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Elektronische Welten / Archiv | Beitrag vom 08.11.2006

Pixel statt Druckerschwärze

Tagespresse auf elektronischem Papier

Von Christoph Podewils

Die gedruckte Zeitung könnte schon bald der Vergangenheit anghören (AP)
Die gedruckte Zeitung könnte schon bald der Vergangenheit anghören (AP)

Seit Jahren arbeiten Wissenschaftler an der Entwicklung von elektronischem Papier. Doch im Alltag hat sich diese Technologie bislang nicht durchgesetzt. Das könnte sich bald ändern: In den Niederlanden hat eine Firma ein Gerät entwickelt, das die gedruckte Zeitung überflüssig machen könnte.

Geht es nach dem Niederländer Hans Brons, dann wird die Zeitung in wenigen Jahren nur noch aus einer Seite bestehen – genauer gesagt: Aus einem Gerät, das immer nur eine Zeitungsseite darstellt. Es heißt Iliad und sieht so ähnlich aus wie ein Kreuzung aus Flachbildschirm und Taschenbuch: Ein schwarzes, anderthalb Zentimeter dickes Gehäuse mit ein paar Tasten dran und einer Anzeige, die beinahe die gesamte Fläche einnimmt.

"Es bietet natürlich nicht die gleiche Übersichtlichkeit wie eine Zeitung. Aber um das zu simulieren, woran der Zeitungsleser gewöhnt ist, haben wir uns ein bestimmtes Bedienkonzept überlegt. Die Hauptseite erscheint verkleinert auf dem Schirm. Und indem ich mit dem Stift auf einen bestimmten Artikel auf dem Schirm tippe, wird der gleiche Artikel vergrößert auf dem Schirm dargestellt."

Sagt Hans Brons, der Chef des 20-Mann-Unternehmens Irex im niederländischen Eindhoven ist. Auf den Bildschirm ist der Informatiker besonders stolz. Denn er besteht nicht wie bei einem Laptop aus einem LCD-Display, sondern aus so genanntem elektronischem Papier. Buchstaben und Fotos darauf sehen fast genauso aus wie in der Zeitung. Doch das elektronische Papier kann sich innerhalb einer Sekunde mit neuem Inhalt füllen – lautlos, aber so ähnlich, wie die riesigen Anzeigentafeln auf dem Flughafen.

Die Buchstaben auf dem elektronischen Papier sind aus winzigen Bildpunkten zusammengesetzt, eine Art elektronische Druckerschwärze. Die Bildpunkte bestehen aus Millionen kleiner Kügelchen, die so ähnlich aussehen wie winzige Tischtennisbälle. Nur, dass sie von der einen Seite schwarz und von der anderen Seite weiß sind. Mit elektrischen Signalen lässt sich jedes einzelne Kügelchen wenden. Wo die schwarze Seite oben ist, entsteht ein schwarzer Bildpunkt. Daraus wiederum lassen sich – genauso wie bei einem ganz normalen Monitor – Text und Fotos zusammensetzen.

"Der Bildschirm steht still, er flackert nicht, anders als bei LCD, wo eigentlich 70 Bilder pro Sekunden auf das Auge abgefeuert werden. Das bedeutet, dass die Augen beim Lesen von diesem Schirm kaum angestrengt werden. Daneben ist es so, dass der Schirm Licht genauso reflektiert wie Papier. Er funktioniert daher unter allen normalen Lichtverhältnissen."

Die elektronische Zeitung lässt sich also auch draußen lesen. So wie die Papierzeitung auch, aber anders als ein Laptop, dessen Bildschirm in der Sonne nur noch grau erscheint. Der Hauptvorteil jedoch ist, dass die elektronische Zeitung so aktuell ist wie das Radio oder Onlinedienste. Denn sie kann ständig über Internet mit neuen Inhalten gefüttert werden.

"Im Prinzip ist es so, dass am Morgen oder wann auch immer ein Druck auf diesen Knopf in der Nähe von einem offenen Hotspot oder per Kabel über DSL eine Verbindung zum Internet herstellt. Mit einem Druck auf diesen Knopf wird dann Kontakt aufgenommen mit unserem Server und dort liegt die letzte Ausgabe der Zeitung abrufbereit zum Download. Die kommt automatisch rein, hier sieht man die entsprechenden Ausgaben von einigen Tagen."

Den Zeitungsstapel ersetzt das kleine Gerät also auch noch. Vor allem aber glauben die Erfinder der elektronischen Zeitung, dass sie mit dem Konzept neue Zeitungsleser gewinnen können – zum Beispiel Jugendliche oder besonders mobile Menschen. Schließlich verzeichnen die meisten Zeitungsverlage im Konkurrenzkampf gegen Fernsehen und Internet seit Jahren sinkende Auflagen.

Der Leipziger Journalistikprofessor Michael Haller ist jedoch skeptisch, ob das Konzept so einfach aufgeht.

"Das Hauptproblem ist das Format. Es ist noch zu klein, es ist im Grunde genommen DinA5. Das ist völlig unzureichend, um damit auf den Markt zu gehen."

Bei der belgischen Zeitung "de Tijd" versucht man es dennoch. Zweihundert Abonnenten der Finanzzeitung testen die elektronische Zeitung seit einigen Monaten. Die französische Le Monde zog vor wenigen Wochen nach. Irex erklärt, auch in Deutschland seien Tests mit den 650 Euro teuren Geräten geplant. Doch Journalistikprofessor Michael Haller glaubt nicht, dass es bald dazu kommen wird.

"Soweit ich informiert bin, gibt es derzeit niemanden, der das testen will. Man sagt: lass das doch die Belgier machen. Und dann schaun wir ja und lernen daraus, wie die damit umgehen. Und wenn sich das in drei, vier Jahren als gut erweist, dann kann man immer noch auf den Zug springen. Der fährt ja nicht so schnell, dass man da nicht mehr draufkommt."

Es ist also noch nicht klar, ob der Iliad wirklich die Zeitung der Zukunft ist. Zudem arbeiten auch andere Hersteller am elektronischen Papier. Der japanische Druckerhersteller etwa stellte kürzlich einen Prototyp vor, der fast genauso dick ist wie eine gewöhnliche Zeitung.

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