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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.04.2013

Pleite in der Hochzeitsnacht

Jonas Lüscher: "Frühling der Barbaren", C.H. Beck, München 2013, 125 Seiten

Eben noch sitzen die Gäste gelangweilt am Pool, plötzlich sind die Kreditkarten gesperrt. (Jan-Martin Altgeld)
Eben noch sitzen die Gäste gelangweilt am Pool, plötzlich sind die Kreditkarten gesperrt. (Jan-Martin Altgeld)

Eine Clique von britischen Bankern und Zockern feiert Hochzeit in einem Ferienresort an der tunesischen Wüste. Lüscher erzählt filmreif und bildstark, was passiert, als die Gäste plötzlich im Internet vom Staatsbankrott ihres Landes lesen: Sie alle sind arbeitslos und pleite.

Mit einer Novelle zu debütieren ist ein Einstieg mit Anspruch. Jonas Lüscher zeigt in "Frühling der Barbaren", wie man einen Text, der von der aktuellen Finanzwelt handelt, in deutlich persiflierendem Ton verfassen und ihn erfolgreich zwischen Farce und Realitätsdiagnose changieren lassen kann.

Preising, ein genügsamer alleinlebender Schweizer, Erbe einer TV-Antennenfabrik, die der Messtechniker Prodanovic, Sohn eines bosnischen Buffetkellners, gerade noch rechtzeitig in einen florierenden Großbetrieb umgewandelt hat, erzählt auf einem Spaziergang seinem Freund, was ihm während eines letzten Tunesienaufenthalts widerfahren ist. Eine Geschichte, so sagt Preising, "aus der sich etwas lernen lässt."

Autor Lüscher, der keine geringere Absicht hat, als mit intelligenten Seitenhieben das Gebaren der Finanzwelt und ihrer jugendlichen Marktjongleure in einer großen Apotheose platzen zu lassen, hat in der Person Preisings einen saturierten Mann erfunden, einen idealen Beobachter, dem nichts so zuwider ist wie das Handeln. Preising gerät in seinem tunesischen Ferienresort in eine britische Hochzeitsgesellschaft. Er trifft auf bodygestählte, uniform gekleidete oder entkleidete Gäste, Mitglieder der Londoner Finanzklasse, Händler, Analysten, Zocker, überdrehte Typen, eine gewissenlose Geldclique, zu der Braut und Bräutigam gehören.

Der Beobachter Preising, ein ruhiger und angenehmer Zeitgenosse, lernt die Eltern des Bräutigams kennen. Sie, Lehrerin, und ihr Mann, Soziologieprofessor, scheinen meilenweit vom Bekanntenkreis ihres Sohnes entfernt zu sein, von den Globalplayers, die um die Pools wuseln und lieber auf die Displays ihrer Handys als in die Wüste schauen. Die Hochzeit, ohne Stil aber mit orientalischem Prunk, nutzt Lüscher als Vorlage für eine filmreife Gesellschaftskritik. Überhaupt beherrscht er das filmische Erzählen komplexer Inhalte, bildstark, bunt und im Fortgang der Ereignisse immer schriller aufblendend.

Die Wendung, die zu jeder echten Novelle zwingend gehört, tritt in der Hochzeitsnacht ein. Der englische Premierminister hat, so berichten es frühmorgens die Onlinezeitungen, "Staatsbankrott verkündet". Innerhalb von Minuten sind Milliardenvermögen vernichtet, die gesamte Hochzeitsgesellschaft ist nicht nur arbeitslos, auch die Kreditkarten sind gesperrt.

Das Chaos, das Jonas Lüscher mit frivoler Lust inszeniert und dabei weder das Resort noch das Touristenkamel schont, hat den Charakter einer an Tempo gewinnenden Farce, alles wird zwischen den "Mühlsteinen der Märkte" zu Staub zerrieben, und die smarten Hochzeitsgäste verwandeln sich in gewissenlose Mörder.

Lüscher zeigt auf der letzten Seite den ob seiner eigenen Erzählung betrübten Preising, dem sein Zuhörer entgegen hält, dass sich aus der Geschichte doch nichts lernen lässt.
Der "Frühling der Barbaren" ist Gesellschaftsanalyse und Finanzmarktkritik, ist die klug-groteske Fabel über eine Generation, die durch die Anziehung des Geldes alles riskiert.

Besprochen von Verena Auffermann

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren
C.H. Beck, München 2013
125 Seiten, 14,95 Euro

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