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Profil / Archiv | Beitrag vom 12.02.2009

Poetische Ambivalenz

Der Filmemacher Alexis Dos Santos

Von Wolfgang Martin Hamdorf

"Unmade Beds" eröffnete das Jugendprogramm "Generation 14" der diesjährigen Berlinale (AP)
"Unmade Beds" eröffnete das Jugendprogramm "Generation 14" der diesjährigen Berlinale (AP)

"Unmade Beds" hat das Jugendprogramm "Generation 14" der diesjährigen Berlinale eröffnet. Es ist ein Film des 38-jährigen Regisseurs Alexis dos Santos, der ursprünglich aus Argentinien kommt und sich nun in London heimisch fühlt.

Ein 15-Jähriger in einer Rockband singt von Russen und Russinnen, die sich die Kleider vom Leib reißen. Singt von sexuellen Sehnsüchten in der tiefsten Provinz, in Patagonien, ganz im Süden Argentiniens.

"Glue" ist der erste abendfüllende Film von Alexis Dos Santos und war im vergangenen Jahr auch in deutschen Kinos zu sehen. "Glue" das ist das englische Wort für Klebstoff, den die jugendlichen Protagonisten schnüffeln, um sich zu berauschen. "Glue" erzählt von einer Dreiecksbeziehung auf dem Lande.

Lucas fühlt sich von seinem Freund Nacho angezogen, beide freunden sich aber auch mit Andrea an, und das Ganze eskaliert dann auf einem Dorffest. Sensibel und mit einer ganz besonderen Leichtigkeit erzählt Alexis Dos Santos vom Erwachen der Sexualität, von eingefahrenen Lebenswegen und von neuen Träumen.

Drogen und sexuelle Grenzüberschreitungen sind ein zentrales Motiv seiner Filme. Auch in seinem zweiten Film "Unmade Beds", den er jetzt auf der Berlinale präsentiert hat, geht es um Rausch, um Liebe,um Lust, um Selbstfindung und Auflösung vermeintlich fester Identitäten:

"Ich finde Figuren interessant, die sich sexuell nicht direkt festlegen und nicht von Anfang an sagen: ’Ich steht auf Mädchen, oder ich steh auf Jungen.’In ‚Glue’ ist das diese ganz starke ambivalente Freundschaft der beiden Jungen und dann kommt noch das Mädchen dazu. In ‚Unmade Beds’ findet der Protagonist in der Londoner Subkultur eine Art Ersatzfamilie. Das passiert einem eben, wenn man etwas über zwanzig ist und in andere Länder geht. Da bilden sich auf Partys, Freundschaften und Ersatzfamilien. Da verwischen sich auch die sexuellen Grenzen und am nächsten Tag bereust du, was du getan hast oder auch nicht."

‚Unmade Beds’ erzählt von den Abenteuern eines jungen Argentiniers in London und seiner Suche nach seinem Vater. Seine Protagonisten sind immer auf der Suche. Auch Alexis de los Santos ist ein Wanderer zwischen den Welten. 1971 in Buenos Aires geboren, verbrachte er mehrere Jahre seiner Kindheit in einem kleinen Dorf in der patagonischen Provinz:

"Ich bin vom Dorf in die Großstadt und von der Großstadt ins Dorf gegangen und habe diese beiden Tendenzen in mir gehabt: Dorf und Großstadt: Meine Welt ist größer geworden, als ich dann nach Barcelona gegangen bin und später nach London."

Sein erster Film "Glue" war eine britisch-argentinische Co-Produktion und ausführende Produzentin war die spanische Regisseurin Isabel Coixet. "Unmade Beds" ist eine britische Produktion, aber Alexis dos Santos sieht sich weder als britischer noch als argentinischer Filmemacher:

Alexis dos Santos: "Eigentlich nicht, denn ich lebe seit zehn Jahren nicht mehr in Argentinien, ich lebe in London. Ich habe die ganze Entwicklung des neuen argentinischen Films nicht mitbekommen, das sind sehr viele, sehr gute und sehr eigenwillige Regisseure. ‚Glue’ habe ich zwar in Argentinien gedreht, aber in London geschnitten und die ganze Postproduktion auch dort gemacht.

Ich habe an der Entwicklung in Argentinien nicht teilgenommen. Das heißt aber auch nicht, dass ich mich im britischen Film zuhause fühle. Ich glaube, ich kann gut mit Regisseuren, die ähnliche Filme machen wie ich, ganz egal, ob es nun Mexikaner oder Japaner sind."

Die Welt des Alexis dos Santos ist eine Welt zwischen Orientierungslosigkeit und seelischen und körperlichen Bindungen. Eine Welt der Rauschmomente und zufälligen Begegnungen, angefüllt mit wilder und ausdrucksstarker Musik und in einem ganz eigenen Rhytmus bewegter Bilder.

Dabei war ihm das Filmemachen nicht in die Wiege gelegt. Von Seiten seiner Familie fanden seine künstlerischen Ambitionen keine Unterstützung. Er verschlang Bücher, hörte und machte Musik, begann mit dem Architekturstudium und dann kam das Theater, er spielte und inszenierte:

"Aber erst, als ich das Filmemachen für mich entdeckte, wurde mir klar, wie wunderbar sich hier die verschiedensten Dinge, die mich interessierten, zusammenfügten. Auf der einen Seite, Geschichten zu erzählen, aber dann eben auch diese ganzen Möglichkeiten künstlerischen Ausdrucks. Das hatte für mich viel mit Archtektur und mit Theaterinszenierung und Schauspiel zu tun, mit allen Sachen, die mich interessierten."

Mit seinen ersten Kurzfilmen wurde er auf den Talent-Campus der Berlinale eingeladen. Und bereits in diesen ersten Arbeiten experimentierte er ganz stark mit einer sehr bewegten Kamera und dem Einsatz ganz unterschiedlicher Materialien. So vermischt er digitale Bilder mit Super-8 und grobkörnigem Video. Das gibt seinen Filmen eine ganz besondere Textur, fast wie Traumelemente, Erinnerungen oder einfach offen gebliebene Sehnsüchte und geheime Wünsche. Beeindruckend ist die Natürlichkeit seiner Filme, auch ein Resultat seiner besonderen Art mit den Schauspielern zu arbeiten:

Alexis dos Santos: "”Ich lasse den Schauspielern viel Freiheit. In der Regel haben wir wenig geschriebene Dialoge. In "Glue" haben wir alles improvisiert. In ‚Unmade Beds’ hatten wir ein Drehbuch, aber ich wollte immer, dass die Schauspieler ihre eigenen Erfahrungen mit hinein bringen. Ich habe immer alles gefilmt, auch noch wenn die Szene schon vorbei war. Und das war manchmal besser als das, was ich eigentlich geschrieben hatte. Meine Art mit Schauspielern zu arbeiten hat auch damit zu tun, dass ich selbst als Schauspieler gearbeitet habe.""

Alexis Dos Santos wirkt selbst wie die Figuren seiner Filme: etwas suchend unentschlossen, fast bedächtig. Er findet seine Worte zögernd, bricht seinen Satz mittendrin ab, verwirrt sich in einem Gedankengang, lässt ihn fallen und greift ihn dann wieder auf. Seine Kleidung ist ungewöhnlich. Er trägt die abgenutzte gestreifte Jacke einer englischen Schuluniform, eine weite Hose mit breiten Hosenträgern , die Haare sind wild verschnitten, an manchen Stellen lang, an anderen kurz.

Bei vielen Filmkritikern gilt der 37-Jährige als Geheimtipp. Reich ist er bei seinen eigenwilligen und unabhängigen Filmen nicht geworden. Jedes neue Projekt bedeutet wieder einen neuen jahrelangen Kampf um die Finanzierung.

Alexis dos Santos: "Ich habe immer noch andere Sachen nebenher gemacht, etwas Werbung oder Videoclips. Aber mehr kann ich da nicht machen, die Welt der Werbung widerspricht meinem eigenen Naturell. Ich weiß nicht, was ich in Zukunft machen werde oder wovon ich im nächsten Jahr leben werde. Im Moment zehre ich noch von meinem letzten Film, und das ist gut."

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