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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.11.2014

Politisches SachbuchHochnäsiger Liberalismus

Jean-Claude Michéa: "Das Reich des kleineren Übels. Über die liberale Gesellschaft"

Von Marko Martin

Die Bankentürme von Frankfurt am Main scheinen kurz nach Sonnenuntergang aus vielen kleinen Eurozeichen zu bestehen. (picture alliance / Daniel Reinhardt)
Politischer Liberalismus und Wirtschaftsliberalismus sind kaum voneinander zu trennen, meint der Philosoph Jean-Claude Michéa (picture alliance / Daniel Reinhardt)

Der politische Liberalismus droht zum Diener marktradikaler Ideen zu werden, warnt der Philosoph Jean-Claude Michéas. Seine Streitschrift "Das Reich des kleineren Übels" ist ein vitaler Einspruch zur richtigen Zeit.

Verteidiger des politischen Liberalismus beziehen sich gern auf Werte, die im Unterschied zu den Ideen der klassischen Linken auf anthropologisch begründeter Skepsis beruhen: Der Mensch ist des Menschen Wolf, folglich braucht es keine hochfliegenden Utopien, sondern robuste Gesetze und Institutionen, welche die Menschen voreinander schützen. Darauf beruht der liberale Rechtsstaat, der Gedanke der Gewaltenteilung und der weltanschaulichen Neutralität des Staates.

So unbestritten dies die Resultate einer Erfolgsgeschichte sind - nicht zuletzt vor dem Hintergrund der totalitären Kollektiv-Ideen von Kommunismus und Nationalsozialismus, neuerdings auch des militanten Islamismus - es könnte durchaus sein, dass es sich Liberale inzwischen zu einfach machen, wenn sie die Idee des Liberalismus allein durch den Erfolg solcher politisch-gesellschaftlicher Rahmenbedingungen rechtfertigen. Denn ist der politische Liberalismus tatsächlich so leicht von einem Wirtschaftsliberalismus zu trennen, der längst nicht mehr nur ein Element unserer Gesellschaften ist, sondern in Bildung, Politik und Alltag danach strebt, zur neuen "alternativlosen" Ideologie zu werden?

Inspiriert von Albert Camus und George Orwell

Aus diesem Grund kommt die  Streitschrift "Das Reich des kleineren Übels. Über die liberale Gesellschaft" gerade zur richtigen Zeit. Verfasst hat sie der 1950 geborene französische Philosoph Jean-Claude Michéa, der es sich - im Unterschied etwa zu André Glucksmann oder Alain Badiou - weder im Antitotalitarismus noch in einem modischen Neo-Kommunismus gemütlich macht, sondern seine Gewährsleute in Albert Camus und George Orwell findet. Resümee seines Buchs: "Wenn der liberale Staat auf ewig eine philosophisch leere Form bleiben soll, wer anderes als der Markt wäre dazu berufen, die weißen Seiten zu füllen und es schließlich auf sich zu nehmen, den Menschen 'Moral' angedeihen zu lassen?" 

Permanentes Wachstum um jeden Preis

Mehr noch und womöglich noch provozierender: "Unser aller narzisstischer Wunsch", die Gesellschaft perfekter, gerechter, diskriminationsfreier und das Essen biologischer, ökologischer etc. zu machen, finde seine geradezu logische Entsprechung im Marktradikalismus eines permanenten Wachstums um jeden Preis. Hier stößt das Philosophenbuch an seine Grenzen. In einer komplexen Wirklichkeit ist solch eine einfache Logik freilich nur in abgeschwächter Form erkennbar: Das ermutigende Paradox, dass mit Skandinavien die politisch liberalsten Gesellschaften gleichzeitig zu den effektivsten Sozial- und Wohlfahrtsstaaten gehören, ist Jean-Claude Michéa keine Erwähnung wert.

Gleichwohl ist sein Buch ein inspirierender Augenöffner und ein realistisches Menetekel. Denn: Wenn die liberale Demokratie die Churchillsche Weisheit vergisst, dass sie "die schlechteste Regierungsform ist - abgesehen von allen anderen Formen", dann erstarrt sie in Selbstgerechtigkeit und läuft Gefahr, "nach und nach sämtliche Merkmale ihres Erzfeindes zu übernehmen und sich künftig als schöne neue Welt verehren zu lassen."    

 

Jean-Claude Michéa: Das Reich des kleineren Übels. Über die liberale Gesellschaft. Essay
Aus dem Französischen von Nicola Denis
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2014
191 Seiten, gebunden 19,90 Euro

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