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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.08.2013

Politiker nehmen Informationen und Bilder zu selektiv wahr

Ex-Regierungskoordinator vermisst gutes Konfliktmanagement in Krisenfällen

Moderation: Christopher Ricke

Karsten Voigt, SPD, ehemaliger Koordinator der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit (picture alliance / dpa)
Karsten Voigt, SPD, ehemaliger Koordinator der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit (picture alliance / dpa)

Lediglich ausgewählte Informationen und dabei emotional aufgeladene Momente sind bei politischen Amtsträgern oft ausschlaggebend für Entscheidungen in Kriegssituationen. Der ehemalige Regierungskoordinator für deutsch-amerikanische Beziehungen, Karsten Voigt, warnt vor irrationalen politischen Entscheidungen, beeinflusst durch die aktuellen Bilder der Toten in Syrien.

Christopher Ricke: Die Welt wartet darauf, ob bald die Kampfflugzeuge aufsteigen, ob US-Präsident Obama den Einsatzbefehl gibt, die Briten, die Franzosen, die Türken, andere stehen bereit, um Syrien, wie man ganz offiziell sagt, zu bestrafen für den mutmaßlichen Giftgaseinsatz, dessen Bilder uns alle so erschreckt haben, diese Bilder mit den vielen Toten in den weißen Leichensäcken. Über diese Macht solcher Bilder im Krieg, über die öffentliche Meinung und den Einfluss auf Politik möchte ich mit Karsten Voigt sprechen, der war von 1999 bis 2010 Koordinator der Bundesregierung für deutsch-amerikanische Zusammenarbeit, hat also auch den Blick aus beiden Ländern auf solche medialen Gestaltungen und die Kraft der Bilder. Guten Morgen, Herr Voigt!

Karsten Voigt: Einen schönen guten Morgen, Herr Ricke!

Ricke: Mich hat dieses Bild, mich haben diese Bilder sehr erschreckt. Wie ist es Ihnen gegangen?

""Linderung der Not schaffen""


Voigt: Mir ist es genau so gegangen, und ich glaube, dass jeder, der auch nur ein bisschen Mitgefühl hat, tief betroffen sein muss und erschrocken sein muss und empört sein muss.

Ricke: Aber ist denn Empörung, Mitgefühl und Erschrockensein die richtige Grundlage für eine politische Entscheidung?

Voigt: Es ist wichtig, dass Politiker dieses Mitgefühl haben, sonst wären sie auch keine Menschen, aber wie beim Arzt geht es ja bei Politikern nicht nur darum, dass sie eine Krankheit, einen Kranken bemitleiden, sondern es geht darum, dass sie eine Besserung, eine Linderung der Not schaffen, und sie müssen darauf achten, dass nicht durch ihr Handeln der Zustand noch verschlechtert wird und nicht verbessert wird.

Ricke: Wenn es aber – ich bleibe mal in diesem Bild mit diesem behandelnden Arzt – auf einmal sehr viele Angehörige gibt, die Druck machen und sagen: Ihr müsst euch kümmern, da könnt ihr nicht zuschauen! Vielleicht verändert das das Verhalten des Arztes, vielleicht verändert das auch das Verhalten des Politikers. Also ist die öffentliche Wahrnehmung solcher Bilder einflussreich?

Voigt: Ja, sie ist sehr einflussreich, und sie wird ja auch versucht, in Kriegszeiten … man versucht sie zu steuern. Ich erinnere daran, dass beim Irakkrieg amerikanische Regierungen oder Regierungsstellen ja sehr bewusst Journalisten angeboten haben, dass sie mit ihnen zusammen in der Luft am Kriegsgeschehen teilnehmen oder mit den vormarschierenden Truppen vormarschieren, das waren die sogenannten eingebetteten - embedded - Journalisten, und ich habe damals beobachten können, wie im amerikanischen Fernsehen gezeigt wurde, wie die amerikanischen Flugzeuge und Truppen sauber und zielgenau Ziele anpeilten und auch trafen, und dann standen dem die deutschen Bilder entgegen, wo deutsche Journalisten berichteten, aber auch andere europäische Journalisten berichteten, wie diese gleichen Waffen nicht ganz so zielgenau Zivilisten trafen und Unschuldige trafen und Leiden hervorrufen bei Menschen, die mit dem Saddam-Hussein-Regime nichts zu tun hatten.

Ricke: Jetzt unterstelle ich mal, dass sowohl Journalisten in den USA als auch in Deutschland Zugriff auf das gleiche – na, wie nennen wir das – Rohmaterial, diese Grundlage an Bildern verfügt haben, aber unterschiedlich entschieden haben. Ich unterstelle auch mal, dass die Presse sowohl in den USA als auch in Deutschland frei ist in der Entscheidung, welche Bilder sie in Zeitungen auf die Seite eins oder die Seite drei setzen. Wie kommt es zu diesem Unterschied?

Voigt: Ich glaube, dass in solchen Kriegssituationen die Wahrnehmung von Information sehr schnell sich polarisiert. Das erlebe ich auch jetzt, wenn ich privat mit Leuten über Syrien diskutiere, oder wenn ich mit Leuten diskutiert habe während der Konflikte in der Türkei, wo ja auch die Meinungen sehr polarisiert waren. Es werden dann Informationen selektiv wahrgenommen, und Journalisten sind ja auch nur Menschen, und die haben eine Neigung, dann Bilder zu zeigen, die ihre eigene Meinung unterstreichen.

"Hineinversetzen Grundvoraussetzung einer möglichst rationalen Politik"


Ricke:
Wir haben in den vergangenen Tagen mehrfach gehört, Mitgefühl, Empathie ist wertvoll, man versteht den Reflex, Menschen in den Arm zu fallen, die Schlimmes tun, aber dennoch müsse Politik einen Schritt zurücktreten und überlegen. Kann das denn überhaupt noch geschehen, wenn Bilder so stark sind?

Voigt: Es muss geschehen – ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Zu einer guten Politik gehört es, sich hineinzuversetzen in die Gefühle, Emotionen und die Rationalität eines potenziellen Gegners, auch, wenn man dessen Auffassungen und Ziele nicht teilt, sondern sogar bekämpft. Das heißt, das Hineinversetzen nicht nur in das Denken und Fühlen anderer, sondern sogar von Menschen, die man bekämpft, ist eine Grundvoraussetzung einer möglichst rationalen Politik.

Ich glaube immer auch, dass in Kriegszeiten und Krisenzeiten die Kommunikation mit dem potenziellen Gegner ein Teil des Krisenmanagements ist. Wenn eine Krise nicht vorhanden ist, dann ist es leicht, mit einem Konkurrenten, einem Gegner, einem Feind zu kommunizieren. Aber gerade in Krisenzeiten sollte man sich bemühen um Kommunikation mit jemanden, den man nicht versteht, mit dem man nicht einverstanden ist, den man sogar bekämpft. Das gilt beim Iran, das gilt jetzt auch bei Syrien, und es geschieht viel zu wenig.

Ricke: Sprechen Sie da die Führung der einzelnen Staaten und Regimes an oder die Bevölkerung?

""Meinung der Bevölkerung 'rausfinden""


Voigt: Soweit man es kann, muss man natürlich auch mit der Bevölkerung sprechen, soweit man es kann, versucht man die Meinung der Bevölkerung ja auch herauszufinden, zum Teil ja auch mit öffentlichen Mitteln, zum Teil mit nachrichtendienstlichen Mitteln – davon spreche ich jetzt nicht, das ist unumstritten, sondern ich meine auch, dass man sich zum Beispiel mit der Haltung Russlands jetzt auseinandersetzen muss, sie nicht nur empört ablehnt, sondern versucht, zu verstehen, warum Russland so reagiert. Man muss sich auseinandersetzen, warum zum Beispiel führende Christen in Syrien, die mit Saddam Hussein [gemeint ist: Baschar al-Assad - d.R.] überhaupt nicht einverstanden sind, trotzdem Sorgen haben, wenn sein Regime beseitigt wird.

Oder man muss sich überlegen, warum Erdogan so denkt, wie er denkt, und warum die Saudis, die nun wirklich keine Demokraten sind, so engagiert die Amerikaner unterstützen, eine säkulare Regierung. Also das heißt, dass … es ist ein, gehört zur Konfliktlösung, zum Konfliktmanagement und zur Beratung vor wichtigen Entscheidungen dazu, dass man sich möglichst viele Informationen beschafft und möglichst auch in Denkweisen, Handlungsweisen von anderen hineinversetzt. Meine Erfahrung ist aber, dass genau dieses nicht geschieht, sondern dass Politiker dazu neigen, und das ist nicht nur auf Amerika beschränkt, in schwierigen Situationen nur denjenigen zuzuhören oder mehr zuzuhören, die ihre Meinung teilen, die ihre Meinung bestätigen, und dass sie auch unter der Lektüre von Morgenzeitungen, von Nachrichten, von Informationen aus ihren Wahlkreisen dazu neigen, Meinungen, die diese Auffassung nicht bestätigen – und besonders Meinung, die aus dem Ausland kommt, oder erst recht Meinung, die von einem potenziellen Gegner kommt –, auszublenden.

Ricke: Karsten Voigt von der SPD, von 1999 bis 2010 war er Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit. Herr Voigt, ich danke Ihnen sehr!

Voigt: Ich danke Ihnen auch!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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