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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.02.2011

Poetisches Spiel mit dem Grauen

Yoko Ogawa: "Das Ende des Bengalischen Tigers", Liebeskind Verlag, München 2011, 222 Seiten

Kuchen für den toten Sohn: Ogawas Roman steckt voller Abgründe. (AP-Archiv)
Kuchen für den toten Sohn: Ogawas Roman steckt voller Abgründe. (AP-Archiv)

Ein Roman in elf Geschichten, dessen Motive und Figuren sich kunstvoll miteinander kreuzen. Er beginnt damit, dass eine Frau beim Bäcker Kuchen bestellt - für ihren Sohn, der in einem kaputten Kühlschrank erstickt ist.

Wie immer in den Texten von Yōko Ogawa beginnt es harmlos, mit einem perfekten Tag: Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, eine Frau betritt eine Konditorei, in der ein betörender Duft von Vanille die Luft durchzieht. Die Frau bestellt Erdbeertörtchen für den Geburtstag ihres toten Sohns – der Jahre zuvor beim Spielen in einem defekten Kühlschrank erstickt ist.

Wer die Texte der 1962 in Okayama geborenen und mehrfach preisbedachten Autorin liest, braucht starke Nerven. Denn Ogawa liebt – und beherrscht, wie ihr neuer Roman "Das Ende des Bengalischen Tigers" glänzend beweist – das inszenierte Wechselspiel von Unschuldigkeit und Grausamkeit.

Es ist ein Roman in elf Geschichten, dessen Motive und Figuren sich kunstvoll miteinander kreuzen. Da ist die Frau, die Kuchen für ihren toten Sohn kauft. Da ist die Krankenschwester, die auf so perfide wie sinnliche Weise Rache dafür nimmt, dass ihr Geliebter entgegen seiner Versprechungen seine Frau wieder nicht verlässt. Ein Sattler, der den Auftrag erhält, eine Tasche für ein Herz zu fertigen, kann dessen Anblick fortan nicht mehr vergessen. Und der Kurator eines ominösen Museums für Folterinstrumente, hatte einst im selben Anwesen als Butler einen Bengalischen Tiger bis in seinen Tod hinein gepflegt.

Die Liebe in ihren verschiedenen Varianten zwischen Zärtlichkeit und Obsession sowie der Verlust oder die Nichterfüllung dieser Liebe ist das zentrale Motiv, das die Figuren aller elf Geschichten miteinander vereint. Lust ist bei Ogawa nicht ohne Qual zu haben. Doch wo die Lust am Pathologischen in manchen ihrer inzwischen zahlreichen Romane und Erzählbände immer mal wieder in einer literarischen Manier zu erstarren droht, beflügelt hier die Leichtigkeit, mit der Ogawa die sich kreuzenden Wege ihrer Figuren verfolgt.

Gekonnt zieht sie uns hinein in ein literarisches Zwischenreich: eine Welt zwischen realistischer Detailgenauigkeit und abgründiger Fantasie, in der sich der Boden unter den Füßen jeden Moment öffnen kann. Rätselhafte Bilder – so etwa wenn ein ausrangiertes Postamt bis unter die Decke mit frischen Kiwis gefüllt ist – kippen unvorhersehbar um in Bilder des Grauens.

Ogawa erzählt dabei mit einer so zärtlichen wie minimalistischen Sprache, deren scheinbar unbedarfte Unterkühltheit einen in eisige Hitze zu versetzen mag. "Behutsamkeit ist der entscheidende Punkt" erklärt der Kurator des Foltermuseums seiner Besucherin, die in einer Mischung aus Faszination und Erschrecken vor den tödlichen Instrumenten steht. In diesem Sinne ist auch Ogawa eine Meisterin in der Kunst der peinlichen Befragung.

Besprochen von Claudia Kramatschek

Yoko Ogawa: Das Ende des Bengalischen Tigers
Aus dem Japanischen von Sabine Mangold
Liebeskind Verlag, München 2011
222 Seiten, 18,90 Euro

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