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Plädoyer für die "Pille danach"

Pro Familia wird 60 Jahre alt - doch in Sachen Sex herrscht immer noch Aufklärungsbedarf

Symbolbild Sex
Symbolbild Sex (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)

Anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Beratungseinrichtung Pro Familia hat die Bundesvorsitzende Daphne Hahn den rezeptfreien Zugang zur "Pille danach" gefordert. Auch nach sechs Jahrzehnten gebe es für Pro Familia noch genügend "Baustellen", sagte Hahn.

Gabi Wuttke: Ein Baby zur rechten Zeit? Was wisst ihr voneinander? Sagt uns die Wahrheit! Das konnte man in der Bundesrepublik sieben Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus lesen, denn am 23. Dezember vor 60 Jahren wurde gegründet, was seit Langem pro familia, ehemals Deutsche Gesellschaft für Ehe und Familie, heißt. Deshalb ist die Bundesvorsitzende Daphne Hahn jetzt am Telefon, ich wünsche Ihnen einen schönen guten Morgen!

Daphne Hahn: Guten Morgen!

Wuttke: Das Wort Familienplanung tarnte damals das Wort Verhütung. War mutig, wer in den 50er-Jahren zur Beratung kam?

Hahn: Das war auf alle Fälle so. Also, zumindest am Anfang war der Bedarf ja außerordentlich groß, Familienplanung überhaupt zu haben. Und die Situation in den 50er-Jahren war für die Ratsuchenden derartig schlecht, weil es keinerlei Zugang zur Verhütungsplanung gab und die Gründungsgeschichte von pro familia sehr, sehr stark damit verbunden ist, dass die unendlich hohe Zahl von Schwangerschaftsabbrüchen damals reduziert werden sollte. Also, das war sozusagen die Gründungsgeschichte von pro familia und die Gründe für deren Gründung.

Wuttke: Wie schwer war es denn, sich als nicht staatliche und nicht konfessionelle Organisation in diesen besonders prüden Zeiten auch durchzusetzen?

Hahn: pro familia hatte damals eine sehr, sehr große Unterstützung aus den USA, auch politische Unterstützung, die es überhaupt möglich machte, die ersten Beratungsstellen zu gründen. Mittlerweile hat pro familia deutschlandweit 182 Beratungsstellen und in diesen 60 Jahren natürlich auch sich etabliert in der Bundesrepublik als die Fachorganisation für Sexualität, Familienplanung und Sexualberatung.

Wuttke: Und noch mal auf die 50er-Jahre zurück: Da war zwar die Pille schon erfunden, aber man konnte sie in Deutschland noch nicht kaufen. Also, mit welchem Rat kam man an die Menschen, an die Paare, möglicherweise aber auch an die Singles?

Hahn: Man muss sich die Zeit damals so vorstellen, dass die Menschen auch nach der Zeit des Nationalsozialismus kaum Erfahrung hatten, wie sie verhüten können, weil es verboten war. Es war verboten, Verhütungsmittel zu bewerben und zu verkaufen. Und es begann dann auch die Produktion von Kondomen und es gab ja Möglichkeiten der natürlichen Verhütungsplanung, Familienplanung, und diese Methoden und die Kenntnis über den eigenen Körper waren das, was pro familia am Anfang auch vermittelte. Später dann, in den 60ern – auch die waren ja noch sehr, sehr konservativ –, in den 60er-Jahren, Mitte der 60er-Jahre war die Pille noch außerordentlich schwer zu bekommen, und Ärztinnen und Ärzte empfahlen den Paaren, abstinent zu sein, wenn sie keine Kinder mehr bekommen wollten. Also sozusagen kein Vergleich mit dem, was wir heute haben. Und erst so in den … Ende der 60er-Jahre und 70er-Jahre hat sich das langsam aufgelöst. Und wir kennen ja den Spruch: Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine! Also, der noch mal zum Ausdruck brachte, dass Frauen sagten, sie wollen sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung und treten dafür ein und trauten sich das auch.

Wuttke: Sie haben es gesagt, die Selbstbestimmung der Frauen, das große Thema in den 70er- und 80er-Jahren, der Paragraf 218. Es ging darum, auch zu entscheiden, ein Kind nicht haben zu wollen. Wann wurde denn der Kinderwunsch ein großes Thema wieder in der Bundesrepublik?

Hahn: Ja, der Kinderwunsch ist ein Thema, solange Menschen sich zusammenfinden und eine Familie gründen wollen. Also, insofern war das immer ein Thema. Aber zu der damaligen Zeit war es vor allen Dingen ein Thema, den Kinderwunsch irgendwann mal beendet zu haben, zu sagen, wie machen wir das, dass wir keine Kinder mehr bekommen, und das auch möglichst sicher? Und am besten natürlich ohne Schwangerschaftsabbruch. Und die Fristenregelung in den 70ern beziehungsweise die Indikationsregelung, die 1976 in Kraft trat, die war ja trotzdem sehr restriktiv und auch in den 70er-Jahren fuhren noch viele Frauen nach Holland, um ihren Schwangerschaftsabbruch machen zu lassen. Also, das war ja immer noch eine große Zahl.

Wuttke: Wie sehen Sie das, wenn wir mal den Bogen zum Hier und Jetzt spannen, wie sehen Sie unsere Gesellschaft? Wir haben Stichworte: Reproduktionsmedizin, lesbische Mütter und mit 20.000 eine doch erschreckend hohe Zahl von Teenager-Müttern in diesem aufgeklärten Jahrhundert. Wie passen Fortschritt und Rückschritt zusammen?

Hahn: Das stimmt. Also, pro familia macht ja sehr viel Sexualpädagogik und wir wissen aus den Jugenduntersuchungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass das Wissen und auch die Kompetenz der jungen Menschen gewachsen sind. Und im Vergleich zu anderen Ländern, also, wenn ich das mal vergleichen darf, sind die Teenager-Schwangerschaften in Deutschland noch relativ gering und gehen auch zurück, das ist ein gutes Zeichen. Sie haben aber gleichzeitig auch recht, also, trotz all der Errungenschaften, über die wir verfügen und von denen wir berichten können nach 60 Jahren, gibt es noch eine Reihe von Baustellen und auch diskussionswürdige Themen für die nächsten, ja, mindestens für die nächsten 60 Jahre. Und eins davon, Sie haben es gerade genannt, ist das Thema Reproduktionsmedizin. Das beschäftigt uns ja auch also seit den 80ern, 90ern, 2000ern zunehmend und wird uns auch die nächsten Jahre beschäftigen, weil wir einerseits dafür eintreten, dass Reproduktion und reproduktive Selbstbestimmung ein wesentliches Entscheidungskriterium für Menschen sein soll, also sexuelle und reproduktive Rechte, dafür treten wir ein, und dass wir aber gleichzeitig diskutieren, was hat das für gesellschaftliche Folgen.

Wuttke: Eine gesellschaftliche Folge, mit der haben wir es seit Jahren ganz plakativ zu tun, obwohl das Problem schon viel länger ist, das nennt sich der demografische Faktor. Frau Hahn, die Werbung hat die Senioren zuerst entdeckt, denen geht es mit ihren Renten noch relativ gut, sie sind ein Wirtschaftsfaktor, inzwischen wird auch im Kino das hohe Lied der lebenslustigen Rentner gesungen. Erweitert der demografische Faktor Ihre Beratungsarbeit? Wie stark frequentiert werden Sie von Menschen in gesetzterem Alter, die sich mit Ihnen darüber unterhalten wollen oder beraten lassen, wie sie noch Spaß im Bett haben?

Hahn: Der Anteil steigt und der Anteil steigt aus verschiedenen Gründen. Also, weil sie, wie Sie es gerade gesagt haben, die Problemlagen sich verändern und auch die Vorstellungen über Sexualität im Alter sich verändern. Also, weil Paare nicht mehr glauben, nach 20 Jahren oder nach zehn Jahren wäre das mit der Sexualität vorbei, sondern sich auch ein interessantes sexuelles Leben in ihrem Alter vorstellen. Insofern steigen die Zahlen. Wir haben dazu auch schon einen Fachtag durchgeführt und das Thema wird uns weiter beschäftigen, ist jetzt aber aktuell sozusagen nicht das zentralste Thema von pro familia, weil unser zentralstes Thema gerade wieder – wir hatten das schon mal vor zehn Jahren – das Thema Pille danach ist und wir uns gerade wieder dafür einsetzen, dass die Pille danach auch endlich in Deutschland rezeptfrei zugänglich ist. Das ist sie derzeit mit schlechten Begründungen immer noch nicht und wir wünschen uns sehr, dass Frauen demnächst zur Apotheke gehen können und nach einem … ich sage jetzt mal Verkehrsunfall sich die Pille danach als Empfängnisverhütung danach auch problemlos und schnell in der Apotheke kaufen können.

Wuttke: Sagt Daphne Hahn, die Bundesvorsitzende von pro familia. Die Organisation feiert an diesem 23. Dezember ihren 60. Geburtstag. Ich danke Ihnen schön, wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und natürlich schöne Weihnachten!

Hahn: Bitte, danke, gleichfalls, ja!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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