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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 07.12.2011

"Perfect Sense"

Eine Liebesgeschichte in Zeiten der Bedrohung

Von Hans-Ulrich Pönack

In "Perfect Sense" verlieren die Menschen nach und nach ihre Sinne: erst den Geruch, dann den Geschmack, das Gehör, ihr Augenlicht. In dieser bedrohlichen Welt verlieben sich zwei Menschen und müssen lernen, mit dem Ende umzugehen.

Von dem 1966 geborenen schottischen Regisseur, kennen wir hierzulande die Werke "Young Adam - Dunkle Leidenschaft" von 2003 mit Ewan McGregor und Tilda Swinton, "Hallam Foe - This is my Story" von 2007, mit dem "Gildepreis" der Deutschen Filmkunsttheater ausgezeichnet, sowie "Toy Boy - Dein Vergnügen ist sein Job" von 2009 mit Anne Heche und Aston Kutcher. Mit "Perfect Sense" hat er seinen bislang wirkungsvollsten Arthouse-Volltreffer gelandet - als packendes Independent-Kino.

Thema: Die Apokalypse. Eine Katastrophe bahnt sich auf unserem Planeten an, jetzt, in diesem Moment, beginnend in Glasgow. Aber nicht so wie wir diese im üblichen Filmkopf haben als Tsunami, als außerirdische Bedrohung , als terroristischer Angriff oder als weltweite Seuche mit Unmengen von toten Menschen (wie zuletzt in Soderberghs modernem Pest-Film "Contagion"). Sondern als ganz normale Erscheinung, die nicht zum Tode führt, sondern die Menschheit nur umfunktioniert, aber weiterleben lässt.

Stichworte: Geruch, Geschmack, Gehör, Sehen. In dieser Reihenfolge. Unser tägliches Fühlen, Empfinden, Aufnehmen, Erblicken, Verwerten, unsere Wahrnehmungen. Ganz selbstverständlich scheinen sie uns, machen einen Großteil unseres Alltags, unseres Lebens aus. Doch plötzlich ist Schluss mit normal: eine weltweite Epidemie, bei der die Menschen nach und nach ihre Sinneswahrnehmungen verlieren.

Erst vereinzelt, dann immer mehr: Kein Riechen mehr möglich, der Geruch ist weg, ausgelöscht; Panik und Entsetzen allerorten. Öffentliche Plätze wie Bahnhöfe, Flughäfen, Markträume werden wegen Ansteckungsgefahren gemieden. Das öffentliche Leben erlahmt. Restaurants bleiben leer. Deshalb wird Chefkoch Michael arbeitslos. Er hat nunmehr Zeit und Muße, sich um seine neue Flamme Susan zu kümmern. Sie ist Forscherin und hat unmittelbar mit dieser neuen Krankheit zu tun.

Kaum haben sich die Menschen daran gewöhnt, ohne Geruchssinn klarzukommen, verschwindet der Geschmack. Aber nach einer gewissen Zeit der Desorientierung hat man sich auch daran gewöhnt und lebt ohne weiter. Nun liegt es in der Kunst des Kochens, jenseits von Fett und Mehl die fade gewordene Zunge durch besonders salzige und säurehaltige Nahrung zu inspirieren.

Michael und Susan versuchen sich ebenfalls anzupassen, doch je intensiver sich ihre Beziehung zu einer festen Liebe entwickelt, je mehr spüren auch sie die irren Folgen dieser unaufhaltsam weiter herrschenden Keime. Angst kriecht herum. Ausgelöst durch körperliche Unbeherrschtheiten,die nicht zu steuern sind.

Dann ist das Gehör an der Reihe, was die einfachste zwischenmenschliche Kommunikation unfassbar erschwert. Schließlich, heißt es, werden auch die Augen bedroht. Die Blindheit naht. Nur gegenseitiges Fühlen/Erfühlen ist noch möglich. Doch dazu, dafür, muss man sich erst einmal finden. Vorher.

Eine Liebe. Eine mögliche Liebe in unmöglichen Zeiten.

Eine spannende Parabel mit viel Realitätsgeschmack. Als melodramatisches Zivilisationsdrama. Unser Da-Sein. Unser Leben. Unsere Gefühle. Unsere Ichs. Unsere Präsenz. Bisheriges, Bewährtes, erweist sich plötzlich als funktionsuntüchtig. Rezepte oder Medizin sind nicht in Sicht. Wir müssen diese Komplikationen, die Veränderungen quasi blitzschnell akzeptieren, wenn es weitergehen soll. Auch und vor allem im Privaten, in der Partnerschaft. Aber auch hier herrschen bisweilen chaotische Emotionszustände. Wie soll man so weiterleben? In nunmehr dieser Dauer-Stille? Wo das Fallen, das Betrachten eines Baumblattes nunmehr Erleben bedeutet? Und in dieser dann totalen Dunkelheit am (Film-)Ende? Kann es so etwa überhaupt weitergehen?

Was für ein Klasse Kopf-Movie! Mit provokanten Gedanken und einer meditativen Off-Kommentatorin, mit Endzeit-Stimmung ohne Endzeit. Nur mit Veränderung(en) und atmosphärischen Hauptakteuren: Der jugendlich wirkende 39-jährige Schotte Eway McGregor (von "Trainspotting" über "Star Wars" bis zum katholischen Schurken in "Illuminati"), der einst das Angebot, 007-James Bond zu spielen, ablehnte, wirkt als beginnender Erwachsender authentisch. Will erstmals partnerschaftliche Verantwortung übernehmen und sieht sich plötzlich mit unlösbaren irdischen Problemen konfrontiert. Die Französin Eva Green, 2006 die Liebschaft von James Bond in "Casino Royale", ist als Epidemiologin von kluger wie attraktiver Präsenz.

Ein ungemein intensiver, sensibler Katastrophenfilm, der die Dinge des (heutigen) Lebens relativiert. Ohne Katastrophenbotschaft, dafür mit Verstand und viel Gefühl. Behutsam und spannend. "Perfect Sense" ist ein wirkungsreicher Schocker zum hervorragenden gedanklichen Mitnehmen.

Deutschland/Großbritannien/Schweden/Dänemark 2011. Regie: David Mackenzie. Darsteller: Ewan McGregor, Eva Green, Ewen Bremner, Connie Nielsen, Stephen Dillane, Denis Lawson, Alastair Mackenzie, James Watson. Ab 12 Jahren, 92 Minuten.

Filmhomepage "Perfect Sense"

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