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Lesart / Archiv | Beitrag vom 16.01.2016

Paul Theroux: "Tief im Süden"Die Dritte Welt mitten in den USA

Rezensiert von Martin Steinhage

 Ein Obdachloser schläft am 13. Januar 2007 auf der Straße in San Francisco, Kalifornien, USA. (picture-alliance/ dpa/ epa Arleen Ng)
Ein Obdachloser in den USA (picture-alliance/ dpa/ epa Arleen Ng)

Religion, Rassismus, tiefe Armut: In seinem jüngsten Buch unternimmt der US-Reiseschriftsteller Paul Theroux ausgedehnte Exkursionen durch den Südosten der Vereinigten Staaten. Dabei entdeckt er Menschen und Landschaften, die ihn eher an die Dritte Welt als an sein Heimatland erinnern.

Zu Beginn seiner ein Jahr währenden Reisen in den tiefen Süden der Vereinigten Staaten wusste Paul Theroux wenig über Land und Leute im Lowcountry von South Carolina, im Black Belt von Alabama oder auf dem Ozark-Plateau in Arkansas. Was er dann bei seinen Recherchen entdeckte, hatte nichts zu tun mit den in Prospekten und Bildbänden viel beschworenen Reizen einer vermeintlichen Südstaaten-Idylle:

"In diesen sonnenverwöhnten Staaten befinden sich zugleich auch die ärmsten Gegenden Amerikas. Statistiken besagen, dass etwa zwanzig Prozent unterhalb der Armutsgrenze leben. Es ist ein Paradox, dass diese Menschen in den schönsten Gegenden des Südens zu Hause sind. (…) Die Armen dort sind (…) auf ihre eigene Weise ärmer, schlechter gestellt und verzweifelter als viele Menschen, die ich auf meinen Reisen in den notleidenden Regionen Afrikas und Asiens traf."

Ein vielschichtiger Einblick in die Lebensverhältnisse im Süden der USA

Oft staunend, gelegentlich verstört, beschreibt der "Yankee" Theroux – er stammt aus Massachusetts und lebt dort – den Südosten der USA. Dem ersten, mehrwöchigen Trip im Herbst 2012 folgen drei weitere ausgedehnte Exkursionen zu den anderen Jahreszeiten. Untypisch für ihn, aber typisch für Amerikaner: Der Autor reist mit eigenem Fahrzeug, er "erfährt" sich die Region über tausende von Meilen. Bewusst lässt er Metropolen und touristische Highlights links liegen; kleinere, meist unbekannte Städte und Dörfer sind sein Ziel.

Viele Orte besucht Paul Theroux mehrfach, zahlreiche Zufallsbekanntschaften vertieft er. Auf diese Weise erhält der Autor – und mit ihm der Leser – einen vielschichtigen Einblick in die Lebensverhältnisse im Süden der USA. Dabei stößt er auf unterschiedlichste Gesprächspartner: Landarbeiter, Kleinbauern und Prediger, Bürgermeister, Motelbetreiber, Rentner, Arbeitslose und Sozialarbeiter – kluge, reflektierte Menschen sind ebenso darunter wie einfach gestrickte Gemüter. Ebenfalls breit gefächert sind die Themen, um die es in dem Buch geht und die den Südosten prägen: Religion, Rassendiskriminierung, Schusswaffen und - vor allem und immer wieder - die niederdrückende wirtschaftliche Not.

"'Der Schein trügt im Delta', sagte eine Bankangestellte in Greenville zu mir. 'Aber man sieht doch, dass es dem Delta nicht gutgeht', entgegnete ich. 'Ja, aber es ist noch schlimmer, als es aussieht', erklärte sie."

Schwarze und Weiße gleichermaßen von Armut betroffen

Verglichen mit dem Norden der USA war der Süden schon immer wirtschaftlich schwächer. Die Globalisierung hat dieses Gefälle in den vergangenen zwanzig Jahren noch wachsen lassen:

Cover - Paul Theroux: "Tief im Süden. Reise durch ein anderes Amerika" (Hoffmann und Campe Verlag )Cover - Paul Theroux: "Tief im Süden. Reise durch ein anderes Amerika" (Hoffmann und Campe Verlag )"Der Niedergang und die Verarmung des Südens hat viel mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen nach China und Indien zu tun. Selbst die Zucht von Catfish – eigentlich ein lukratives Geschäft im gesamten ländlichen Raum des Südens – lohnt sich nicht mehr aufgrund der Exporte der vietnamesischen Fischzuchtindustrie."

Von diesem ökonomischen Verfall sind Millionen Menschen in den Südstaaten betroffen, meist unabhängig von ihrer Hautfarbe. Eindrücklich schildert Theroux mit vielen Beispielen die Nöte sowohl weißer wie auch schwarzer Bewohner. Zusammengeschweißt hat dieses Schicksal die Betroffenen jedoch nicht: Bis heute wirft die Rassendiskriminierung dunkle Schatten auf das Leben im Süden der Vereinigten Staaten.

Zwar sind Amerikaner mit afrikanischen Wurzeln seit Jahrzehnten offiziell in jeder Hinsicht gleichberechtigt, der Rassismus aber prägt noch immer den Alltag. Bestenfalls gibt es ein Nebeneinander, äußerst selten ein Miteinander. Die Diskriminierung kommt heute nicht mehr so unverblümt und brutal daher wie einst, sondern subtiler - sei es an den Schulen und Universitäten, sei es im Berufsleben oder sei es im Alltag, etwa in Bars oder Restaurants: Man bleibt unter seinesgleichen.

"Neunundneunzig Prozent der Leute wählen nach Hautfarbe"

Oftmals haben sich zwar die politischen Verhältnisse geändert, nicht aber der Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß. So stellt ein des Rassismus unverdächtiger Gesprächspartner resigniert fest:

"Diese ganze Rassenfrage wurde auf den Kopf gestellt. Heute geht es zwischen Schwarzen und Weißen noch feindseliger zu als damals, weil die Schwarzen an der Macht sind. (…)  Die weißen Demokraten sind ausgestorben. Neunundneunzig Prozent der Leute wählen nach Hautfarbe. Schwarze wählen Schwarze. Weiße wählen Weiße. So ist das eben."

Gemein ist nahezu allen Bewohnern des Südens ihre große Religiosität, wobei die Kirchen in aller Regel ebenfalls nach Hautfarben getrennt sind. Und so wie man üblicherweise beim Small Talk nach dem Ort gefragt wird, aus dem man stammt, wird der Autor bei seinen Recherchen wiederholt mit der arglos-freundlichen Frage konfrontiert: "Welcher Kirche gehören Sie an?"

Der Bürgerkrieg des 19. Jahrhunderts ist allgegenwärtig

Zu den erstaunlichsten Einsichten, die das Buch vermittelt, zählt die Bedeutung, die weiße Südstaatler der Niederlage im amerikanischen Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten beimessen – eine kollektiv empfundene Schmach, die über viele Generationen hinweg noch heute die Menschen beschäftigt. Paul Theroux sieht sogar einen Zusammenhang zwischen den im Süden allgegenwärtigen Waffenmessen - die dort ebenso selbstverständlich zum Sonntag gehören wie der Kirchgang - und dem als verhängnisvoll empfundenen Triumph der Unionstruppen über die Konföderierten im Jahr 1865:

"Es ging gar nicht primär um Schusswaffen. Auch nicht um Munition oder Messer. Es ging auch nicht darum, vermeintliche Feinde mit Blei durchsieben zu wollen. Es ging eher um ein Gefühl, um eine Atmosphäre, und die wurde sichtbar durch die Art und Weise, wie diese Männer sich gaben und äußerten: Sie fühlten sich bedrängt, geschwächt, mit dem Rücken zur Wand. Wie alt mochte dieses Gefühl sein? Vielleicht so alt wie der Süden selbst, denn sie redeten fast von nichts anderem als dem Bürgerkrieg und von der Unterdrückung, die sie seither zu erleben glaubten. Es ging also um die Erinnerung an eine Niederlage."

Souverän erzählt der erfahrene Reiseschriftsteller, was er sieht und hört. Dabei entsteht ein differenziertes und umfassendes Bild der Menschen in den Südstaaten. Paul Theroux gelingt es, seine Leser im Wortsinn "mitzunehmen" auf eine lange Entdeckungsreise, die höchst unterhaltsam ist und viele Überraschungen bereithält. Dieses Buch trägt viel bei zu einem besseren Verständnis der Vereinigten Staaten, ihrer Menschen und ihrer Geschichte.

Paul Theroux: Tief im Süden. Reise durch ein anderes Amerika
Hoffmann und Campe Verlag, 2015
608 Seiten, 26 Euro, als E-Book 20,99 Euro

Mehr zum Thema:

Armut in den USA - Abgehängt in West-Virginia
(Deutschlandradio Kultur, Die Reportage, 7.12.2014)

USA - Oscars, Walk of Fame und die Armut
(Deutschlandradio Kultur, Reportage, 28.1.2014)

USA - Obamas Kampf gegen die Armut
(Deutschlandfunk, Hintergrund, 27.1.2014)

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