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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.04.2011

Philosophisches Bastelbuch

Hanno Depner: "Kant für die Hand", Knaus Verlag, München 2011, 48 Seiten

Die Denkgebäude Immanuel Kants können jetzt als Pappwürfel nachgebaut werden. (AP)
Die Denkgebäude Immanuel Kants können jetzt als Pappwürfel nachgebaut werden. (AP)

Transzendentale Methodenlehre? Postulate des empirischen Denkens? Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft" zählt zu den wichtigsten und zugleich schwierigsten Texten der Philosophiegeschichte. Und weil das Verstehen oft mit dem Begreifen im wörtlichen Sinne einhergeht, hat Hanno Depner einen spielerischen, dreidimensionalen Zugang zu Kants kritischer Gedankenwelt konzipiert.

Kann man Philosophie basteln? Ja, man kann, sagt Hanno Depner, 1973 geborener freier Philosoph. Wichtig jedoch ist, Flüssigklebstoff zu verwenden, sonst hält das Ganze nicht richtig zusammen. Und natürlich braucht man den Mut, sich nicht nur des eigenen Verstandes, sondern auch der eigenen Geschicklichkeit zu bedienen. "Kant für die Hand" ist tatsächlich ein philosophisches Bastelbuch: gut vierzig Seiten Text, dazu zwölf Bastelbögen mit insgesamt dreißig Pappbauteilen.

Gebastelt werden soll Immanuel Kants Hauptwerk, die "Kritik der reinen Vernunft", in der der Königsberger Philosoph 1781 den Prozess menschlicher Erkenntnis untersucht. In acht kurzen theoretischen Kapiteln erklärt Hanno Depner, wie Kant dabei den Fokus nicht mehr auf die Dinge richtet, sondern darauf, wie der Mensch die Dinge wahrnimmt und über sie urteilt. Eine kopernikanische Wende, die die damals existierenden philosophischen Meinungen auf den Kopf stellt.

Hanno Depner schreibt das alles klar und verständlich, und trotzdem bedarf es oft kurzer Pausen, um das Gelesene nachzuvollziehen. Kant ist eben kompliziert. Und dann gibt es ja auch noch den praktischen Teil des Buches. In jedem Kapitel gibt Hanno Depner Bastelanleitungen, die ebenfalls eine Menge Ausdauer erfordern. Etwa wenn es darum geht, die Schubladen der kantischen Kategorientafel zusammenzubauen, und es lapidar im Buch heißt, man solle jetzt die Klebeflächen 15 bis 46 miteinander verbinden.

Allein dieser Arbeitsschritt dauert mit Falten und Drehen und Kleben eine gute halbe Stunde. Doch so hat man, während man zwei Teile festhält, bis der Leim trocken ist, genug Zeit, über Kants Unterscheidung zwischen "quantitativen" und "qualitativen Urteilen" nachzudenken.

Ist das Buch auf diese Weise durchgearbeitet, entsteht nach drei Stunden reiner Bastelzeit ein neun Mal neun Zentimeter großer Würfel, der es in sich hat. Mit einer Lasche wird die "Transzendentale Elementarlehre" herausgeklappt, und nun lässt sich der Prozess der menschlichen Erkenntnis, wie Kant ihn beschrieben hat, Schritt für Schritt nachvollziehen. Ausgehend vom "Ding an sich" an der Würfelunterseite folgt man einer schwarzen Linie ins Innere des Würfels, zur Ästhetik. Darin untersucht Kant die Sinne und ihre Fähigkeit etwas wahrzunehmen, was immer nur – das zeigt sich links und rechts im Würfel – in den Formen von Raum und Zeit geschehen kann.

Die Kategorien und Grundsätze, in die der Verstand diese Sinneseindrücke ordnet, sind im Würfel als ausklappbare Denk-Schubladen dargestellt. Und die Ideen Gottes, der Seele und der Welt, die die Grenzen der menschlichen Erfahrung zwar übersteigen, aber dem Denken eine Richtung geben – so zumindest Kant –, lassen sich bei Hanno Depner wie Sprungfedern aus dem Würfelinneren ziehen.

Durch diese Verbindung von kantischem Inhalt und gebastelter Form haucht der "Würfel der Erkenntnis" der "Kritik der reinen Vernunft" tatsächlich Leben ein. Es ist eben etwas anderes, sich als Leser in einem philosophischen Standardwerk ein weiteres der vielen Schaubilder zu Kants "Kritik" anzuschauen – oder, wie bei Depner, eine selbst gebastelte Denk-Schublade aufzuziehen und darin ein passendes Beispiel zu finden.

Dieses lebendige, spielerische Moment macht Hanno Depners Buch zu einem faszinierenden und geistreichen Einstieg in die erste, die grundlegende von Kants drei "Kritiken". Und auch wenn von einem tieferen Verständnis des Werks kaum gesprochen werden kann – "Kant für die Hand" hilft dem Leser, einige der zentralen Begriffe zu verstehen und die Ordnung des Denkgebäudes zu begreifen. Als Nächstes sollte sich Hanno Depner Hegels "Phänomenologie des Geistes" vornehmen.

Besprochen von Marcus Weber

Hanno Depner: Kant für die Hand. Die "Kritik der reinen Vernunft" zum Basteln & Begreifen
Knaus Verlag, München 2011
48 Seiten, 19,99 Euro

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