perspektivlos, die haben kein Schema, wohin es geht und wie es weitergeht. Zum Teil wurden sie von Terroristen rekrutiert, zum Teil versuchen sie einen anderen Ausweg, nämlich zu fliehen. Jetzt kommt es zum zweiten H, nämlich die wurden gedemütigt…

Wuttke: … Herr Ouaissa, Sie müssen ganz schnell mit den zweiten und dritten Hs machen, weil es geht auf die Nachrichten zu.

Ouaissa: Ja, das ist die Hogra, Hogra ist Demütigung. Und das dritte ist (…). Das sind die Leute, die fliehen wollen, fliehen nach Europa. Und jetzt (…) im Sinne sich verbrennen. Das heißt, sich verbrennen ist eine andere Art zu fliehen.

Wuttke: Zu den Grenzen und Chancen der algerischen Demokratiebewegung Professor Raschid Ouaissa von der Universität Marburg. Ich danke Ihnen sehr und wünsche Ihnen einen schönen Tag und einen spannenden und vielleicht ja auch einen positiven am Ende. Danke schön!

Ouaissa: Vielen Dank!

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