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Sein und Streit | Beitrag vom 03.01.2016

Philosophischer WochenkommentarNeujahrsvorsätze und falsche Versprechen

Von David Lauer

Ein Mann zündet sich eine Zigarette an. (picture alliance / dpa / Wladimir Smirnov)
Beliebter Vorsatz: das Rauchen aufzugeben im neuen Jahr. (picture alliance / dpa / Wladimir Smirnov)

Nicht weniger als die philosophische Theorie des Neujahrsvorsatzes lieferte Jean-Paul Sartre in "Das Sein und das Nichts". Mit Blick auf die Zukunft sei der Mensch frei. Zugleich sei er sich seiner Vergangenheit bewusst. Können Vorhaben also trotz früherer gescheiterter Versuche klappen?

Und, gute Vorsätze fürs neue Jahr gefasst? Mit dem vegetarischen Leben endlich nicht mehr nur kokettieren. Mit dem regelmäßigen Laufen jetzt aber wirklich ernst machen. Die Wochenenden nicht mehr mit Arbeit zustopfen, ab sofort mehr Zeit mit den Kindern verbringen, und endlich, endlich zu der verdammten Krebsvorsorge. Nein? Ach, Sie wissen schon, dass Sie sich nie an Ihre eigenen Neujahrsvorsätze halten? Trösten Sie sich. Sie sind nicht allein.

Wir wissen nicht, ob Jean-Paul Sartre je in einer Silvesternacht theatralisch die Kippe seiner letzten, der wirklich allerletzten Gauloises vom Balkon geschnippt hat, nur um am Dreikönigstag schon wieder trotzig rauchend im Café zu sitzen. Aber sein Kapitel über die "Unwahrhaftigkeit", die "mauvaise foi", in "Das Sein und das Nichts" liefert nicht weniger als die philosophische Theorie des Neujahrsvorsatzes überhaupt.

Die menschliche Existenz, so Sartre, ist einerseits Freiheit. Der Mensch vermag bewusste Entscheidungen zu treffen, und er bestimmt sich und sein Leben mit Blick auf die Zukunft aktiv selbst Aus seiner Vergangenheit her jedoch ist er immer schon ein bestimmter Mensch geworden. Er ist das Produkt seines Milieus und seiner Biografie. Sartre bezeichnet diese beiden Momente als "Transzendenz" und "Faktizität" des menschlichen Seins.

Und in der Silvesternacht kollidieren Transzendenz und Faktizität: Wir wollen uns ernsthaft vornehmen, unser Leben zu ändern. Und sind uns zugleich aller früheren, gescheiterten Vorsätze nur zu bewusst. Deshalb glauben wir uns unsere eigenen Versprechungen schon in dem Moment nicht mehr, wo wir sie machen. Diese prekäre Situation kann man ironisch erträglich machen, aber nicht auflösen. Denn tatsächlich können wir keines der beiden Momente zugunsten des anderen fallen lassen.

Mutwillig die Augen verschließen

Man kann sich nicht selbstherrlich auf die Transzendenz berufen, also die Freiheit, etwas anderes zu werden, und die eigene Faktizität, also das, man schon geworden ist, einfach beiseite wischen. Nach dem Motto: "Dann habe ich halt jedes meiner bisherigen Versprechen gebrochen – na und? Was hat das damit zu tun, dass ich hier und jetzt ein neues gebe?" Wer so redet, der verschließt mutwillig die Augen vor der Einsicht in seine eigene Willensschwäche.

Man kann sich aber auch nicht bequem in seiner Faktizität einrichten. Etwa indem man sagt: "Ich bin nun einmal so, wie ich bin. Ich weise Dich gleich darauf hin, dass auf meine Versprechen nicht viel zu geben ist. Du bist also selbst schuld, wenn Du Dich auf mich verlässt." Was sich hier als schonungslose Ehrlichkeit aufspielt, ist in Wahrheit nur ein selbstausgestellter Freibrief für die Flucht aus der Verantwortung für das eigene Handeln. Man versteckt sich hinter seiner angeblichen schlechten Veranlagung, für die man nichts kann; man zeigt in gespielter Hilflosigkeit auf sich selbst und hofft dadurch der moralischen Verurteilung zu entgehen. Schlimmer, am Ende verlangt man noch, dafür gelobt zu werden, dass man sich so schonungslos den eigenen Defiziten stellt.

Aber genau darin bestehtdie Unwahrhaftigkeit. Denn man stellt sich seiner Faktizität, also dem, was man geworden ist, nicht, indem man sie als objektive Tatsache registriert und so auf Abstand hält. Vielmehr geht es genau darum, diese Faktizität auf sich zu nehmen und Konsequenzen für das eigene Handeln aus ihr abzuleiten. Die entschlossene Übernahme der Verantwortung für das eigene Leben ist jedoch kein punktueller Akt, sondern eine Lebensweise; nicht eine einzelne Handlung, sondern eine Form des Handelns überhaupt. Sie zeigt sich nur in ihrer Bewährung in den Momenten, in denen es darauf ankommt. Der Wille, sie in der Silvesternacht auf Beschluss herbeizuführen, läuft gewissermaßen leer und bleibt deshalb meistens folgenlos. Wenn Sie also jetzt schon wieder Ihre Gauloises rauchen – Sie sind nicht allein.

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