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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.12.2006

Poetische Kraft gegen Gewalt

Internationales Poesiefestival erhält Alternativen Nobelpreis

Von Christiane Habermalz

Die Organisatoren des "Festival Internacional de Poesia de Medellín" aus Kolumbien: Gloria Chvatal, Fernando Rendón, Gabriel Jaime Franco (Ana Lucia Florez)
Die Organisatoren des "Festival Internacional de Poesia de Medellín" aus Kolumbien: Gloria Chvatal, Fernando Rendón, Gabriel Jaime Franco (Ana Lucia Florez)

Die Geschichte ist so wundersam, dass sie einem Märchen gleicht. Da ist die kolumbianische Stadt Medellín, seit Jahrzehnten Synonym für Gewalt und Gegengewalt zwischen dem kolumbianischen Drogenkartell und den staatlichen Todesschwadronen. Und da ist, am 24. Juni 2006, das mittlerweile 16. Internationale Poesiefestival von Medellin.

Der venezolanische Dichter Gustavo Pereira trägt seine Verse vor. Tausende Menschen lauschen andächtig. Danach brandet Applaus auf wie bei einem Popfestival - ein Erlebnis, von dem ein Lyriker aus Europa wohl nur träumen kann. In diesen Tagen befindet sich die Stadt Medellín im Ausnahmezustand. Überall finden Lesungen statt, auf Straßen und Plätzen, in öffentlichen Parks, in der Universität, in Gefängnissen, in Flüchtlingslagern und in den Armenvierteln.

Manche Dichter lesen an Orten, zu denen Taxifahrer nicht fahren würden - zu gefährlich! Doch wer in diesen Tagen ein kleines Schildchen mit der Aufschrift "Poeta", Dichter, an der Brust trägt, wird von den Menschen fröhlich eskortiert und respektvoll begleitet. Mehrfach wurde das Festival von Paramilitärs bedroht, passiert ist noch nie etwas.

Fernando Rendón: "Ich glaube, dass das Festival durch die weltweite Anerkennung mittlerweile zu einem Symbol geworden ist. Und auch die vielen internationalen Dichter genießen großen Respekt und Bewunderung, die Poesie wird respektiert. Das ist wie ein Schutzwall, der das Festival umgibt und die Paramilitärs fernhält."

Fernando Rendón ist ein kräftiger Mann von 67 Jahren, leicht ergraut, von eher unscheinbarem Äußeren, aber von großer Bestimmtheit. Unbeirrt wiederholt er gegenüber ungläubigen Europäern, was in seinen Augen das schlichte Geheimnis seines Poesiefestivals ausmacht: Es ist poetische Kraft im Blut und im Geist der Menschen, sagt er, die die Gewalt stoppen kann.

Fernando Rendón ist der Mann, der das Festival vor 16 Jahren ins Leben rief, zunächst mit wenigen kolumbianischen Dichtern und 100 gedruckten Plakaten mit der Aufschrift "Poesie ist Macht". Er und seine Mitstreiter hatten einfach die Nase voll vom Terror und der ständigen Angst. Damals durchlitt Medellín eine beispiellose Gewaltwelle: Fast täglich starben Menschen durch Anschläge und Terror, politische Oppositionelle, darunter viele Freunde Rendóns, wurden auf offener Straße erschossen.

Rendón selber verfasste seit seinen Jugendjahren Poesie, in den 80er Jahren erschien sein erster Gedichtband "La contrahistoria", die Gegengeschichte. 1982 gründete er die Lyrikzeitschrift "Prometeo". Auch das Poesiefestival versteht Rendón als "Gegengeschichte", und nicht nur er. Von der Regierung misstrauisch beäugt, wuchs die Veranstaltung in wenigen Jahren zum größten internationalen Lyrikfestival der Welt, mit bislang 646 Teilnehmen aus insgesamt 131 Ländern. Auch indigene Dichter werden jedes Jahr eingeladen, erzählt Rendón.

Gelesen wird unter freiem Himmel, in der jeweiligen Landessprache, dann wird übersetzt. Aber geht das überhaupt? Manche Lyrik ist sperrig, erschließt sich nicht sofort. Rendón glaubt an den intuitiven Zugang, den alle Menschen von Natur aus für Poesie entwickeln.

"Wir glauben, dass die Poesie, die vielleicht mehr Zeit und Intimität braucht, auch laut vor Publikum vorgetragen werden kann. Die Menschen lauschen mit unglaublicher Aufmerksamkeit, es herrscht große Stille während der Lesungen, eine sehr dichte und intime Atmosphäre. Auch schwierige Texte werden vom Publikum verstanden. Die Menschen folgen ihnen Vers um Vers. Es hat noch kein Gedicht gegeben , wie hermetisch und sperrig es sich auch dargestellt hat, das nicht vom Publikum auf seine Weise verstanden worden wäre."

Der Erfolg scheint ihm Recht zu geben in Medellin, wo achtspurige Autobahnen gesperrt werden, um Platz zu schaffen für die Lesung, und tausende Zuhörer schon Stunden vor Beginn ausharren, um sich gute Plätze zu sichern. Das Publikum ist überwiegend jung, die Dichter werden warmherzig empfangen, auf der Straße begrüßt, um Autogramme gebeten, in Diskussionen um ihre Gedichte verwickelt.

Braucht es erst das Gefühl von Unfreiheit, das tägliche Erleben von Gewalt und Armut, um den Freiraum und die Kraft der Poesie wertschätzen zu können? Poesie ist Ventil und Katalysator, sagt Rendón, und sie ist eine universelle Sprache. Liebe, Freiheit, der Traum von einem besseren Leben - das versteht ein Iraker oder ein Amazonas-Indianer aus Brasilien ebenso wie ein Kolumbianer.

"In einem Land, in dem es keine wirkliche Redefreiheit und keine Versammlungsfreiheit gibt, empfinden die Menschen die Dichter, die aus anderen Regionen der Welt vortragen, wie ihre eigene Stimme, sie hören in ihnen ihr eigenes Bewusstsein, wie ein Spiegel des täglichen Kampfes."

Hans Magnus Enzensberger, der selber 1999 am Festival teilnahm, sprach vom "Wunder von Medellín". "Vielleicht muss man bis ans andere Ende der Welt reisen, um der Abgebrühtheit unseres Kulturbetriebs zu entrinnen", schrieb er danach, "um sich zu überzeugen, dass ein paar Verse auch heute noch, wie zu homerischer Zeit, eine ganze Stadt begeistern können".

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