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Pointen für die Wissenschaft

André Lampe bringt den Poetry Slam in die Welt der Forschung

Von Jörg Wunderlich

Der Physiker André Lampe auf einem Science Slam.
Der Physiker André Lampe auf einem Science Slam. (Oliver Duis)

Bei Science Slam kommt es darauf an, Forschungsergebnisse möglichst unterhaltsam und in ungewöhnlicher Form auf einer Lesebühne zu präsentieren. Der Physiker André Lampe ist ein Protagonist der Szene.

"Es war einmal ein Fisch, der zeichnete sich dadurch aus, dass er besonders dumm war (Lachen). Und weil er dumm war, hatte er nur zwei Interessen – fressen und sich vermehren..."

André Lampe: "Als das mit Science Slam aufkam, dachte ich, ja da muss ich hin. Das ist ja wie für mich gemacht. Man kriegt Redezeit und darf über Wissenschaft sprechen."

"Dieser lustige Geselle ist jung und wild, und weil er jung und wild ist, müssen wir ihn markieren mit einem Reflektor, damit er nicht vom Hai überfahren wird."

Als Wissenschaftler über sein Fachgebiet verständlich zu referieren, das ist nicht jedem gegeben. Bei einem Science Slam kommt es genau darauf an. Mehr noch: Es darf gelacht werden. André Lampe ist 31 Jahre jung, trägt Bart und eine hochstehende Haartolle und ist Doktorand der Physik. Auf seinem T-Shirt leuchtet der Satz: Ein Hoch auf die Wissenschaft. Aus dem Thema seiner Diplomarbeit hat er eine drollige Geschichte mit Fischen gemacht.

"Wenn sich dieser Komplex, so nennen wir das in der Wissenschaft, gebildet hat, nehmen wir einen Magneten und ziehen die Bälle mit dem Eisenkern. Also noch mal kurz zusammengefasst: Ball mit Eisenkern, Lollies auf der Oberfläche, der dumme Fisch geht da mit dem Mund ran, der Hodenknackerfisch macht, was seiner Bestimmung entspricht, wir ziehen das Ganze mit einem Magneten an die eine Wand des Aquariums, lassen Licht darauf scheinen, gucken das rot reflektierte Licht an. An dieser Stelle sagte meine Mutter: Wat soll das alles?"

Sprechgesang André Lampe: "Ich bin die Gartenkralle für das Unkraut der Gesellschaft, ich bin der Bademeister im Schaumbad der Gier, ich bin die Sollbruchstelle im Faden der Geduld, ich bin die Drainage für den Sumpf des Verbrechens, ich bin der Innenausstatter, der schwedische Gardinen führt, ich bin Wolfgang Schäuble mit Moralvorstellungen, ich bin Lampe-Man, die Lichtgestalt.""

Die Leidenschaft für Bühnenperformance und Sprachspiele hat André Lampe durch den Poetry Slam für sich entdeckt. 2006 trat er das erste Mal spontan mit einem Text vor ein Publikum – damals ein Schlüsselerlebnis für den Studenten. Ziemlich rasch folgten weitere Auftritte, neue Texte und die Gründung einer eigenen Lesebühne in Bielefeld. Zum Dichter im klassischen Sinne fühlte er sich allerdings noch nie berufen:

""Ich war nie gut in Deutsch, muss ich dabei sagen. Es hat mich auch sehr gefreut, als ich das erste Mal in einer Anthologie mit veröffentlicht wurde. Ich komme aus dieser vielzitierten bildungsfernen Schicht. Das werde ich nicht müde zu betonen. Mein Papa ist Schlosser und meine Mutter ist Schneiderin. Da muss ich eben erst lange ausholen. Wenn ich denen erklären soll, was ich mache, muss ich lange ausholen und mir Metaphern ausdenken. Fünf Jahre Studium zusammenzufassen, funktioniert halt nicht mal eben so."

Für das studentische Publikum, das an diesem Abend in Leipzig sehr zahlreich zum Science Slam gekommen ist, funktioniert die Fischgeschichte. Mit dazu bei tragen auch die punktgenauen Pointen und die selbstgemachten schrägen Illustrationen. So wirkt die Power Point Präsentation fast wie ein Trickfilm. Nachdem der Entertainer am Mikrofon alle Register gezogen hat, bekommen die Zuhörer schließlich auch die korrekte wissenschaftliche Auflösung geliefert:

"Der dumme Fisch ist nichts weiter als eine Metapher für eine Mittlersubstanz der menschlichen Immunantwort. (Schweigen) Seht Ihr – war besser mit dem dummen Fisch (Lachen). Und diese Mittlersubstanz, die ich untersucht habe, die heißt Interleukin 1 beta, ein sehr sehr kleines Protein. Diesen Ball mit dem Eisenkern nennt man magnetische Beats."

Science Slam kann und will mehr sein als eine abendliche Campus-Gaudi im Popgewand. Wettstreite dieser Art sollen die Kommunikationsfähigkeit der jungen Wissenschaftler fördern, und das in alle Richtungen. Auch André Lampe macht keine Unterschiede zwischen Bühne und Labor, sagt er. Ihm komme es darauf an, die Zuhörer zu fesseln und als Wissenschaftler verstanden zu werden:

"Ich steh gern auf Bühnen, keine Frage, aber das ist ein Hobby. Ich bin mit Leib und Seele Physiker, man kann mich nachts um drei wecken, mir 'ne Tafel geben, dann kann ich das, woran ich gerade arbeite, kurz skizzieren. Ich liebe das sehr."

"Ich denke schon, dass es wichtig ist, dass so etwas mehr bildhaft vermittelt wird. Wenn man das mal so von außen betrachtet: Universitätsbetrieb wird von Drittmitteln und vom Steuerzahler getragen. Der normale Mann von der Straße muss verstehen, was die Herren da in ihren Gebäuden machen."

"Es gibt wahnsinnig viele gute Wissenschaftler, die schlecht darin sind, Sachen zu vermitteln. Diese Leute brauchen wir genauso wie die Leute, die gut eine Vorlesung halten können. Leider gibt es von den zweitgenannten noch nicht so viele wie man das in anderen Ländern kennt, glaube ich. Wenn jetzt irgendjemand, der im Lehrbetrieb an der Universität ist, zuhört: Traut Euch ruhig mal, die Sachen von einer ungewöhnlichen Sichtweise zu beleuchten. Das würde, glaube ich, sehr viel Spaß machen."

Service:

Am 19. November findet in Hamburg der zweite Deutschland-Slam mit den zehn besten Science-Slammern der Republik statt. Moderiert wird die Veranstaltung in der Kampnagel-Fabrik von André Lampe. Wer nicht dabei sein kann, findet jede Menge Informationen und Videos von Auftritten auf der Website von Science Slam.



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