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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 24.11.2015

Physiker Gerd GanteförQuerdenker in Sachen Klimawandel

Von Thomas Wagner

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Kohlekraftwerk von oben (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Ohne den verstärkten Einsatz von fossilen Energien wie Kohle oder Öl sei ein Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern nicht zu schaffen, sagt Gerd Ganteför. (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Der Energiewende steht er sehr skeptisch gegenüber. Das sogenannte "Zwei-Grad-Klimaziel" hält er für ganz und gar unrealistisch. Und Erderwärmung an sich ist für ihn nichts unbedingt Schlechtes. Der Physiker Gerd Ganteför richtet sich gerne mal gegen vorherrschende Meinungen zum Klimawandel.

"Also, ich hab‘ jetzt hier einen Zettel zusammengestellt mit meinen wichtigsten Thesen, die sind allerdings nur so als Inspiration ..."

Seinen Besuchern drückt der Physiker Gerd Ganteför in seinem kleinen Büro an der Uni Konstanz gerne ein DIN-A-4-Blatt in der Hand:

"Das Zwei-Grad-Ziel ist auf keinen Fall zu halten."
"Der Mensch ist kostbarer als die Natur. Die Natur ist kein Paradies. Freiheit ist ein höheres Gut als Klima- oder Umweltschutz."
"Ein Umstieg auf erneuerbare Energien ist gleichbedeutend mit dem Ausstieg aus der Industrie- und Konsumgesellschaft."

"Das Klimasystem ist so etwas wie ein gigantischer Supertanker. Wenn Sie den in irgendeine Richtung losgeschoben haben, und das auch noch mit Schwung, dann läuft er weiter, der Supertanker Klima. Und jetzt läuft er in Richtung Erwärmung."

Und genauso wenig, wie ein Steuermann mit einem Supertanker von einem Moment zum nächsten eine 180-Grad-Kehrtwende steuern kann, lasse sich der Prozess der Erderwärmung so ohne weiteres stoppen. Dies sei, sagt der Konstanzer Physiker, eine große Illusion – genauso wie es eine Illusion sei, mit regional begrenzten Instrumenten wie der deutschen Energiewende der globalen Erderwärmung beizukommen. Auf die meisten anderen Länder sei dieses Modell nämlich nicht übertragbar.

"Die Energiewende beim Strom allein kostet so um die 100 Milliarden Euro. Und das ist das gesamte Bruttoinlandsprodukt von Bangladesch. Bangladesch ist eines der ärmsten Länder der Welt und hat mit 160 Millionen Menschen doppelt so viele Einwohner wie Deutschland. Das würde deren gesamtes Geld auffressen. Und das ist nur die Energiewende beim Strom. Da reden wir noch nicht vom Benzin der Autos. Das heißt: Bangladesch wird auf gar keinen Fall eine Energiewende nach deutschem Beispiel durchführen und auch nicht Nigeria oder andere arme Länder."

Es nutzt alles nichts, meint Gerd Ganteför: Die Weltgemeinschaft müsse sich ernsthaft fragen, ob sie noch die richtigen Schwerpunkte setzt.

"Die Idee, das Klima an oberste Stelle der Prioritätenliste zu stellen, ist von vornherein falsch. Solange wir nicht Armut und Bevölkerungswachstum in den Griff bekommen, und das bekommen wir nur über Wirtschaftswachstum in den Griff, so lange macht es wenig Zweck, internationale Vereinbarungen zu halten."

Ohne fossile Energien kein Wirtschaftswachstum

Wirtschaftswachstum in Schwellenländern sei aber ohne den verstärkten Einsatz von fossilen Energien wie Kohle oder Öl nicht zu machen. Dass dies die Erderwärmung weiter vorantreibe, stellt Querdenker Ganteför gar nicht in Abrede. Doch die Folgen hält er bei weitem nicht für so dramatisch, wie dies häufig dargestellt werde.

"In 100 Jahren wird es meines Erachtens wirklich zu warm werden. Weil: Wir werden die CO2-Emissionen sowieso nicht in den Griff bekommen. Mit einem Meter Anstieg müssen wir sowieso leben. Dann brauchen wir technische Maßnahmen, um das Klima zu kühlen."

Verbesserter Küstenschutz in Form von Deichbau sei die erste dieser "technischen Maßnahmen". Dann allerdings müsse sich die Wissenschaft etwas einfallen lassen. Der Professor hat bereits eine Idee.

"Zum Beispiel künstlich mehr Wolken zu erzeugen. Also wir brauchen nur ein Prozent mehr Wolken. Dann würden wir die von Menschen gemachte Klimaerwärmung durch die Rückstrahlung durch die weißen Wolken, also die Sonnenstrahlung wird reflektiert, kompensieren."

Mit solchen strittigen Thesen gibt der Konstanzer Physiker nicht nur den Querdenker. Er eckt auch mächtig an.

"Oh, ich werde beschimpft ..."

Das hält ihn aber nicht davon ab, an seinen Thesen festzuhalten.

"Ich bin ein Querdenker! Und da solle es noch viel mehr geben. Und die sollten auch viel mehr Gehör finden. Denn das ist Demokratie. Wenn alle dasselbe denken, dann stimmt etwas nicht."

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