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Fazit | Beitrag vom 18.03.2016

Performance "Lessons of Leaking" in Berlin Deutscher EU-Austritt als Computerspiel im Theater

Von André Mumot

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Flaggen wehen vor dem Europaparlament in Straßburg (Bild: EP)
Um den Austritt Deutschlands aus der EU geht es in "Lessons of Leaking". (Bild: EP)

Das Publikum bei "Lessons of Leaking" ist mitten drin: In dem theatralen Computerspiel der Performance-Gruppe "Machina Ex" über Whistleblower und EU-Politik sind im Berliner Hebbel am Ufer Safes zu öffnen, Fluchtrouten zu entwerfen und Computer-Codes zu knacken.

Nur zwölf Personen haben eine Chance, diese Premiere im kleinen Berliner HAU 3 zu besuchen – und das aus gutem Grund. Sie werden nicht bloß Zuschauer sein, sondern Spieler. Deshalb auch ist das Wohnzimmer, das hier betreten wird und in dem sich noch die Umzugskartons stapeln, ein Ort zum Entdecken, eine Bühne zum Anfassen und Couch-Austesten. Kisten öffnen, in Schränke schauen, den Fernseher anstellen: All das ist ausdrücklich erwünscht.

Die ursprünglich aus der Universität Hildesheim hervorgegangene Performance-Gruppe Machina Ex gestaltet theatrale Computerspiele, in denen die zuschauenden Mitspieler Rätsel lösen müssen, als säßen sie vor ihrem PC und als würden versuchen, digitale Figuren durch komplizierte Adventure-Situationen zu steuern. In diesem Fall hat Regisseurin Anna Fries eine Vision aus der nicht allzu fernen Zukunft als Grundkonstruktion entworfen und sehr dicht an der aktuellen Realität entlanggearbeitet.

Verstärkt politische Themen

Das schicke Wohnzimmer, in dem das Stück eröffnet wird, gehört einem Pärchen, das im Jahr 2021 vor besonderen Herausforderungen steht: Nora Decker spielt die Mitarbeiterin einer Firma für Datensicherheit, Roland Bonjour ihren Lebensgefährten, der pikanterweise für den europäischen Geheimdienst arbeitet. Beide erwarten fieberhaft das Ergebnis einer Volksabstimmung über den Verbleib Deutschlands in der EU. Schließlich hat die nationalistische Bundeskanzlerin Beate Peters mit ihrer Partei der Deutschen Patrioten bereits einen Großteil der Bevölkerung davon überzeugt, sämtliche Grenzen wieder zu schließen.

Hatten frühere Arbeiten der Gruppe im Wesentlichen einen spielerischen Charakter, kommen in letzter Zeit verstärkt politische Themen zum Einsatz, etwa die Finanzkrise im Stück "Hedge Knights". Für "Lessons of Leaking" hat der Dramatiker Dimitrij Gawritsch nun ausführlichere Spielszenen geschrieben, die es dem Publikum ermöglichen, noch tiefer als gewohnt in die Handlung und die aufgeworfenen Konflikte einzusteigen. Heraus kommt dabei erst einmal allerdings ein etwas klischeehafter Spionagethriller – schließlich gilt es herauszufinden, dass das Ergebnis der Wahl manipuliert werden soll.

Preis für's Leaken: EU-Austritt Deutschlands

Für die zwölf unerschrockenen Mitspieler bedeutet das: Safes müssen geöffnet, Fluchtrouten entworfen, Computer-Codes geknackt werden – was kluge Gruppendynamik erfordert und tatsächlich ein gehöriges Maß an Spannung, und bei tickenden Uhren und sich schließenden Zeitfenstern bisweilen eine atemlose Hektik aufbaut. Bemerkenswert bleibt aber vor allem das abschließende moralische Dilemma. Am Ende nämlich muss die Gruppe entscheiden, ob die gewonnen Erkenntnisse tatsächlich "geleakt", also an die Öffentlichkeit gebracht werden sollten. Der Preis nämlich ist hoch – der fast sichere Austritt Deutschlands aus der EU und die Stärkung der Nationalisten.

Es hat tatsächlich etwas Virtuoses, wie die Tüftler von Machina Ex digitales Spiel in geradezu rührend analoge Situationen übersetzt, das Publikum mit liebevoll ausgestatteten Rätsel-Situationen bei Laune hält und gleichzeitig wichtige gesellschaftliche Fragen durchspielt, ohne den allwissenden, moralischen Zeigefinger zu erheben. Solch offene und clevere Lektionen sind auch im Theater nicht gerade an der Tagesordnung.

Mehr Informationen zu "Lessons of Leaking" auf der Webseite des Hebbel am Ufer

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