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Religionen / Archiv | Beitrag vom 13.08.2011

Pfarrerflucht aus der DDR

Die Ausreise war leicht, aber im Westen drohte Berufsverbot

Von Michael Hollenbach

Viele Ost-Pfarrer waren über die Situation in der DDR unzufrieden. (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)
Viele Ost-Pfarrer waren über die Situation in der DDR unzufrieden. (dpa / picture alliance / Roland Holschneider)

Zu den Menschen, die es nach dem Mauerbau in den Westen zog, gehörten Hunderte von Pfarrern. Der SED waren sie ein Dorn im Auge, deshalb ließ man die meisten ziehen. Ihre Ordinationsurkunde blieb aber in der DDR.

Albrecht Nasdala war Pfarrer in dem Dorf Gerswalde in der Uckermark. In den 80er-Jahren wuchs seine Unzufriedenheit mit der Situation in der DDR und auch die Kritik an seiner Landeskirche in Berlin.

"Viele Bekannte, Freunde, Familienangehörige haben die DDR verlassen (..) mir ging es so, dass ich empfand, dass die Kirche sich immer mehr dem Staat DDR anbiederte."

Albrecht Nasdala sympathisierte mit den Oppositionsgruppen. Der Sänger Stephan Krawczyk und die Bürgerrechtlerin Freya Klier traten im Herbst 1988 in seiner Gemeinde auf. Da hatte der Pfarrer bereits seinen Ausreiseantrag gestellt.

Auch Martin Brunnemann hielt es in der DDR nicht mehr aus. Er war bis 1984 Pfarrer in der Lausitz, in der Kleinstadt Forst. Bevor er bei den DDR-Behörden seinen Ausreiseantrag stellte, fuhren er und seine Frau nach Cottbus, um der Kirchenleitung zu erläutern, warum sie in den Westen wollen.

"Da war die Antwort: wenn Sie das tun, dann verlieren Sie Ihren Dienst, sobald Sie den Antrag gestellt haben. Dann haben wir gesagt: Gut, dann stellen wir ihn nächste Woche."

Im Dezember 1984 erhielt Martin Brunnemann die staatliche Erlaubnis, mit seiner Frau und den vier Kindern in die Bundesrepublik auszureisen. Doch bevor er abreiste, erhielt er noch einmal kirchlichen Besuch.

"Dann erschien der Superintendent und sagte, er wolle meine Ordinationsurkunde haben. Da habe ich ihm gesagt, die gebe ich ihm nicht, denn über meinen Fall ist in der Kirchenleitung noch nicht verhandelt worden."

Doch als Martin Brunnemann schon im Westen war, musste er seine Ordinationsurkunde per Post an seine Landeskirche zurückschicken. Das bedeutete zumindest ein zeitweiliges Berufsverbot, wie bei fast allen der weit über 100 Pfarrer, die der DDR seit dem Mauerbau den Rücken kehrten. Ohne Ordinationsurkunde und damit ohne Ordinationsrechte bekam keiner von ihnen im Westen eine Pfarrstelle. Für Harald Schultze, jahrelang Mitglied der Leitung der evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, war dieses zeitweilige Berufsverbot völlig legitim.

"Ich denke, dass ist gerade im Hinblick auf die Situation in den Gemeinden und die vielen Übersiedlungswünsche, die es bei Gemeindegliedern gab und nicht erfüllbar waren, war dieses eine Selbstverständlichkeit."

Das Einziehen der Ordinationsurkunde war nicht nur eine Abschreckungsmaßnahme, sondern auch eine Bestrafung, sagt der Magdeburger Harald Schultze. Denn ohne Zustimmung der Kirchenleitung dürfe ein Pfarrer nicht einfach gehen.

"Das Berufsverständnis des Pfarrers ist grundsätzlich dieses, dass der Pfarrer sich verpflichtet hat in der Ordination für sein ganzes Berufsleben (..) der Gemeinde zu dienen, dies auch in allen Notsituationen zu tun, die Gemeinde zu begleiten."

Auch Martin Brunnemann hat diesen Vorwurf, er habe seine Gemeinde im Stich gelassen, zu hören bekommen.

"Johannes 10 wurde natürlich zitiert: der Mietling, der falsche Hirte."

"Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe."

"Ich fand das sehr lieblos, mit diesen auch falsch exegesierten Bibelstellen noch Menschen tot zu schlagen, die in schweren Überlegungen sind."

Es ging aber nicht nur um Berufung und Beruf des Pfarrers. Bei Martin Brunnemann wie bei Albrecht Nasdala spielte auch die Zukunft ihrer Kinder eine große Rolle. Pfarrerskinder hatten es in der DDR meist schwer. So wurde Albrecht Nasdalas älteste Tochter, die nicht zu den Pionieren ging, von der Lehrerin ausgegrenzt.

"Wir haben es erlebt diese Militarisierung der Kinder. Sie kam öfter nach Hause und hat gesagt, wir haben ein neues Lied gelernt, und dann war das irgendein Soldatenlied."

Martin Kruse, von 1977 bis 1994 Berliner Bischof, kennt solche Fälle wie die von Albrecht Nasdala und Martin Brunnemann.

"Da hat es immer wieder Härten gegeben, weil die Betroffenen der Überzeugung waren, ihr Verbleiben unter den Bedingungen der DDR wäre unverantwortlich gewesen, weil sie nicht nur mit dem Staat, sondern auch mit der eigenen Kirchenleitung in Schwierigkeiten geraten waren."

Doch die westdeutschen Landeskirchen hielten sich an die Vorgaben ihrer ostdeutschen Partnerkirchen. Die Pfarrer, die ohne ausdrückliche Erlaubnis ihrer Kirchenleitung in den Westen übersiedelten, erhielten für mindestens zwei, drei Jahre keine Anstellung.

Kruse: "Irgendwo war man selbst hin und hergerissen, weil man sah, eine Theologe ist auch nicht so einfach woanders einzusetzen, und wer dann mit einem Bild vom reicher Westen hier hergekommen ist, der meint, das muss doch alles möglich sein. Da empfinde ich im Rückblick schon, in welchen unangenehmen Situationen man schon war, weil einem die Familie, die Kinder und auch der Pfarrer Leid taten."

Auch wenn Albrecht Nasdala seine Ordinationsurkunde in Ost-Berlin hatte abgeben müssen, hatte er zunächst doch die Hoffnung, im Westen wieder als Pfarrer arbeiten zu dürfen.

"Wir haben uns dann als erstes an die rheinische Landeskirche gewandt, wo man mir gesagt hat, man hätte für mich überhaupt keine Verwendung, ( ... ) dann haben wir unsere Bewerbungen an alle möglichen westdeutschen Landeskirchen geschickt, ( ... ) und überall haben wir abschlägige Antworten erhalten."

Auch Martin Brunnemann erhielt nur Ablehnungen:

"Es gab auch solche Kirchen wie Hessen-Nassau, da wurde mir geschrieben, wir würden Sie noch zwei Jahre dazu verknacken. ( ... ) Verräter werden so behandelt. ( ... ) also ich bin behandelt worden wie ein Hund."

Martin Brunnemann war zunächst arbeitslos, bevor er in einem christlichen Jugenddorfwerk als Sozialpädagoge arbeiten durfte. Einen Weg, den viele ehemalige DDR-Pfarrer nach ihrer Übersiedelung beschritten.

Alt-Bischof Martin Kruse: "Man versuchte schon, in der Diakonie oder der Schule eine Auffangmöglichkeit zu schaffen. Das war natürlich immer ein ungesicherter Status."

Martin Brunnemann erhielt erst fünf Jahre nach seiner Übersiedelung die Ordinationsrechte zurück, und Albrecht Nasdala musste, obwohl es die DDR schon gar nicht mehr gab, noch bis 1994 warten, bis er eine Pfarrstelle in der westfälischen Landeskirche antreten konnte.

Sammelportal 50 Jahre Mauerbau

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