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Konzert / Archiv | Beitrag vom 14.08.2012

Politische Utopie und religiöse Vision

Claudio Abbado dirigiert Mozart und Beethoven in Luzern

Claudio Abbado
Claudio Abbado (Lucerne Festival)

Eigentlich hatte es Mahlers 8. Sinfonie sein sollen – nun hat sich Claudio Abbado anders entschieden und eröffnet das diesjährige Lucerne Festival mit Beethovens "Egmont" und Mozarts Requiem. Ein Großprojekt bleibt das Konzert allemal.

Eine Vision für die Befreiung vom politischen Joch, eine Vision für die Befreiung von irdischer Not: So könnte man die beiden Werke zusammenfassen, mit denen Claudio Abbado das vom ihm maßgeblich geprägte Lucerne Festival in diesem Jahr eröffnen wird.

Beethovens Musik zu Goethes Trauerspiel "Egmont" begleitet die Geschichte eines tragischen Helden: "Ich sterbe für die Freiheit, für die ich lebte und focht, und der ich mich jetzt leidend opfre", ruft dieser angesichts seiner Hinrichtung aus. Beethoven schrieb dazu eine Musik, von der man heute in der Regel nur die Ouvertüre hört – wie sehr sich Wort und Musik im weiteren Verlauf des Werkes verbinden, wird Abbado mit seinem Mitstreiter, dem Schauspieler Bruno Ganz demonstrieren.

Abbados Konzerte sind immer etwas Besonderes, schließlich ist der nunmehr 79 Jahre alte Dirigent eine lebende Legende im besten Sinne des Wortes; eine musikalische Instanz, für die alljährlich Spitzenmusiker ihre Ferien opfern, um sich in Luzern unter Abbados Leitung zum Festspielorchester zu formieren.

Aber auch Abbados Konzertprogramme tragen den Stempel des Ungewöhnlichen: Oft setzt er besonders komplexe Werke aufs Programm oder zeigt (auch außermusikalische) Verbindungslinien auf. Und Abbado ist im vergangenen Jahrzehnt mehr und mehr zu einem Exponenten der historisierenden Aufführungspraxis geworden – ein Musiker, der lange und gründlich die Quellen studiert und stets nach der zuverlässigsten Werkfassung sucht.

Diese Arbeit ist im musikalischen Alltag bisweilen schwer zu realisieren – ihre Ergebnisse aber werden auch in diesem Konzert zu erleben sein, wenn Claudio Abbado eine eigenwillige Version des Requiems von Wolfgang Amadeus Mozart dirigiert. Der Taktstock ist kein Zauberstab und kann nicht das zusammenfügen, was Mozarts Feder angesichts des Todes nur lückenhaft hinterlassen konnte – aber in Abbados Hand könnte der Taktstock zu einem Wegweiser durch das nach wie vor rätselhafte, erhabene, tröstliche Vermächtnis Mozarts werden.



Lucerne Festival
Kultur- und Kongresszentrum Luzern
Aufzeichnung vom 08.08.2012


Ludwig van Beethoven
Musik zu Johann Wolfgang von Goethes Trauerspiel "Egmont"
für Sopran, Sprecher und Orchester op. 84

ca. 20:45 Uhr Konzertpause mit Nachrichten

Wolfgang Amadeus Mozart
Requiem d-Moll KV 626
(Aufführung unter Verwendung der Editionen von Franz Beyer
und Robert Levin)


Juliane Banse, Sopran
Anna Prohaska, Sopran
Sara Mingardo, Alt
Maximilian Schmitt, Tenor
René Pape, Bass
Bruno Ganz, Sprecher
Schwedischer Rundfunkchor
Chor des Bayerischen Rundfunks
Lucerne Festival Orchestra
Leitung: Claudio Abbado