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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.01.2007

Plädoyer gegen eine naive Naturwahrnehmung

Lucius Burckhardt: "Warum ist Landschaft schön? - Die Spaziergangswissenschaft". Martin Schmitz Verlag 2006. 360 Seiten

Winterliche Idylle: Ein Spaziergänger geht über die zugefrorenen Ausläufer der Oder. (AP Archiv)
Winterliche Idylle: Ein Spaziergänger geht über die zugefrorenen Ausläufer der Oder. (AP Archiv)

Der Name "Spaziergangswissenschaft" lädt zu Missverständnissen ein. Es handelt sich bei dieser Disziplin nicht in erster Linie um die Erforschung von Spaziergängen. Dem Schweizer Soziologen und Urbanisten Lucius Burckhardt, der die Spaziergangswissenschaft oder "Promenadologie" erfunden hat, ging es um etwas anderes: um die Frage, von wo aus wir die Räume sehen, in denen wir leben.

Die These, die Burckhardt - der in Kassel lehrte und 2003 im Alter von 78 Jahren starb - seinen Aufsätzen zur Landschaftsplanung, zur Gartenkunst oder zur modernen Stadt zugrunde legte, war: Wir sehen unsere Umwelt immer weniger als Fußgänger und Bewohner, sondern als Autofahrer und Touristen. Spaziergangswissenschaft ist insofern der Versuch, Distanz zur automobilen Perspektive auf Stadt und Land und Landschaft zu gewinnen.

Wenn man überlegt, dass uns diese Distanz auch historisch durch die eintretende Erschöpfung der fossilen Brennstoffe nahe gelegt wird, verliert der Titel "Spaziergangswissenschaft" seinen kuriosen oder ironischen Akzent. Burckhardt fragt in leichtem Ton, aber mit großem Ernst nach der Art, wie sich Natur dem Menschen der Gegenwart zeigt. Eine Natur, die nicht mehr "da draußen" ist, und nicht mehr nur das Feld wirtschaftlicher Ausbeutung. Eine Natur, die vielmehr längst auf die Ausbeuter zurückwirkt.

Dabei ist Burckhardt kein ökologischer Romantiker. Er träumt nicht von der unberührten Natur oder gar von einer Rückkehr zu ihr. Die Vorstellung von der unberührten Natur ist für ihn vielmehr selber eine, auf die nur moderne Menschen kommen können. Ohne den Begriff "Landschaft", so formuliert er an einer Stelle, können wir Städter die Umwelt nicht sehen. Und was wir als Landschaft sehen, haben wir nicht aus der Natur, sondern aus kulturellen Mustern, Malerei, Dichtung, Kino, Postkarten, Reiseprospekten. Landschaft, so Burckhardt, entsteht, wenn zunächst eine agrarische Wirtschaftsweise einem Gebiet ihre Prägung gibt und dann Kunst sich dieser Prägung annimmt, sie beschreibt.

So entsandt beispielsweise Worpswede: Eine Siedlung von Torfbauern, die um 1890 von Künstlern als ursprünglich entdeckt werden. Künstlern, die, als später Sommerfrischler nachkamen und das Torfmoor samt der Boheme mit anstaunten, sich über die Zerstörung der Natur durch den Tourismus beschwerten, ohne zu merken, dass sie selber die ersten Touristen waren.

Burckhardts Aufsätze kreisen um dieses Thema: Dass die Schönheit der Umwelt keiner Gesellschaft so viel wert war wie der unseren. Wir richten Wettbewerbe aus, um "unsere Dörfer" zu verschönern. Wir betreiben seit 100 Jahren Landschafts- und fast so lange Denkmalsschutz. Und wir ziehen als Städter am liebsten aufs Land, oder hätten, wenn wir nicht dorthin ziehen, doch jedenfalls gern einen Dachgarten oder einen Park in der Nähe.

Die Spaziergangswissenschaft beschäftigt sich mit den Gründen solcher Wünsche. Und sie analysiert mit den Arten, wie wir sie realisieren, etwa im Tourismus. Der Fußgänger früherer Zeiten war müde, wenn er sein Ziel erreicht hatte. Wir sind genervt, wenn wir am Urlaubsort ankommen. Dafür warten am Reiseziel eigens für uns eingerichtete ästhetische Erlebnisse: Hotels, die als Bauernhäuser gestaltet sind; Panoramablicke; eigens für uns angelegte Spazierwege oder Strände. Natürlichkeit ist darum manchmal "der Schein der Abwesenheit von Bewirtschaftung".

Lucius Burckhardt geht solchen ganz alltäglichen Erfahrungen mit Landschaft nach. Wogegen er etwas hat, ist, dass wir uns gegenüber unserem ästhetischen Erleben von Stadt und Land dümmer anstellen als wir müssten. Er möchte uns zeigen, wo überall und wodurch unsere Wahrnehmung gelenkt wird, was wir machen, wenn wir reisen, wovon wir träumen, wenn wir an Tahiti denken. Oder was vielleicht ein guter Garten wäre, oder ein Stadtbild. Seine Aufsätze handeln also von ganz praktischen, ganz anschaulichen Gegenständen. Und sie tun es in einer freundlichen, unaufdringlichen aber dezidierten Weise, die den Leser mit Dutzenden von Anregungen zum Weiterdiskutieren beschenkt.


Lucius Burckhardt: Warum ist Landschaft schön? - Die Spaziergangswissenschaft
Herausgegeben von Markus Ritter und Martin Schmitz
Anstelle eines Vorwortes: Hans Ulrich Obrist im Gespräch mit Annemarie & Lucius Burckhardt
Martin Schmitz Verlag 2006
360 Seiten, 18.50 EUR

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