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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.06.2013

Permanente Umarmungstaktik

Stefan Bachmann eröffnet mit "Der Parasit" die Mannheimer Schillertage

Von Christian Gampert

"Der Parasit" in Mannheim mit Ahmad Mesgarha (links), Torsten Ranft, Philipp Lux (rechts) (David Baltzer)
"Der Parasit" in Mannheim mit Ahmad Mesgarha (links), Torsten Ranft, Philipp Lux (rechts) (David Baltzer)

Der eher selten gespielte "Parasit", ein Lustspiel um einen gerissenen Plagiator, ist in der Mannheimer Inszenierung von Stefan Bachmann eine unterhaltsame, handwerklich geglückte, oft nur an grotesker Karikatur interessierte Politklamotte.

Der Freiherr zu Guttenberg hatte einen Vorfahren: Er heißt Monsieur Selicour und ist die Hauptfigur des Lustspiels "Der Parasit", geschrieben kurz nach der großen Revolution von dem französischen Theaterdirektor Louis Benoît Picard. Schiller hat das 1803 übersetzt, bearbeitet und einfach mal so seinem Gesamtwerk einverleibt.

Während aber zu Guttenberg wahrscheinlich nur "copy and paste" drückte, muss in Picards Komödie der Ministerialbeamte Selicour anderen Autoren ihre Texte tatsächlich noch abschwatzen, abluchsen, aus der Hand reißen. Dem unglücklich Liebenden Karl Firmin raubt er ein sehnsüchtiges amouröses Gedicht, und dessen Vater, dem fleißigen Administrator Firmin, nimmt er einen doktorarbeitsdicken Bericht über die Missstände in der Verwaltung aus der Hand und gibt den Text als seinen eigenen aus.

Die aasige, aalglatte Beredsamkeit, mit der der Schauspieler Ahmad Mesghara auf Raubzug geht, ist wirklich schöne, lustvolle Komödiantik. Damit sind die Parallelen zu Guttenberg und zur aktuellen Politik dann aber auch schon erschöpft, trotz Gel-Frisur und Nickelbrille der Hauptfigur. In der Inszenierung von Stefan Bachmann ist ansonsten alles Commedia dell’Arte in leeren Räumen, Pantomime, Pointe, Sprachwitz.

Bachmann hat die Aufführung für das Staatsschauspiel Dresden mit den dortigen Schauspielern erarbeitet; die Premiere fand jedoch am Mannheimer Nationaltheater statt, als Eröffnung der 17. Internationalen Schillertage. Die Inszenierung ist handwerklich gediegen, trotz diverser Hänger in der Stückvorlage kurzweilig und unterhaltsam, also: ein guter Appetitanreger auch für die schwerere Kost, die dann noch kommt auf den Schillertagen.

Bachmann nimmt implizit immer wieder auf die "Parasit"-Inszenierungen von Matthias Hartmann Bezug. Vor allem das Bühnenbild von Olaf Altmann wirkt wie eine Replik auf das Wiener Bühnenbild von Johannes Schütz: Baute Schütz einen White Cube mit hohen und tiefgelegten Türen für die jeweilige soziale Klasse, so hat Altmann zwei Drehelemente mit jeweils vier extrem hohen weißen Wänden ausgestattet, die sich karussellartig ineinander drehen und immer wieder neue Räume bilden.

Das Ventilieren von Gerüchten, das ständige Verklappen immer neuer Intrigen wird so sehr schön ins Bild gesetzt, die immer neuen Koalitionen der Figuren bekommen jeweils ihr eigenes Intérieur.

Frauen sind virtuose Abziehbilder

Bachmann bedient sich freihändig bei Comic und Mister Bean, bei Volkstheater und Boulevard, er nutzt strenge Stilisierungen und Personen-Typisierungen. Der von Selicour hinters Licht geführte Minister Narbonne ist bei dem Schauspieler Philipp Lux ein riesenhafter, hilfloser, mit Schmerbauch ausgestatteter Oberschüler, der aber, wenn es not tut, auch ministerial auftrumpfen kann.

Diese noch relativ zurückhaltend interpretierte Rolle ist ebenso als Pantomime angelegt wie die beiden Firmins, die wie bleiche, statische, sich symmetrisch bewegende Wachsfiguren aus dem Dunkel die Bühne entern. Auch die Frauen sind virtuose Abziehbilder, während Torsten Ranft als entlassener, von Selicour ausgebooteter La Roche den Wutbürger geben darf, der sich im grellrosa Anzug stets in Rage redet und das auch körperlich bis zum Exzess ausagiert.

Freilich merkt La Roche bald, dass man Typen wie Selicour mit Aufklärung, mit der puren Wahrheit nicht stürzen kann – zu durchtrieben sind deren Winkelzüge, zu gering das Interesse der hohen Herren, deren Machenschaften zu durchleuchten. Erst als La Roche selbst zur Intrige greift, wird Selicour entlassen – und bei Bachmann dann als Nackter, als arme Sau durchs Dorf, durch den Zuschauerraum getrieben, Spießrutenlaufen im Publikum.

Auch das erinnert natürlich an den Sturz Guttenbergs, der urplötzlich keine Freunde mehr hatte – aber es ist auch ziemlich dick aufgetragen und kann die Balance zwischen Komik und Grausamkeit nicht wirklich halten.

Es ist auch sehr die Frage, ob Picards klappernde Komödie die Mechanismen der Mediengesellschaft noch abbilden kann – selbst wenn die Regie darauf aus ist. Oberflächlich mag das so sein, weil wir Politdarsteller gewöhnt sind. Untergründig aber sind die Bedingungen, die für einen solch tiefen Fall nötig sind, viel komplizierter geworden.

Während man bei Schiller/Picard noch mit bloßer Schleimerei und Verstellungskunst zum Erfolg kommen kann, muss der Aufsteiger von heute über erhebliche taktische Fertigkeiten verfügen – er muss nicht nur die Chefs betören, sondern sich einer breiten Öffentlichkeit stellen, der Fernseh- und Netzgemeinde.

Eine Komödie, die nur amüsiert, aber nicht attackiert

Ob die auf Dauer mit Mitteln zu übertölpeln ist, die auf der Theaterbühne dann relativ comichaft parodiert werden, sei mal bezweifelt. Auch scheint es eher unwahrscheinlich, dass Korruption in der Politik auf bloße Charakterdeformation zurückzuführen ist – da sind doch systematischere Kräfte am Werke.

Nichtsdestotrotz legt Stefan Bachmann in seiner Inszenierung ein paar Mechanismen bloß – und sei es nur die permanent eingesetzte Umarmungstaktik des Selicour, die Bachmann dann zu skurrilen Gruppenbildern erweitert.

Eine Beamtenkomödie also, eine Ministerialkomödie, die uns nur amüsiert, aber nicht attackiert. Schiller und Bachmann schenken uns einen versöhnlichen Schluss, der Böse wird erlegt; Hartmann in Wien ließ noch drei verschiedene und ziemlich ambivalente Schlüsse spielen. Und Schiller glaubt wieder mal an die moralische Anstalt: der Schein regiere die Welt, "und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne".

Ein frommer Wunsch. Zumal Schiller selber als kleiner Parasit agiert: Er hat sich das Stück von Picard, ein astreines, leichtes Lustspiel der Molière-Schule, so nachdrücklich unter den Nagel gerissen, dass in der Druckfassung der wahre, der französische Autor gar nicht mehr vorkam. So richtig anständig ist das auch nicht.

Louis Benoît Picard/Friedrich Schiller: "Der Parasit"
Regie Stefan Bachmann
Inszenierung des Staatsschaupiels Dresden am Mannheimer Nationaltheater

Kulturpresseschau

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