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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.09.2011

Poesie und Fischgestank

Thórbergur Thórdarson: "Islands Adel", S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011, 320 Seiten

Landschaft auf Island
Landschaft auf Island (Deutschlandradio - Jessica Sturmberg)

Bei uns ist der isländische Erzähler Thórbergur Thórdarson bislang kaum bekannt. Mit diesem ausnehmend schönen und autobiografisch geprägten Künstlerroman aus dem Jahr 1938, der nun in deutscher Übsetzung erscheint, könnte sich das bald ändern.

Das Bauwerk erinnert an ein Bücherregal: eine lange Reihe roter Bände zwischen grauen Stützen, ringsum nur schütteres Gras, im Hintergrund Gletscher. Ein Stück Lesezimmer in nördlicher Weite. Ein Museum im Südosten der Insel. Auf so auffällige Weise ehren die Isländer den Erzähler Thórbergur Thórdarson (1888-1974), einen modernen Klassiker. Bei uns ist der Autor bislang nicht bekannt, aber nun gibt es dieses ausnehmend schöne Werk, "Islands Adel", einen autobiografisch gefärbten Roman von 1938. Held des Buchs ist eine Ich-Figur, die genauso heißt wie der Verfasser. Jenes Ich hat eben, 1912, in Reykjavík als Poet von sich reden gemacht, vor seiner Bleibe stehen bisweilen Verehrer. Der Poet aber verlässt das Städtchen, dieses "Kaff aus hässlichen Blechbuden und matschigen Pfaden". Er zieht über die Insel, er folgt seiner Liebsten, die den Sommer auf dem Hof der Familie verbringt. Und er sucht Arbeit, denn von der Kunst kann der junge Mann nicht leben. Thórdarson jobbt als Schiffskoch ("Wo steckt der verdammte Giftbrutzler?"), er verdingt sich in einer Heringsfabrik und beim Straßenbau. Man riecht Schweiß und Tran bei der Lektüre, man sieht Schmutz und Enge, aber auch das offene Hügelland, Fjorde und Meer und darüber eine kühle Sonne. Vor die Kulisse schieben sich Thórdarsons Weggefährten, Eigenbrötler mit derbem Mundwerk, auffällig viele sind ebenfalls Dichter. Der Leser sieht die Kollegen gemeinsam durch Salzlake waten, er erlebt den Erzähler auf Reisen oder beim Rendezvous mit der scheuen Liebsten, und mehr passiert eigentlich nicht.

So wäre dies ein Buch von überschaubarem Reiz, wäre, ja, wäre Thórdarson nicht so ein glänzender Stilist. Wunderbar, wie er das Pathos des Jung-Poeten mit dem Profanen mischt. Großartig, wie er den hehren Sprachgestus der deutschen Romantik auf der kalten Insel probiert, wo diese Gesten prompt erstarren. Hinreißend sind seine komischen Dialoge, etwa über Philosophie. "Denkst du, dass Gott auch dieser Misthaufen da auf der Wiese ist? - Was ist dieser Misthaufen denn sonst?" Oder über die Kümmernisse reiner Liebe. "Hat sie schöne Brüste?", fragt ein Freund, und der Held erwidert: "Ich weiß nicht. – Machen sie große Wölbungen in ihrer Bluse? - Darauf habe ich nie geachtet. - Hast du dieses Mädchen überhaupt mal angesehen? - Natürlich. Aber nicht da."

Beeindruckend, mit welcher Wortgewalt der Isländer gegen Rassenhass und Bigotterie zu Felde zieht. Und vor allem fasziniert, wie der Autor seine Hauptfigur inszeniert, diesen Wiedergänger namens Thórbergur Thórdarson, einen extrovertierten Künstler, halb Weiser und halb Narr. "Keiner konnte es bestreiten, er war ein Genie." Dieses "Ich" ist der Mittelpunkt, ein aufgeblasenes "Ich", allerdings zersetzt von Selbstironie. Nie weiß der Leser, wie ernst der Autor das "Ich" nimmt. Aber rasch merkt er, was Thórdarson unter "Islands Adel" versteht - die jungen Dichter im Gestank der Fischfabriken. Am Ende ist der vergnügliche Roman vor allem dies: die mal ironische, mal hymnische Literaturgeschichte eines unbekannten Landes.

Besprochen von Uwe Stolzmann

Thórbergur Thórdarson: Islands Adel
Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011
320 Seiten, 22,95 Euro