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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.09.2011

Philosoph mit Pranke

Sibylle Lewitscharoff: "Blumenberg", Suhrkamp Verlag, 216 Seiten

Lewitscharoff spielt mit dem Kunstgriff der Löwen-Erscheinung. (AP)
Lewitscharoff spielt mit dem Kunstgriff der Löwen-Erscheinung. (AP)

Ein Professor, seine Studenten - und ein metaphysischer Löwe: Mit ihrem eigenwilligen Campus-Roman "Blumenberg" festigt Sibylle Lewitscharoff ihren Rang als eine der stärksten Stilistinnen der deutschen Gegenwartsliteratur.

Der Löwe ist das metaphysische Wappentier in Sibylle Lewitscharoffs "Blumenberg" – der Sendbote einer anderen Welt, ein Stellvertreter des Absoluten. Und beinahe ein Wunder ist es, wie beschreibungsmächtig die Autorin der Schimäre Präsenz verleiht. Der Löwe liegt als "Zuversichtsgenerator" in der Nähe, wenn der Philosoph Blumenberg die Nächte durch diktiert, und verbreitet seine "wie obenhin verschwebende geruchliche Schärfe". Er trottet aber auch – unsichtbar für gewöhnliche Kommilitonen des Lebens – bei Blumenbergs Vorlesungen durch den Mittelgang. Nur noch die alte Nonne Käthe Meliss, eine der vielen reizvollen Nebenfiguren, besitzt die gewisse Löwensichtigkeit.

In den Vorlesungen sitzt die ebenso zarte wie hochfahrende Studentin Isa, unerbittlich in ihren Professor verliebt. Kurz darauf überrascht sie nicht nur ihre Familie und Freunde, sondern auch den Leser mit ihrem brutalen Selbstmord. Übel erwischt es auch den stagnierten Doktoranden Richard: In einem heruntergekommenen Winkel Brasiliens wird ihm ein Messer ins Herz gerammt. Nein, es geht es nicht gut aus für die Blumenberg-Studenten in diesem eigenwilligen Campus-Roman. Ein Reigen makabrer Todesfälle bildet Kontrapunkte zum feingeistigen Hauptthema. Eine Zwei-Welten-Theorie des deutschen Universitätsbetriebs macht sich geltend: Hier der Herr Professor, dort seine Studenten, und beide Seiten ganz für sich. Im letzten Kapitel allerdings, im Reich der postmortalen Schemen und Lufttäuschungen, werden sie noch zusammengeführt.

"Blumenberg" ist eine Hommage auf einen Geisteswissenschaftler, der kein "philologischer Raspelwerker" war, sondern ein "Weltbenenner", der eine Pranke hatte. Bei aller Lizenz zum Fabulieren ist die Darstellung der Blumenberg-Figur aber niemals blumig. Genau ist das Münsteraner Lokalkolorit und das intellektuelle Kräftefeld aufgeführt, letzteres etwa mit dem klugen Gesprächspartner Joachim Ritter, dem übermächtigen Rivalen Jürgen Habermas und dem Religionswissenschaftler Jacob Taubes, der in Dahlem Jünger sammelt. Dass dem Metaphern-Denker Blumenberg eine Metapher mitten ins Leben tritt – auch dies ist äußerst sinnfällig erfunden.

Metaphysische Spekulationen gehören nicht gerade zu den vorderen Interessen der Gegenwartsliteratur, und wo sie vorkommen, beschweren sie oft die Handlung wie Ballast, anstatt erhebende Wirkung zu entfalten. Der Kunstgriff der Löwen-Erscheinung ermöglichst Lewitscharoff dagegen etwas Außerordentliches: luftiges Transzendieren der Wirklichkeit und die literarische Behandlung theologisch-philosophischer Fragen, ohne dass die Bodenhaftung der literarischen Anschaulichkeit je verloren ginge. So leichthändig ist das vielleicht zuletzt in Thomas Manns Josephs-Tetralogie gelungen, einem der wichtigsten literarischen Bezüge des kleinen Romans. Die vielfältigen Löwenanspielungen sind mal hochbedeutsam, mal spaßig – und reichen von der christlichen Ikonografie bis zur profanen Löwenbräu-Anzeige.

Vor allem überzeugt diese Blumenberg-Fantasie durch die gewitzte, bildkräftige, präzis-preziöse Sprache, mit der Lewitscharoff ihren Rang als eine der stärksten Stilistinnen der deutschen Gegenwartsliteratur festigt.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Sibylle Lewitscharoff: Blumenberg
Roman
Suhrkamp Verlag
216 Seiten, 21,90 Euro

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