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Poet der bewegten Bilder

Vor 100 Jahren wurde der Filmregisseur Michelangelo Antonioni geboren

Von Florian Ehrich

Auch für Regisseur Wim Wenders ein großes Vorbild: Michelangelo Antonioni
Auch für Regisseur Wim Wenders ein großes Vorbild: Michelangelo Antonioni (AP)

Vom kommerziellen amerikanischen Kino grenzte der italienische Regisseur Michelangelo Antonioni sich bewusst ab. Viele seiner Filme wurden vielleicht gerade deshalb zu europäischen Klassikern. Die Entfremdung des modernen Menschen von sich selbst oder die Schwierigkeit der Liebe in Zeiten des Kapitalismus waren Themen, die den Regisseur stets beschäftigten.

"Wenn man sich mit der Idee für einen Film trägt, dann herrscht im Kopf immer ein Chaos. Einen Film anzufangen, das bedeutet, zur Eroberung der Welt aufzubrechen. In die Bilder muss man alles packen, was man sieht. Wittgenstein hat gesagt, das Schwierigste ist, das zu sehen, was sich vor unseren Augen befindet. Darum geht es in der Tat: Die Dinge zu erkennen und sie in Bildern darzustellen, die in unserem Kopf entstehen."

Mit seinen Bildern fordert der Regisseur Michelangelo Antonioni sein Publikum zu eigenen Deutungen heraus. Seine Filme offen zu halten und auf konventionelle Auflösungen zu verzichten, ist vielleicht die größte Leistung dieses Innovators des europäischen Films.

Antonioni wurde am 29. September 1912 in Ferrara geboren. Fasziniert vom Kino, ging der studierte Volkswirt 1939 nach Rom, wo er Filmtechnik studierte und Drehbücher verfasste. Seine ersten Filme waren zunächst der Ästhetik des italienischen Neorealismus verpflichtet. Eigenes Profil entwickelte er mit seinen Filmen "Die mit der Liebe spielen", "Die Nacht" und "Liebe 1962 "die von 1960 bis 1962 entstanden. Diese italienische Trilogie kreiste um die Leere und die Beziehungsunfähigkeit in bürgerlichen Kreisen und brach in vielerlei Hinsicht mit eingefahrenen Konventionen des Kinos.

"Der Film ist ein offenes Kunstwerk, das jeder nach seiner eigenen Art interpretieren kann. Was heißt es denn, einen Film zu sehen? Wir machen eine ganz persönliche, individuelle Erfahrung mit diesem Film."

In Antonionis erstem Farbfilm "Die Rote Wüste" aus dem Jahr 1964 wird das Gefühlsleben der seelisch kranken Guiliana, gespielt von Antonionis damaliger Lebensgefährtin Monica Vitti, wirkungsvoll mit der Ästhetik riesiger Industrieanlagen kontrastiert. Wie schon in seiner italienischen Trilogie über die Liebe sind auch in "Die Rote Wüste" Entfremdung und die Unfähigkeit zur Kommunikation zentrale Themen.

"Sie: "Wenn ich das Meer sehe, bin ich verloren. Alles, was dann um mich rum geschieht, erscheint mir unwichtig."
Er: "Ich frag mich: Ist etwas wichtig? Ich meine zum Beispiel den Ernst, den man an eine Sache oder eine Arbeit verschwendet? Ist der Aufwand nicht doch lächerlich?"
Sie: "Ich kann nichts sehen, es ist, als ob ich Tränen in den Augen hätte. Aber was soll ich sonst mit meinen Augen anfangen? Wohin soll ich schauen?"
Er: "Du fragst, wohin sollst du schauen? Ich frage: Wie soll man leben?""

Mit seinem auch kommerziell erfolgreichen Film "Blow up" von 1966 fing der Regisseur die Atmosphäre Londons während der "Swinging Sixties" ein. Die Geschichte über einen Modefotografen, der anhand von Vergrößerungen einen Mord zu entdecken glaubt, stellt die Frage nach der Wirklichkeit und der Fiktion von Bildern, ohne letzte Klarheit über den Kriminalfall zu schaffen.

Beim Dreh entschied sich Antonioni erst vor Ort für die Komposition eines Bildes. Für die komplizierte siebenminütige Endeinstellung in "Beruf: Reporter" mit Jack Nicholson benötigte er elf Drehtage. Das Ergebnis war eine langsame Kamerafahrt, die den Blick des Zuschauers aus dem Zimmer eines Mordopfers durch ein vergittertes Fenster ins Freie führt. Der eigentlich dramatische Moment, der Mord, bleibt unsichtbar, doch der Betrachter scheint Zeuge zu werden, wie die Seele des Toten Körper und Raum verlässt. Der französische Filmkritiker Jose Moure erkannte in Antonionis eigenwilligem Zugriff auf die Dinge im Raum den Zauber seiner Filme:

"Ich glaube, man muss sich darauf einlassen, auf den Rhythmus dieses besonderen Blickes, mit dem Antonioni die Dinge betrachtet. Er wirkt zunächst recht alltäglich. Trotzdem bekommen die Dinge durch seine filmische Bearbeitung eine neue Bedeutung. Ich sehe darin echte Poesie. Diese visuelle Qualität seiner Filme, diese Fähigkeit die Dinge wahrzunehmen und einzufangen, wie es das Kino vor ihm nie tat."

Wegen eines Schlaganfalls konnte der Filmkünstler im Alter keine größeren Projekte mehr realisieren. Michelangelo Antonioni, der am 30. Juli 2007 in Rom starb, drehte seinen letzten Film "Jenseits der Wolken" zusammen mit Wim Wenders, für den der große Innovator des italienischen Kinos eines seiner wichtigsten Vorbilder war.



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