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Poetik des Sammelns

Monika Rinck: "Honigprotokolle", Kookbooks, Berlin 2012, 80 Seiten

"Es sammeln die einen für die andern, und keiner tut etwas für sich ganz alleine."
"Es sammeln die einen für die andern, und keiner tut etwas für sich ganz alleine." (AP)

Sie beherrscht einfach alles, was man sich für die Lyrik wünscht: Monika Rinck wurde 1969 in Zweibrücken geborenen. In ihren neuen Gedichten wird der Bienenstock zum Sinnbild der Dichtkunst und des guten Lebens: Texte wie Prosa, in langen Zeilen ohne Reim, doch stark rhythmisiert.

Viel Energie ist da unterwegs in diesen Gedichten, eine summende, brummende, schwänzelnde Intelligenz, die sich hochschraubt zu immer neuen Aufschwüngen und sich mitunter auch mal zügelt, damit kurz Ruhe einkehrt. Doch eines will sie ganz bestimmt nicht sein: entspannt. "Ich bin entspannt, ich habe versagt", heißt es in einem Gedicht, das in einem imaginären "Hypnosezelt" spielt, einem Raum voller Stimmen, durchlässig in alle Richtungen, als wäre man bei "Alice im Wunderland".

"Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle" - mit diesem Auftakt fangen die meisten der 65 Gedichte an. Optisch kommen sie wie Prosa daher, in langen Zeilen ohne Reim, doch sind sie stark rhythmisiert und tragen auch sonst Kennzeichen lyrischen Sprechen, allen voran die Anrede. Dieses lyrische Ich will nicht allein sein, es möchte jemanden erreichen mit seinem Gesang. Während sie zeitgenössische Diskurs-Fragmente durcheinanderwirbelt, setzt Monika Rinck ganz selbstverständlich fort, was die Poesie in der Antike war: ein Gemeinschaftserlebnis, zu dem Gesang, Tanz und Rausch gehörten.

"Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle", das klingt beim ersten Mal noch seltsam. Doch bald macht der Leser die Bewegung mit. Betört durch den Klang der Binnenreime, eingestimmt durch den Rhythmus der Wiederholung, genießt er es, wie jedes Gedicht durch den Schwung des Auftakts sofort in medias res landet.

Und so können sich diese Gedichte einfach alles einverleiben: Gedanken, Theorien, Weltbetrachtungen, aber auch ganz alltägliche Erfahrungen wie die Zubereitung eines Soufflés, das nicht fertig wird -

"Man lädt zum Essen ein, auf acht, und da liegt rohes Fleisch, ein Hügel Mehl,/ dreckige Karotten und ein Dutzend Eier und man sagt: Das ist das Soufflé,/ wenn Sie so wollen, oder wenn es jetzt nicht wäre, sondern in drei Stunden,/ oder wenn ich jemand andres wäre, dann wäre genau das: das Soufflé."

Wer Freude am Denken hat und Abstraktionen dennoch mit Skepsis begegnet, der wird bei diesen Gedichten in helles Entzücken ausbrechen. Manche Sätze würde man am liebsten auswendig lernen: zum Beispiel "Abstraktion ist keine hinlängliche Antwort auf Unvorstellbarkeit" oder "Analyse kann auch Stupor sein." Monika Rinck findet wunderbare Bilder, um Einwände gegen ihr Verfahren gleich mit einzubauen.

Der 1969 in Zweibrücken geborenen Monika Rinck werden nicht umsonst überall Lorbeerkränze gewunden. Sie beherrscht einfach alles, was man sich für Lyrik wünscht: die Vielfalt der Töne, die Modulation von Stimmungen, das Sinnbildlichmachen von Gedanken, Szenen des Alltags, den Aufschwung nach oben (wo einmal die Götter waren) und nicht zuletzt den Lobgesang auf Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft.

Am Ende wird der Bienenstock zum Sinnbild der Dichtkunst und des guten Lebens: "Es sammeln die einen für die andern,/ und keiner tut etwas für sich ganz alleine. Der Honigmagen ist der Magen/ der Gesamtheit. Die Liebe ist die Liebe der Gesamtheit. Hört, hört. Wer innen/ verunglückt, wird mit allen Mitteln gerettet. Wer außen verunglückt, verzehrt."

Besprochen von Meike Feßmann

Monika Rinck: Honigprotokolle. Gedichte
Kookbooks, Berlin 2012
80 Seiten, 19,90 Euro

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