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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.02.2008

Politik und Mythos

Philip Manow: "Im Schatten des Königs. Die politische Anatomie demokratischer Repräsentation", Frankfurt / M. 2008, 171 S.

Rezensiert von Jürgen Kaube

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy und seine Freundin Carla Bruni besuchen die Pyramiden in Ägypten. (AP)
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy und seine Freundin Carla Bruni besuchen die Pyramiden in Ägypten. (AP)

Der Politikwissenschaftler Philip Manow nimmt in seinem Buch "Im Schatten des Königs" moderne Demokratien genauer unter die Lupe. Dabei interessiert ihn die Produktion von Herrschercharisma bei Regierungschefs unserer Tage. Exemplarisch weist er nach, an welchen Stellen unser politisches System unaufgeklärt und von Mythen bestimmt ist.

Als man in Frankreich vor gut 200 Jahren dem Monarchen den Kopf abschlug, fiel nicht nur ein Körperteil, sondern auch eine Staatsform. Das war auch deshalb so, weil der "politische Körper" im tatsächlichen Körper des Königs versinnbildlicht erschien. Wenn ein einziger Mensch für alle Menschen sterben konnte, fasste Thomas Hobbes diese polit-theologische Vorstellung zusammen, dann kann auch ein einziger Mensch alle Bürger politisch repräsentieren.

Die These des Buches von Philip Manow ist, dass auch die moderne Demokratie eine solche politische Mythologie mit sich führt. Der Autor wendet sich also gegen die Behauptung, in der Demokratie sei der Ort der Macht nicht mehr darstellbar, weil man das Volk nicht abbilden und nicht physisch repräsentieren könne.

Manow, der Politikwissenschaft an der Universität Konstanz unterrichtet, macht seine Gegenthese an vielen Beispielen politischer Institutionen plausibel. Das erste sind die parlamentarischen Sitzordnungen. Denn das Parlament stellt für ihn den "politischen Körper" von Republiken dar. Was den sitzenden Souverän angeht, so gibt es hier zwei Modelle: Das britische, wo im Unterhaus Regierung und Opposition einander gegenübersitzen, und das französische des Halbkreises. Ein britischer Abgeordneter hat einmal gesagt, das französische Modell sei akustisch am besten, wenn die Parlamentarier von einer Redetribüne, das britische, wenn sie von ihren Plätzen aus sprächen. Wie aber kam es zu der einen und der anderen Lösung?

Manows Antwort: In England musste die Einheit des Volkes nicht versinnbildlicht werden, in Frankreich schon. Wer den König tötet, hat es nötig, im Parlament die Reihen zu schließen. Dass die Engländer ihren König auch einmal getötet haben, nämlich 1649, widerlegt diese These nicht. Denn die Engländer töteten nur einen König, nämlich Karl I., aber nicht das Königtum. Hier können sich Regierung und Opposition gegenübersitzen, weil sie beide die Regierung wie die Opposition "of her majesty the queen" sind. In Frankreich hingegen trat die Nationalversammlung an die Stelle der Monarchie. Also durfte das neue Zentrum der Macht symbolischerweise keine Gliederung aufweisen, keine Opposition. Wenn ein Abgeordneter spricht, so die Vorstellung, dann hört ihm im Grunde das Volk selber zu.

Im Schatten des König stehen für Manow auch andere Institutionen der modernen Demokratie, zum Beispiel die Immunität, die Abgeordnete genießen. Sie wird 1789 damit begründet, dass keine einzige Macht über dem Parlament steht. Nur die Nation selber könne über die Anwendung der Gesetze auf den Gesetzgeber befinden. So wie die Diplomaten Immunität genießen, weil sie etwas Höheres repräsentieren, so haben auch die Parlamentarier Anteil an der "Heiligkeit" des souveränen Volkes. In England geht das so weit, dass das Parlament sogar Rechtsbrüche von Abgeordneten nachträglich heilen und "gesetzlich ungeschehen" machen kann.

Manows Buch ist eine hochanschauliche und kluge Lehrstunde in Parlamentsgeschichte. Seit wann sind die Sitzungen öffentlich? Seit wann sind Presse und Fernsehen zugelassen und weshalb nicht seit jeher? Welche Funktion hat der Parlamentspräsident? Ist das Parlament eher ein Gericht, in dem eine Seite unterliegt, oder eher eine Versammlung, die den Willen des Volkes ermitteln soll? Und wenn das Parlament das Volk repräsentieren soll, muss es dann nicht ein Miniaturabbild von dessen Meinungen und Interessen sein?

Die historischen Deutungen des Buches münden zuletzt in eine Skizze gegenwärtiger Erscheinungen. Manow wendet sich dabei der Produktion von Herrschercharisma bei Regierungschefs unserer Tage zu, den kosmetischen Operationen Silvio Berlusconis und den Inszenierungen Tony Blairs, der nach seinem Wahlsieg, wie es heißt, sich mit dem Wagen so lange um die Royal Festival Hall fahren ließ, bis die Morgensonne mit ihm zugleich in den Saal eindrang.

Der Körper des Regierenden ist – von Joschka Fischer beim Marathon bis zu Bill Clinton beim Ehebruch – nach wie vor ein Instrument des Aufbaus und des Zerfalls von Image. Und wenn einem heutigen Präsidenten Kinder hingehalten werden, damit er sie berühre, und Hände, damit er sie schüttle, dann zeigt auch das, wie wenig wir aus dem Schatten des Königtums und alter politischer Vorstellungen herausgetreten sind.

Philip Manows Studien sind insofern ein Beitrag zur Aufklärung über unser politisches System: Weil sie exemplarisch nachweisen, an welchen Stellen es durchaus unaufgeklärt und von Mythen bestimmt ist. Wir sind gar nicht so modern, wie wir tun.

Rezensiert von Jürgen Kaube

Philip Manow: Im Schatten des Königs. Die politische Anatomie demokratischer Repräsentation, Frankfurt/M., 2008, 171 Seiten, 10 Euro

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