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Tonart | Beitrag vom 07.03.2016

Poliça: "United Crushers"Protest-Pop für den Dancefloor

Von Mathias Mauersberger

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Channy Leaneagh, Sängerin der amerikanischen Indie-Rockband POLICA (picture alliance / dpa/ Steven C. Mitchell)
Channy Leaneagh, Sängerin der amerikanischen Indie-Rockband Poliça (picture alliance / dpa/ Steven C. Mitchell)

Politische Popmusik gibt es in den USA seit den 1940er-Jahren. Wie verhält es sich heute mit Pop und Politik? Wie kann Protest-Musik heute klingen? Antworten darauf gibt die Band Poliça mit ihrem neuen Album "United Crushers".

Wer mit dem Auto von Osten aus über den Highway 94 durch den US-Bundesstaat Minnesota fährt, der wird kurz vor Minneapolis‘ Stadtgrenze von einem riesigen Schriftzug begrüßt: "United Crushers" steht da in großen, weißen Buchstaben an der Außenwand einer stillgelegten Fabrik. Zu Deutsch etwa "Vereinigte Zerstörer". Ursprünglich ein Mahnmal gegen die zunehmende Gentrifizierung der Stadt, inspirierte der Spruch Poliça zum Titel ihres neuen Albums.

"'United Crushers' ist ein Schriftzug einer lokalen Graffiti-Crew, den man über die ganze Stadt Minneapolis und St. Paul hinweg sehen kann. Es ist für uns eine Hommage an unsere Heimatstadt und ihre musikalische Community. Aber es ist auch ein Appell, uns zusammen zu schließen und gegen Dinge in der Gesellschaft zu kämpfen, die uns bedrücken."

Channey Leaneagh sitzt im Foyer ihrer Berliner Plattenfirma, eine kluge, nachdenkliche Frau Mitte 30, deren Gesang vor einigen Jahren die amerikanische Pop-Prominenz begeisterte: Der Rapper Jay Z und der Songwriter Bon Iver outeten sich als Fans; und auch die internationale Musikpresse schwärmte vom "hypnotischen" und "absolut dringlichen" Sound des Poliça-Debüts. Während auf den Vorgänger-Alben noch introspektive Texte und melancholische Songs dominierten, klingt das Quartett aus Minneapolis nun angriffslustiger - und hat zum ersten Mal gesellschaftskritische Themen für sich entdeckt.

"Ich finde es fast schon respektlos, politische Probleme nicht anzusprechen. Den Rassismus in Amerika, Polizei-Gewalt, die Klassenunterschiede und den Aufstieg der Milliardäre. Ich kann und möchte keine eskapistische Musik machen – Musik, die mich die Probleme der Welt vergessen lässt. Stattdessen glaube ich an die Tradition des Folk: Songs, die zwar von den Schwierigkeiten des Lebens erzählen, dich aber gleichzeitig aufbauen - und dazu ermutigen, dich mit anderen Menschen und ihrem Leid zu verbinden."

Bereits Anfang des Jahres veröffentlichten Poliça ihr Musikvideo zur Single "Wedding" – und sorgten damit im Internet für Aufmerksamkeit: Kamera-Aufnahmen von Polizei-Gewalt und Militär-Einsätzen waren da zu sehen, aber auch Szenen aus der Kindersendung "Sesam-Straße" – harte politische Wirklichkeit traf auf kindliche heile Welt. Im Songtext wiederum ist von Demonstrationen und Straßen-Barrikaden die Rede – ein düsteres Abbild der gesellschaftlichen Stimmung in den USA.

"Polizei-Gewalt gibt es in Amerika seit hunderten von Jahren, aber sie erreicht gerade einen neuen Höhepunkt. Wer dagegen protestiert, muss damit rechnen, von der Polizei attackiert zu werden - mit Panzern, Tränengas und Pfefferspray. Gleichzeitig wird jede Woche ein unbewaffneter Schwarzer erschossen. Ich und viele meiner Freunde sind mittlerweile Eltern, und es wird langsam zu spät, die Welt für uns zu verändern. Stattdessen wollen wir unseren Kindern vermitteln, sich gegen die Polizei zu verteidigen, friedlich zu protestieren und für Minderheiten einzustehen – durch ein Format wie die 'Sesam-Straße', das uns als Kindern vieles beigebracht hat und schwierige Sachverhalte kindgerecht vermitteln kann."

Bandname geht auf Computerdatei zurück

"Trigger after trigger, we don’t even know we’re sick" singt Channey Leanagh in "Wedding" - "Auslöser um Auslöser – wir wissen nicht mal, dass wir krank sind." Dieses Unwohlsein mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zieht sich durch viele Texte des Albums: In "Melting Block" wird die zunehmende Kommerzialisierung Amerikas kritisiert. "Baby Sucks" thematisiert die Schwierigkeit, sich als professioneller Pop-Musiker zwischen künstlerischer Selbstverwirklichung und finanzieller Absicherung zu entscheiden. "United Crushers" ist auch ein zutiefst persönliches Album: Im vergangenen Jahr wurde Channey Leanagh zum zweiten Mal Mutter – was ihren Blick auf die Welt veränderte, und viele Songs auf dem Album inspirierte.

Extreme musikalische Vorbilder

"Es hat etwas Idiotisches, ein Kind in die Welt zu setzen - denn, man weiß, dass man es nie vollständig vor den Gefahren der Welt beschützen kann. Gleichzeitig macht ein Kind dich aber auch viel empfänglicher für die Ungerechtigkeit der Welt. Man möchte seine Umwelt zu einem besseren Ort machen, seinem Kind vermitteln, stark zu sein und für sich selbst einzustehen – um den Herausforderungen des Lebens besser begegnen zu können."

Poliça: Der Bandname soll auf eine mysteriöse Computerdatei zurückgehen, die nach Absturz und Neustart von Channey Leaneaghs Rechner plötzlich diesen Namen trug. Er soll aber auch vom englischen "policy" abstammen: Einer Handlung, die auf Dringlichkeit basiert. Letztere Bedeutung würde zu den Songs auf "United Crushers" passen, die griffig und kompakt klingen -zum ersten Mal haben die vier Musiker alle Songs live im gleichen Raum eingespielt und mit dem Finger auf so manche gesellschaftliche Schieflage zeigen. Das Ziel sei gewesen, gleichzeitig "tanzbar" zu sein und "zum Nachdenken" anzuregen, sagt Channey Leaneagh - und das ist das Erfrischende an diesem Pop-Entwurf, der persönliche Erfahrungen mit politischer Kritik verbindet – und dabei auch noch in die Beine geht. "Moderne Protestmusik", so nennen Poliça ihren Stil - und stehen damit in einer langen Tradition amerikanischer Protest-Sänger.

"Meine musikalischen Idole waren allesamt extrem, haben für ihre Musik gelebt und die Gesellschaft angegriffen. Bob Dylan oder Ben Harper, der ja sehr politisch ist, aber auch viele Liebeslieder singt. Auch Rap-Musik hatte schon immer eine starke politische und soziale Komponente – ich liebe zum Beispiel Kendrick Lamar oder D’Angelo. Musik wird nie allen gefallen - aber man sollte einfach versuchen, über das zu singen, was einem wirklich wichtig ist."

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