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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.07.2011

Polen - so nah, und doch so fern

Dieter Bingen, Peter O. Loew, Krzysztof Ruchniewicz, Marek Zybura (Hg.): "Erwachsene Nachbarschaft. Die deutsch-polnischen Beziehungen 1991 bis 2011" und Wlodzimierz Borodziej: "Geschichte Polens im

Rezensiert von Jürgen Vietig

Seebrücke des Ostseebades Misdroy an der polnischen Ostsee (Joachim Dresdner)
Seebrücke des Ostseebades Misdroy an der polnischen Ostsee (Joachim Dresdner)

Seit 1945 verlief zwischen Deutschland und Polen der Eiserne Vorhang - unsichtbar, aber undurchdringlich. Erst seit 1989 sind sich Polen und Deutsche wieder näher gekommen. Grund genug, die Geschichte Polens im 20. Jahrhundert und das deutsch-polnische Verhältnis näher zu betrachten.

Der Sammelband ist umfangreich und rechtzeitig erschienen. Denn vor 20 Jahren – am 17. Juni - wurde der Nachbarschaftsvertrag unterschrieben. Der Titel aber, "Erwachsene Nachbarschaft", leuchtet nicht auf den ersten Blick ein. Was die deutschen und polnischen Herausgeber damit meinen, erläutert einer von ihnen: Dieter Bingen, der Direktor des Deutschen Polen-Instituts:

"Wenn man auf die Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen in den letzten zwanzig Jahren zurückblickt und auf die Ausgangsbedingungen einer neuen Nachbarschaft ohne geschlossene Grenzen, auf dem Weg in die EU, wenn man auf den Ausgangspunkt zurückblickt, dann stellt man doch fest, dass wir in den letzten Jahren so viel entwickelt haben, die Beziehungen so intensiv geworden sind, auch wenn die Aufgeregtheiten, die Nervosität und die Empfindlichkeiten nicht ganz eingeebnet worden sind, aber doch ein Umgang mit einander stattfindet, wie es erwachsene, reife Menschen mit einander tun."

In fünf Rubriken aufgeteilt, werden Außenpolitik, Recht und Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft abgehandelt. Dabei stößt man auch auf recht überraschende, zugleich anregende Themen wie Jazzkontakte zwischen den Nachbarländen oder das kulturelle Erbe der polnischen Migranten in Deutschland. Es war eben Ziel des Buches, möglichst alle Lebensbereiche zu erfassen, so Dieter Bingen:

"Es ist fast enzyklopädisch, wenn auch nicht ganz enzyklopädisch. Man kann es nicht von Anfang bis Ende durchlesen. Es ist ein mit Stichworten versehenes Handbuch oder Lexikon der deutsch-polnischen Beziehungen der letzten zwanzig Jahre und dieser Umfang ist bei aller Kürze der einzelnen Artikel ein Hinweis darauf, wie intensiv die Beziehungen in den letzten zwanzig Jahren geworden sind. Und dass nicht alles drin ist, ist ein Hinweis darauf, wie umfangreich und unübersichtlich diese Beziehungen sind."

Umweltschutz beispielsweise, das war den Herausgebern klar, hätte eigentlich in eine Enzyklopädie der letzten zwanzig Jahre gehört. Genauso fehlt im Kapitel über die Wissenschaftsbeziehungen die langjährige fruchtbare Kooperation zwischen der Frankfurter Europa-Universität Viadrina und der Posener Adam-Mickiewicz-Universität, die ihren sichtbaren Ausdruck in dem Collegium Polonicum am polnischen Ufer der Oder gefunden hat.

Die insgesamt positive Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen hat aber auch eine Schattenseite: sie erscheinen inzwischen manchem schon so normal, ja langweilig, so dass man sich um ihre Pflege nicht mehr kümmern müsse, wie Peter Oliver Loew feststellt:

"Zwar gibt es im deutsch-polnischen Bereich offensichtlich eine blühende institutionelle Landschaft, dennoch ist zu konstatieren, dass Institutionen der bilateralen Zusammenarbeit in der öffentlichen Wahrnehmung, in politischen Diskussionen, aber auch in der Förderpraxis staatlicher bzw. privater Geldgeber an Bedeutung zu verlieren scheinen."

Dass es jedoch zu früh ist, von Normalität zu sprechen, zeigt Monika Sus. Sie hat untersucht, was Polen und Deutsche von einander denken, und stieß auf ein Paradox, das schwer erklärbar ist: Wenn es darum geht, ob man sich einen Polen in Deutschland als Kollegen, Nachbarn, Freund oder Stadtverordneten vorstellen kann, dann ist das Ergebnis eindeutig:

"Zu betonen ist, dass die Akzeptanz für Polen in Deutschland größer ist als die für Deutsche in Polen."

Ein anderes Bild ergibt sich, wenn Meinungsforscher nach den Sympathien gegenüber dem Nachbarvolk fragen.

"In den Jahren 1989 – 2010 hat sich die Einstellung der Polen gegenüber Deutschland eindeutig zum Positiven gewandelt. 1989 empfanden nur 22 Prozent der Polen Sympathie gegenüber dem Nachbarn; zwanzig Jahre später waren es fast 40 Prozent der polnischen Bevölkerung. Das Verhältnis der Deutschen zu den Polen ist deutlich negativer: Seit 2000 ist der Anteil der Deutschen, die ihren östlichen Nachbarn Sympathie entgegenbringen, von 31 auf 23 Prozent zurückgegangen."

Eine überzeugende Erklärung für diesen Widerspruch hat Monika Sus nicht. Hier wären weitere sozialpsychologische Untersuchungen nötig. Insgesamt jedoch ist der Band "Erwachsene Nachbarschaft" ein Kompendium zum Thema der deutsch-polnischen Beziehungen, das seinesgleichen sucht und daher nachdrücklich empfohlen werden kann.

Wer sich mit der Geschichte Polens im 20. Jahrhundert ausführlicher beschäftigen will, der sollte auf jeden Fall zum gleichnamigen Buch des Warschauer Historikers Włodzimierz Borodziej greifen, das er so charakterisiert:

"Ein Buch der polnischen Geschichte im zwanzigsten Jahrhundert für Ausländer, nicht speziell für Deutsche, sondern überhaupt für Menschen, die sich möglicherweise eines Tages als Studenten oder sonst geschichtlich Interessierte für die Geschichte Polens interessieren werden."

Włodzimierz Borodziej: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert (C. H. Beck Verlag)Włodzimierz Borodziej: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert (C. H. Beck Verlag)Dennoch ist es wohl kein Zufall, dass dieses Buch in Deutschland erschienen ist. Denn es gibt eine Reihe von Ereignissen der polnischen Geschichte, die für deutsche Leser sicher eher nachvollziehbar sind als für Franzosen oder Engländer. Zum Beispiel wenn Borodziej über die Folgen der "Wiedervereinigung" des bis 1918 geteilten Polen schreibt, dessen Teilgebiete unter deutscher, russischer und österreichischer Herrschaft gestanden hatten, also beispielsweise über die einst österreichischen Galizier…

" ... die überall in der Republik als Exponenten des neuen Staates betrachtet und in dieser Eigenschaft wenig geliebt wurden. Nur im alten Kronland hatte es vor 1918 polnische Beamte und Lehrer in größerer Zahl gegeben. Daher veranlasste die Republik eine massenhafte Binnenwanderung der Staatsdiener in die übrigen Landesteile. Auf politischer Ebene verdächtigten vor allem die Nationaldemokraten die galizischen Eliten des mangelnden Patriotismus: Sie hatten schließlich bis 1918 loyal im Dienste einer Teilungsmacht gestanden."

Die Stärke seiner Darstellung liegt darin, dass Borodziej neben der politischen Geschichte wirtschaftliche, soziale, demographische Entwicklungen ebenso anschaulich und plausibel zu schildern vermag wie Veränderungen der Alltagskultur oder des religiösen Lebens.

Vereinfachende Formeln, wie die, dass Polen stets eine Opfer- oder Heldenrolle gespielt habe, haben in Borodziejs außerordentlich differenziertem Bild von der Geschichte seines Landes keine Chance. Mit dem Jahr 2004, dem Beitritt Polens zur Europäischen Union endet das spannend zu lesende Buch. Und die Bilanz fällt positiv aus:

"Das Land an der Weichsel hatte 2004 sichere Grenzen, eine relativ junge, zunehmend besser gebildete Gesellschaft, es verfügte über eine beachtliche Dynamik und produktive Erfahrungen im Umgang mit der neuen Wirklichkeit. Institutionell war es im Westen angekommen. Gemessen an seiner Geschichte im vorangegangenen Jahrhundert konnte man diese Bilanz, zugleich Ausgangspunkt für die nächsten Jahrzehnte, kaum anders als vielversprechend einstufen."

Und heute - im Jahr 2011 - hat sich Borodziejs positives Urteil nicht geändert.

"Innerhalb von sieben Jahren sehe ich mich eigentlich sehr bestätigt in diesem Optimismus. Aber was dahinter steckt, sind weniger die aktuellen wirtschaftlichen und sonstigen Daten, die ja von einem enormen Fortschritt zeugen, sondern mein Wille, Polen zu ‚ent-exotisieren’. Es soll als ein normales Land dargestellt werden, wo es natürlich auch Niederlagen und schreckliche Dramen gegeben hat, aber ein Land, das sich ganz normal innerhalb von Europa entwickelt."

Dieses Ziel hat Włodzimierz Borodziej mit seiner Geschichte Polens im 20. Jahrhundert vollauf erreicht. Es gibt keine bessere Darstellung dieses Themas auf dem deutschen Büchermarkt.


Dieter Bingen, Peter Oliver Loew, Krzysztof Ruchniewicz, Marek Zybura (Hg.): Erwachsene Nachbarschaft. Die deutsch-polnischen Beziehungen 1991 bis 2011
Veröffentlichung des Deutschen Polen-Instituts, Bd. 29
Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2011

Włodzimierz Borodziej: Geschichte Polens im 20. Jahrhundert
C. H. Beck Verlag, München 2010

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