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Radiofeuilleton - Wissenschaft und Technik / Archiv | Beitrag vom 02.03.2008

Plastik statt Fisch im Bauch

Seevögel sterben am Plastikmüll in der Nordsee

Von Lutz Reidt

Ein Schwarzfußalbatross sucht Nahrung - und findet Plastikmüll.
Ein Schwarzfußalbatross sucht Nahrung - und findet Plastikmüll. (Monika Seynsche)

Plastikmüll in den Meeren und an Stränden ist nicht nur ein ästhetisches Problem. Auf ihrer Nahrungssuche verwechseln viele Seevögel Plastiktüten mit Quallen, rote Flaschenverschlüsse mit Krebsen - und verenden qualvoll. Ein Büsumer Forscher fordert eine umweltgerechte Entsorgung von Schiffsmüll.

Olivgrün bis beigebraun ist der Brei, den Nils Guse unter fließendem Wasser durch ein Sieb spült. Es ist der Mageninhalt eines Eissturmvogels, der tot am Strand lag und den der Meeresbiologe von der Universität Kiel soeben seziert hat. Der Vogel hat keinerlei Fettreserven mehr am Körper. Möglicherweise ist er verhungert. Um Genaueres zu erfahren, ist alles interessant, was im Sieb hängen bleibt. So etwa ein rund drei Zentimeter langer, schwammartiger Fetzen:

Nils Guse: "Das könnte Pappe sein, oder es könnte auch irgendwie so flach gedrückter Schaumstoff, Kunststoff sein; manche Sachen sind ganz eindeutig zuzuordnen; wenn wir zum Beispiel eben Bruchstücke von einer Zahnbürste oder ein Feuerzeug haben oder ein Schraubdeckelverschluss; und andere Sachen - so wie diese Sachen hier -, da ist das nicht so ganz einfach; das sind dann irgendwelche Bruchstücke von größeren Einheiten, wo man sich manchmal ein bisschen Mühe geben muss, um nachzuvollziehen, von was das eigentlich stammt."

Nils Guse arbeitet am Forschungs- und Technologiezentrum in Büsum, einem Seebadeort an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste. Der tote Eissturmvogel auf dem Seziertisch ähnelt mit seinem weiß-grauen Federkleid einer Silbermöwe. Doch zählt der Eissturmvogel zur Familie der Albatrosse. Als ausdauernde Segler nutzen Albatrosse die Winde auf hoher See, immer auf der Suche nach Fressbarem. Und fündig werden sie dort, wo Menschen ihnen was hinterlassen - vor allem in den Bugwellen von Containerschiffen und Fischkuttern, von Segeljachten und Kreuzfahrtdampfern:

Nils Guse: "Da gibt es Beobachtungen, dass teilweise auf den Schiffen diese Nahrungszerkleinerer - wo eben eigentlich Küchenabfälle mit zerkleinert und absolut legal über Bord gegeben werden dürfen -, dass da eben teilweise auch Plastikmüll mit zerkleinert wird. Also, man hat das auf Kreuzfahrtschiffen eben schon beobachtet; und wenn das dann als Masse hinten über Bord geht, ist das für den Eissturmvogel interessant, und er nimmt damit eben auch viel Plastik auf."

Die Studien von Nils Guse sind eingebettet in ein internationales Forschungsprojekt. Überall an den Nordseeküsten werden tot angespülte Eissturmvögel eingesammelt und untersucht. Der Eissturmvogel ist ein Indikator für die Plastikmüllverseuchung des Meeres - aber bei Weitem nicht das einzige Opfer: Seehunde bleiben in Getränkekästen stecken, Fische und Delfine verenden in Fischereinetzen aus Nylon, Seevögel strangulieren sich in den Plastikträgern von Bierdosen-Sixpacks, und Meeresschildkröten verhungern mit vollem Bauch, weil sie umhertreibende Plastikfolien fressen, die ihrer eigentlichen Nahrung - den transparenten Quallen - zum Verwechseln ähnlich sind.

Die Biologen gehen davon aus, dass ein Großteil des Plastikmülls in der Nordsee von Schiffen stammt. In anderen Meeresregionen - etwa im Pazifik - spülen auch Flüsse viel Kunststoff ins Meer. Doch im Grunde ist die Quelle der Plastikmüllfluten unerheblich. Das Resultat ist immer und überall das Gleiche, sagt der Meeresbiologe Thilo Maack von Greenpeace in Hamburg:

"Es ist offensichtlich so, dass rote Flaschenverschlüsse – zum Beispiel Coca-Cola-Flaschen -, dass das offensichtlich der Farbe von bestimmten Krebsen, die die Beute von verschiedenen Albatrossarten sind, sehr ähnelt. Die Albatrosseltern fressen diese Plastikverschlüsse, fliegen zurück an den Strand, wo die Küken warten; die Küken werden gefüttert mit diesem Plastikmüll; und im Grunde genommen sind die Küken immer satt, haben den Magen voll; aber das, was sie im Magen haben, hat mit echter Nahrung nichts zu tun, sondern ist im Grunde genommen der Schrott der Zivilisation."

Selbst fernab der Zivilistation, so etwa an den Küsten der Färöer-Inseln im Nordatlantik, haben mehr als 90 Prozent der tot angespülten Eissturmvögel Plastikpartikel in ihren Bäuchen. An der deutschen Nordseeküste finden die Forscher im Schnitt 0,3 Gramm Plastikmüll in den Mägen der Seevögel. Das klingt wenig, der Meeresbiologe Nils Guse kann aber auch auf die 60-fache Menge stoßen:

"Wir hatten auch schon Müllmengen bis zu 18 Gramm in einem Tier! Also ein Vielfaches! Und das ist dann schon so, dass im Prinzip der gesamte Magentrakt komplett mit Müll ausgestopft ist und da so viel drin ist, dass überhaupt keine natürliche Nahrung mehr hindurchgelangen kann und die Tiere dann daran sterben."

Meeresschützer appellieren, die Quellen des Plastikmülls zu stopfen. Zum einen dürfe kein Hausmüll mehr über die Flüsse ins Meer gelangen. Zum anderen sollten Schiffsbesatzungen den Restmüll nicht mehr einfach achtlos über Bord werfen. Die Hafenbehörden müssten weltweit den Schiffsmüll kostenlos entgegennehmen und fachgerecht entsorgen.