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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 09.11.2015

Peter Longerich: "Hitler. Biographie" Hitler als Machwerk der Reichswehr

Von Philipp Schnee

Adolf Hitler hält während des Dritten Reiches (1933-1945) eine Rede. (Undatierte Aufnahme). (picture-alliance / dpa)
Adolf Hitler gelang längst nicht alles, was er sich vornahm - vielmehr zeigte er sich sehr flexibel mit seinen Zielen, schreibt Peter Longerich. (picture-alliance / dpa)

Peter Longerich hat nicht nur eine Hitler-Biografie vorgelegt, er liefert damit zugleich eine beeindruckende Studie des Nationalsozialismus. Präzise analysiert er, wie Hitler von "äußeren Kräften" zum Propagandisten gemacht wurde und wie sein Herrschaftssystem funktionierte.

Adolf Hitler ist nicht nur in Deutschland medial omnipräsent und meist nervt das nicht nur historisch Interessierte. Daher wundert man sich schon über sich selbst, wenn man beim Lesen einer Hitler-Biografie feststellt, dass man gerne mehr Hitler im Buch hätte. Hier ist es passiert: Peter Longerichs trocken und nüchtern "Hitler. Biographie" betiteltes Buch ist eben genau das nicht: eine Biografie. Vielmehr ist es eine Geschichte des Nationalsozialismus, eine, das ist zu betonen, sehr profunde, detailreiche, die zwar mit keiner Großthese daherkommt, deren Interpretationen und Nuancierungen sich aber anzuschauen lohnt.

Adolf Hitler ist bei Peter Longerich nie eine geniale Führergestalt, nie ein außergewöhnliches Naturtalent, nie ein Künstlerfeldherr. Hitler ist, so Longerich, lange Zeit "ein Niemand". Sein Weg in die Politik sei nicht auf sein berühmtes Diktum "Ich aber beschloss, Politiker zu werden" zurückzuführen. Vielmehr wurde der Politiker und Propagandist Hitler gemacht, von "äußeren Kräften". Longerich schreibt: 

"Hitler wurde von der Münchner Reichswehr zum Propagandisten ausgebildet und in dieser Funktion der Deutschen Arbeiterpartei zugeteilt. Dahinter standen konkrete politische Erwägungen."

Selten in solcher Deutlichkeit dargestellt

Hitler als Zögling, als Machwerk rechtsextremer-völkischer Kreise vor allem in der Reichswehr, die ihn erst in die Spur seiner dann steilen, außergewöhnlichen Politik-Karriere hieven, das beschreibt Longerich sehr schlüssig. Und das ist in dieser Deutlichkeit selten so dargestellt worden.

Auch ist bei Longerich der Führer kein Verführer, die Macht über das Volk erklärt sich bei ihm nicht aus Hitlers Charisma, sondern vor allem aus den "Machtmitteln der Diktatur". Longerich ist es wichtig, zu zeigen, dass diese Herrschaft in seiner Lesart kein Selbstläufer war, Hitler sich nicht der Gefolgschaft der Mehrheit der Deutschen sicher sein konnte, diese Zustimmung allerdings auch nicht benötigte. In Longerichs Interpretation herrscht Diktatur. Und das Volk wird beherrscht.

Das Herrschaftssystem Hitlers beschreibt Longerich recht klassisch. In diesem Staat waren die "funktionalen Mängel Voraussetzung für seine eigene Omnipotenz". Eine direkte, persönliche Führung bis hinein ins Tagesgeschäft. Dies detailliert nachzuweisen, ist Longerich ein großes Anliegen. Dabei agierte Hitler in seinen kurz- und mittelfristigen Zielsetzungen äußerst flexibel. Und Hitler gelingt längst nicht alles, immer wieder scheitern sein weitreichenden Pläne und Versuche. Dabei war einer seiner wesentlichen Charakterzüge, so Longerich, Niederlagen nicht akzeptieren zu können. Stets folgte die Flucht in Fantastereien und megalomane Großprojekte. Und je größer Hitlers Macht wurde, umso realer wurden diese Phantastereien für die für ihn beherrschten Menschen, eine "besondere Kombination aus absoluter Fixierung auf ein utopisches Ziel und zum Teil skrupelloser Flexibilität".

Es fehlt am lebenden Objekt 

Leider aber, wie oben angedeutet, fehlt es in diesem mächtigen Buch an eindrücklicher Charakterisierung des Protagonisten, es fehlt am lebenden Objekt. Ein paar mal häufiger wäre man schon gerne zu Gast auf dem Obersalzberg oder im Führerhauptquartier, im Hinterzimmer des Regimes. Denn man erfährt zwar sehr detailreich und präzise geschildert, was Hitler tat, wie er sein Reich regierte, aber nicht warum. Und gerade das erhofft man sich von einer umfassenden, über tausendseitigen Biografie schon: einen Eindruck vom Protagonisten.

Dabei kennt Peter Longerich sich mit Biografien aus, hat das Leben der NS-Größen Himmler und Goebbels in weithin beachtete Bücher gepresst.

Der Vorteil dieser extrem nüchternen und farblosen Darstellung: Longerich vermeidet das Rauschhafte, von dem manch anderer Historiker sonst in fasziniertem Grusel davongetragen wird. Er tappt nicht in die "Hitlerfalle", nicht in eine küchenpsychologische Gutachterhaltung vom Genie und Künstlerfeldherrn, dem alles gelingt.

Ihm bleibt es erspart, davongetragen zu werden und voyeuristisch die Verschrobenheit eines wahnsinnigen Verführungstalentes zu begaffen. Schäferhunde und Vegetariertum werden nicht mal erwähnt. Longerich schreibt über einen Teil, einen sehr grausamen und brutalen Teil, der deutschen Geschichte: den Nationalsozialismus.

Peter Longerich: "Hitler. Biographie"
Siedler Verlag
1296 Seiten; 39,95 Eur

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