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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.10.2012

Philosophiebuch für Pubertierende

Buchempfehlung Oktober - Oscar Brenifier: "Was, wenn ich nicht der wäre, der ich bin?"

Dieses magisch-tiefe Buch macht Lust auf die Vielfalt der Charaktere.
Dieses magisch-tiefe Buch macht Lust auf die Vielfalt der Charaktere. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Nach dem großen Erfolg ihres Bildbandes "Was, wenn es nur so aussieht als wäre ich da?", das sich in Grundmotive philosophischen Fragens vertiefte, legen der Autor Oscar Brenifier und sein Grafiker Jaques Després wieder ein Nachdenkbuch vor. Darin geht es um die Vielfat menschlicher Gefühle, ihrer Stärken und Schwächen - ohne jemals zu werten.

Bin ich ein kompliziert denkender Mensch, der sich manchmal in Gedanken verheddert? Oder lebe ich einfach, grüble wenig und scheine bisweilen sogar naiv? Neige ich zum Idealismus, berausche mich an großen Ideen und stürze in tiefe Enttäuschung, wenn meine Träume zerplatzen? Oder bin ich ein Realist, der alles prüft - und wenn die Welt eine Vision braucht, dann bitte nicht von mir?

Nach dem großen Erfolg ihres Bildbandes "Was, wenn es nur so aussieht als wäre ich da?", das sich in Grundmotive philosophischen Fragens vertiefte, legen Autor Oscar Brenifier und Grafiker Jaques Després ein weiteres Philosophiebuch für Kinder ab 12 Jahren vor. Farbenfroh-formatfüllende Illustrationen, begleitet von knappen, intensiven Texten, die sich philosophischen Gegensatzpaaren widmen, diesem Erfolgsrezept bleiben die Autoren treu. Ihre Reflexionen umkreisen nun das Thema "Wer bin ich?" - ein dankbarer Stoff für Kinder an der Schwelle zur Pubertät.

Wie denkt, wie fühlt, wie handelt der Beständige im Vergleich zum Wechselhaften? Was bewegt den Sinnlichen im Vergleich zum Intellektuellen? Wie nimmt der Grübler seine Welt wahr, wie der Gelassene? Eine Spur geradliniger als im ersten Band - was möglicherweise auf die neue Übersetzerin zurückgeht -, lotet Oscar Brenifier unterschiedliche Grundformen des Selbst- und Welterlebens aus. Mit wenigen Federstrichen erweckt er ganze Welten voller Stärken und Schwächen, nobler Wesenszüge und heimlicher Ego-Abgründe zum Leben.

Den philosophischen Raum, den die Texte eröffnen, transponiert Jacques Després in luftig-leichte, wunderbar treffsichere Illustrationen. Von Licht und Schatten umspielt, spazieren anmutige Grafik-Persönchen durch dreidimensionale Szenerien, in denen sie symbolisch erfahren, wovon die Texte erzählen. Da platziert sich der Temperamentvolle auf einem Podest, reckt stolz seine Arme in die Höhe und genießt die Exposition. Auf der Nachbarseite sieht man das Podest verwaist in einem leeren Raum. Am Bildrand wagt der Zurückhaltende einen schüchternen Blick, die Knopfaugen voller Skepsis. In einem anderen Kapitel zeichnet der Ernsthafte für seine Freunde ein Kreide-Hüpfspiel aufs Straßenpflaster, akkurat Quadrat neben Quadrat. Der Verspielte ein Blatt weiter verwandelt mit der Kreide grinsend noch die Schultafel in eine bunte Fantasie-Landschaft. Auch Grafik-Mädchen tauchen in dieser Bilderwelt auf. Was für eine Wohltat, denn die Texte verwenden, kaum zu glauben im Jahr 2012, ausschließlich die männliche Form.

Einmal mehr ist dem Autoren-Duo ein großer Kinderbuch-Wurf gelungen - ein magisch-tiefes Büchlein voller Ernsthaftigkeit, Humor und Hintersinn. Allein wegen seiner menschenfreundlichen Botschaft wird man es immer wieder gern zur Hand nehmen: Vielfältig sind wir, neigen mal hierhin, mal dorthin. Heute regiert uns der innere Roboter, morgen ein gefühlvoller Instinkt. Moralische Bewertungen? Oscar Brenifier und Jacques Després brauchen sie nicht - eine befreiende Botschaft für Suchende in jedem Alter.

Besprochen von Susanne Billig

Oscar Brenifier: Was, wenn ich nicht der wäre, der ich bin?
Aus dem Französischen von Anja Kootz
Gabriel Verlag, Stuttgart 2012
64 Seiten, 14,95 Euro