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Tacheles / Archiv | Beitrag vom 08.12.2012

Pattsituation in Syrien ist "optische Täuschung"

Der Philosoph al-Azm sieht die Opposition auf dem Vormarsch

Sadik al-Azm im Gespräch mit Patrick Garber

Ein Soldat der syrischen Armee bei einem Gefecht mit Rebellen südlich von Damaskus (picture alliance / dpa / sana)
Ein Soldat der syrischen Armee bei einem Gefecht mit Rebellen südlich von Damaskus (picture alliance / dpa / sana)

Der syrische Philosoph Sadik al-Azm will nicht ausschließen, dass das Regime in Syrien chemische Waffen gegen die Opposition einsetzen könnte. Baschar al-Assad sei in einer Stimmung "wie Samson in der Bibel" und bereit, den Tempel auch über dem eigenen Kopf einzureißen.

Deutschlandradio Kultur: Herr al-Azm, dieses Jahr war sicher eines der schlimmsten in der neueren Geschichte Syriens – haben Sie Hoffnung, dass 2013 ein besseres Jahr für Ihre Heimat werden könnte?

Sadik al-Azm: Falls das Regime zusammenbrechen und Präsident Baschar al-Assad abtreten sollte, dann hätten wir sicher viel Grund zur Hoffnung für das kommende Jahr. Im Moment sieht es zwar so aus, als würde Syrien in einer Pattsituation stecken. Aber das ist eine optische Täuschung, denn tatsächlich verliert das Regime ständig an Boden. Die Opposition und die Freie Syrische Armee sind auf dem Vormarsch. Das Regime hat sich jetzt offensichtlich in Damaskus verbarrikadiert und zwar in der Innenstadt von Damaskus, dem wohlhabenderen Teil der Stadt.

Deutschlandradio Kultur: Sie sagen, das Regime verliere militärisch an Boden. Die Möglichkeit einer politischen Lösung sehen Sie also gar nicht mehr?

Sadik al-Azm: Wenn Sie mit politischer Lösung Versuche wie die des UN-Sondergesandten Brahimi meinen – der ist jetzt seit drei, vier Monaten unterwegs und alles, was er tut, ist reisen, Unterredungen führen und zwischenrein dem Sicherheitsrat Bericht erstatten. Aber er hat noch keine einzige praktikable oder auch unpraktikable Idee einer politischen Lösung für Syrien entwickelt. Ein Vorschlag liegt auf dem Tisch und der sieht vor, dass nach einem eventuellen Rücktritt Assads Friedenstruppen der UNO oder der internationalen Gemeinschaft oder der Arabischen Liga mit Billigung der Opposition ins Land kommen sollen. Aber ich denke, nach allem, was geschehen ist, ist für die Opposition und die Freie Syrische Armee die Entfernung Assads die absolute Vorbedingung für jegliche Lösung.

Deutschlandradio Kultur: Es gibt Befürchtungen, das Regime könnte Chemiewaffen gegen die Oppositionskräfte einsetzen. Ist es für Sie vorstellbar, dass Baschar al-Assad diese schrecklichen Waffen gegen die eigene Bevölkerung richtet?

Sadik al-Azm: Jemand, den man mit Assad durchaus vergleichen kann, hat das schon getan: Saddam Hussein. Und Manaf Tlas, ein Kindheitsfreund von Assad – die beiden sind zusammen aufgewachsen, später war er General der Republikanischen Garde – der hat sich vom Regime abgesetzt und lebt nun in Paris. Und er warnt ausdrücklich davor, dass Assad chemische oder biologische Waffen einsetzen könnte, er nennt ihn einen Kriegsverbrecher, der jeglichen Bezug zur Realität verloren habe, weswegen wir die Möglichkeit, dass er tatsächlich so weit gehen würde, keinesfalls leichtfertig ausschließen dürfen. Assad ist in einer Stimmung wie Samson in der Bibel, bereit, den Tempel einzureißen, damit der allen auf den Kopf fällt, ihn selbst eingeschlossen.

Deutschlandradio Kultur: Was könnten, was sollten die westlichen Staaten für Syrien tun – die Nationale Koalition der syrischen Oppositionellen als einzig legitime Vertretung des syrischen Volkes anerkennen, wie dies Frankreich schon getan hat?

Sadik al-Azm: Das ist sicherlich wünschenswert und wäre ein Fortschritt für Syrien und die Revolution. Wichtiger ist meiner Meinung nach aber, der Freien Syrischen Armee die Einrichtung einer Flugverbots-Zone etwa im Norden Syriens zu erlauben, in der die oppositionellen Kräfte sicher sind vor Luftangriffen. Dafür müssen nicht unbedingt die Türkei oder NATO-Flugzeuge eingreifen. Die Aufständischen verfügen bereits über Luftabwehrraketen, die sie in Waffenlagern der Regierungstruppen erbeutet haben.

Wenn die internationale Gemeinschaft, die Türkei, die Golf-Staaten mit Zustimmung der Europäischen Union dieses Vorgehen unterstützen würden, wäre Syrien sehr dankbar und es würde sicher das Kämpfen verkürzen. Vor allem wenn wir an die Furcht vor einer Islamisierung der Revolution denken. Denn je länger sich all das hinzieht, desto begründeter werden diese Befürchtungen. Die schlimmsten Albträume über El Kaida und andere Islamisten in Syrien könnten Wirklichkeit werden, wenn die Krise noch länger dauert, wenn die Sturmtruppen des Regimes noch länger die Bevölkerung bekämpfen.

Deutschlandradio Kultur: Sie würden also die Berichte bestätigen, dass in Syrien bewaffnete Gruppen kämpfen, die der El Kaida zumindest nahestehen?

Sadik al-Azm: Nicht aus erster Hand. Aber ich denke, es wäre trivial und dumm, zu glauben, dass sie diese Situation nicht auszunutzen versuchen. Auch wenn ich keine Beweise habe, gibt es doch viele Hinweise darauf, dass El Kaida und El-Kaida-ähnliche Organisationen in Syrien aktiv sind. Außerdem dürften auch Gruppen, die noch nicht zu El Kaida gehören, sich radikalisieren, wenn die Kämpfe noch heftiger werden und die Krise sich vertieft. Diese Leute könnten das Denken und die Taktiken von El Kaida übernehmen, vor allem, wenn sie sehen, wie effektiv die sind – etwa Autobomben und dergleichen gegen Regierungskräfte einsetzen. So wie dieser Krieg inzwischen geführt wird, sehen die Revolutionäre und die Freie Syrische Armee die Regierungstruppen fast schon als Besatzungsarmee an. Die Syrer sagen inzwischen: Was Assad uns antut, dem Land, den Städten und Dörfern, ist schlimmer als das, was Israels Ariel Scharon mit den Palästinensern gemacht hat, was die Israelis den Menschen in Gaza angetan haben. So schrecklich ist die Situation mittlerweile. Dass die Syrer solche Vergleiche ziehen mit Hinblick auf ihre eigenen Streitkräfte, das ist wirklich unglaublich. Niemand hätte sich vorstellen können, dass wir unsere Armee fast wie eine Besatzungstruppe erleben würden.

Deutschlandradio Kultur: Wir haben gerade schon die Nationale Koalition der syrischen Revolutions- und Oppositionskräfte erwähnt, die wurde vor vier Wochen von Vertretern unterschiedlichster oppositioneller Gruppen in Doha gegründet. Sind damit jetzt tatsächlich alle Oppositionskräfte gegen das Regime Assad vereint?

Sadik al-Azm: Nicht alle Oppositionskräfte. Ich denke, die Erwartung, dass alle oppositionellen Strömungen sich in einer Organisation zusammenschließen, wäre utopisch. Es ist noch nie geschehen in vergleichbaren Konflikten anderswo, dass alle Widerstandsgruppen unter dem Dach einer einzigen Bewegung zusammengefunden hätten. Erinnern wir uns doch, dass Syrien 50 Jahre lang fast wie ein Monolith aus Granit organisiert war und funktioniert hat. Jetzt zerbricht dieser Monolith und das führt natürlich zu Ausdifferenzierungen. Und man muss sich von der eisernen Kontrolle der Geheimpolizei erst mal befreien – auch von den inneren Geheimpolizisten, die in den Köpfen von uns allen, von allen Syrern gewirkt haben – man muss sich davon befreien und anfangen, eigene Ideen zu entwickeln auf der Basis der eigenen Vergangenheit, Erfahrungen und Persönlichkeit. Ich denke, das spielt eine Rolle bei dem, was immer als Uneinigkeit der politischen Opposition bezeichnet wird.

Und ich bin sicher, in der militärischen Opposition laufen ähnliche Prozesse ab. Ich war selbst bei der Konferenz in Doha dabei. Die Koalition, die dort geschlossen wurde, wird von vielen oppositionellen Kräften unterstützt, teilweise mit einer gewissen kritischen Distanz, und das finde ich auch gut so. Es muss die Möglichkeit zur Kritik bleiben, zu "checks and balances". Die Unterstützer der Koalition streben ein bürgerliches Syrien an, mit freien Wahlen, mit staatsbürgerlichem Engagement. Darauf pochen auch gerade diejenigen, die etwas auf Distanz sind. Ich finde das sehr gut, es nützt der Koalition.

Deutschlandradio Kultur: So viel ich weiß sitzen in dieser Koalition auch viele Mitglieder der syrischen Muslimbrüder und Ahmed Muas al-Chatib, der Vorsitzende der Koalition, war früher Imam der Umayyaden-Moschee in Damaskus. Steht die syrische Opposition also unter dem Einfluss islamistischer Kräfte?

Sadik al-Azm: Lassen Sie mich zuerst etwas sagen zu Scheich Muas al-Chatib, dem Vorsitzenden. Er hat einen naturwissenschaftlichen Hintergrund, von Hause aus ist er Ingenieur für Petrochemie. Er hat sich dann für islamische Theologie und die Scharia interessiert, er ist ein guter Prediger und war eine Zeit lang Imam der großen Umayyaden-Moschee. Er wurde auch politisch verfolgt, war im Gefängnis. Sehen Sie, das Regime hat seine islamischen Geistlichen, die dem Regime ergeben sind, seine Taten rechtfertigen und das oft keineswegs aus echter Überzeugung. Darum ist es gut, dass auch in der Opposition Geistliche vertreten sind, vor allem wenn sie, wie Muas al-Chatib, sehr aufgeklärt sind, die modernen Werte einer Bürgergesellschaft für Syrien akzeptieren, gleichzeitig aber deren symbolischen Bezug zum Islam gewährleisten. Das ist eine gute Kombination für die Opposition. Ich selbst bin sehr säkular ausgerichtet, ich habe mit al-Chatib diskutiert, er ist sehr aufgeschlossen und Geistlicher ist er mehr aus Neigung, nicht als Beruf.

Was die Muslimbrüder angeht, die sind als Teil des Syrischen Nationalrats in die Koalition gekommen, der bislang für die Opposition gesprochen hat. Und da der Nationalrat ein Element der Koalition ist, spielen die Muslimbrüder darin auch eine wichtige Rolle, man kann sie natürlich nicht übersehen oder vernachlässigen, sie sind da und sie sind politische Akteure. Aber es ist besser, dass sie im Innern des Zeltes sitzen und herausspucken, als außerhalb des Zeltes und in es hineinspucken.

Deutschlandradio Kultur: Bei Muslimbrüdern, Herr al-Azm, denken wir natürlich sofort an Ägypten, wo die dortigen Muslimbrüder durch die demokratischen Wahlen sehr stark geworden sind und versuchen, Staat und Gesellschaft ihren Stempel aufzudrücken. Kann so etwas auch in Syrien passieren, wenn Assad abtritt?

Sadik al-Azm: Nun, Geschichte ist ein offener Prozess und niemand kann im Voraus Garantien abgeben, was wirklich passieren wird. In Syrien sind alle Augen auf das gerichtet, was gerade in Ägypten geschieht. Ich selbst sehe das so: Wenn wir irgendwann zu den Wahlurnen gehen können, dann glaube ich nicht, dass in Syrien die Muslimbrüder solche Erfolge erringen werden wie in Tunesien oder Ägypten. In Syrien gehören 40 Prozent der Bevölkerung Minderheiten an. Die würden natürlich nicht die Muslimbrüder wählen. Außerdem gibt es in der syrischen Gesellschaft – besonders in der Mittelklasse, in Städten wie Aleppo und Damaskus, bei den Geschäftsleuten – einen großen Anteil von Menschen, deren Ansichten ziemlich säkular sind und die nicht wollen, dass ein "Hardliner-Islam", wie ihn die Muslimbrüder vertreten, im Land vorherrschend wird. Darum erwarte ich, dass es in Syrien anders als in Ägypten keinen Durchmarsch der Muslimbrüder geben würde.

Was nun Ägypten selbst angeht, sehen Sie, was dort der Versuch der Muslimbrüder und vor allem von Präsident Mursi, nahezu uneingeschränkte Macht zu erlangen, ausgelöst hat. Wir erkennen jetzt: Ägypten, das sind nicht nur Muslimbrüder, nicht nur Islamisten, das ist nicht nur der Islam. Der Präsident wurde zwar frei gewählt, aber das hat ihm nicht das Mandat gegeben, die Republik abzuschaffen oder das Kalifat wieder einzuführen. Dagegen begehrt Ägypten ganz massiv auf und das ist für mich das Wichtigste. Obwohl Mursi sich hinter islamischen Reden, islamischen Werten, islamischen Parolen versteckt, kann er damit einen großen Teil der Ägypter nicht täuschen, die sich wehren, die ihm keine diktatorischen Vollmachten zugestehen wollen. Die Ägypter sind zwar bekanntlich sehr fromm und religiös, aber sie wollen weder ein Militärregime noch eine Alleinherrschaft. Und das gibt uns Hoffnung, dass es auch in Syrien zu entsprechendem gesellschaftlichen Widerstand käme, wenn dort die Muslimbrüder Ähnliches versuchen würden.

Deutschlandradio Kultur: Damit wären wir beim Thema politischer Islam im Allgemeinen. Ist es so, dass es in einem Land wie Ägypten eigentlich zwei Zivilgesellschaften gibt: die eine westorientiert, gebildet, eher in den Städten angesiedelt – und die andere eher ländlich, weniger gebildet, sehr traditionsbewusst? Oder ist dieses Bild zu simpel?

Sadik al-Azm: Nein, das ist es nicht. Bei uns sehen das die Soziologen so: Zuerst gab es die sogenannte Ahly-Gesellschaft. Ahly bedeutet die Zugehörigkeit zu einem Stamm, einer Konfession, der Familie, dem Stadtviertel, es geht dabei um den Vorrang von Blutsbanden, Familienbanden, Stammesbindung und so weiter, auch von religiösen Zugehörigkeiten und Verpflichtungen. Erst später in der Geschichte ist dann das entstanden, was wir Zivilgesellschaft nennen, und das auf Dingen wie Staatsbürgertum, Gleichheit vor dem Gesetz, Unabhängigkeit der Justiz gründet. Die Muslimbrüder finden aber ihre Wähler eher in der Ahly-Gesellschaft als in der Zivilgesellschaft. Und darum stellen sie islamisch motivierte Aussagen und Forderungen so in den Vordergrund.

Die Erfahrungen des Tahrir-Platzes in Kairo sind vor allem die Erfahrungen der ägyptischen Zivilgesellschaft, weniger die der Ahly-Gesellschaft. Ins Deutsche könnte man diese beiden soziologischen Konzepte vielleicht mit "Gemeinschaft" und Gesellschaft" übersetzen. Doch die Muslimbrüder vermischen diese Konzepte absichtlich miteinander und behaupten, alles, auch sie, sei Zivilgesellschaft. Das stimmt aber nicht. Tatsächlich gibt es eine breitere Schicht in der Bevölkerung, sozusagen das Meer, das ist die Ahly-Gesellschaft, und darauf schwimmt eine dünnere, aber viel aktivere und dynamische Schicht, die Zivilgesellschaft. Und das gilt nicht nur für Ägypten, sondern teilweise auch für den Jemen, und noch mehr gilt es für Syrien, denn Syrien ist sehr urbanisiert. Die Muslimbrüder versuchen aber, die Zivilgesellschaft wieder herunterzudrücken auf die Stufe der Ahly-Gesellschaft. Es gibt also nicht zwei Gesellschaften, die nebeneinander stehen und einander berühren, sondern das ist ein viel organischerer Prozess.

Deutschlandradio Kultur: Der politische Islam scheint also eine vielschichtige Angelegenheit zu sein und weniger homogen, als wir uns das hier im Westen oft vorstellen. Sie, Herr al-Azm, beobachten seit Jahren auch den Aufstieg des militanten Islamismus bis hin zum islamistischen Terror. Der, so schreiben Sie, ist eher ein Zeichen der Schwäche des Islam als der Stärke. Können Sie mir das erläutern?

Sadik al-Azm: Ja. Schauen wir uns an, wie die Modernisierung abgelaufen ist in den kolonialen und postkolonialen Staaten der islamischen Welt. Während dieser Prozesse haben der Islam und das religiöse Establishment, die Geistlichkeit, völlig den Einfluss auf das Bildungswesen verloren, zugunsten des Staates und religiös nicht gebundener Institutionen. Auch die Justiz haben die islamischen Geistlichen komplett verloren. Ebenso ihren Einfluss auf die Streitkräfte, genauer gesagt auf die Doktrin der Streitkräfte, also die Deutungshoheit darüber, worum überhaupt gekämpft wird. Das galt besonders zu Zeiten des arabischen Nationalismus. Geblieben ist der Geistlichkeit der Einfluss auf den privaten Bereich, also das Familienrecht, alles, was mit Geburt und Sterben zu tun hat. Und darum ist es bis heute so schwer in unseren Ländern, in diesen Bereichen etwas zu verändern, weil die Geistlichen glauben, das sei ihr letzter Schützengraben, den sie noch kontrollieren, nachdem sie alles andere verloren haben.

Das Erstarken von Islamismus und Fundamentalismus, das wir jetzt erleben, ist eine restaurative Bewegung. Es wird versucht, die Kontrolle des Islam über all die Aspekte des modernen Lebens wiederherzustellen, die sich verselbständigt haben, einschließlich der Medien oder des Bildungssektors. Schauen Sie sich die Lehrpläne einer beliebigen Hochschule in unseren Ländern an, wenn es sich nicht gerade um Scharia-Schulen handelt: Mit Ausnahme von ein bisschen Religion hier oder dort sehen sie genauso aus wie an jeder anderen Universität auf der Welt, was die Titel der Lehrveranstaltungen betrifft oder die Lehrbücher und vieles mehr. Da geht es kaum noch um Religion. Und das wollen die Islamisten rückgängig machen, nach meiner Beobachtung haben sie dabei aber nicht viel Erfolg. Als Ausweg bleibt dann der Terror, und der ist ein Ausdruck von Verzweiflung. Ich vergleiche das mit dem Terrorismus und der Gewalt der europäischen Linken in den 1970er Jahren – Baader-Meinhof, in Frankreich die Action Directe, die Roten Brigaden in Italien. Die hatten es aufgegeben, die Gesellschaft in die proletarische Revolution zu führen, sie hatten sich von den traditionellen kommunistischen Parteien abgewendet und glaubten, allenfalls durch gewaltsame Aktionen revolutionäres Bewusstsein bei den Volksmassen wecken zu können. Darum nenne ich diese Art des Islam manchmal "Action-directe-Islam".

Deutschlandradio Kultur: Professor al-Azm, als im Frühjahr 2011 der Aufstand gegen das Assad-Regime in Syrien begann, da konzentrierten sich die Kämpfe zunächst auf die Stadt Hama. Eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten dieser Stadt ist der al-Azm-Palast, den einer Ihrer Vorfahren im 18. Jahrhundert errichtet hat und der als besonders schönes Beispiel osmanischer Architektur gilt. Wissen Sie, was aus diesem Gebäude geworden ist, wurde es beschädigt?

Sadik al-Azm: Es wurde nicht beschädigt. Tatsächlich gibt es zwei al-Azm-Paläste, einen in Hama, den anderen in Damaskus. Der in Damaskus ist größer, denn er war der Amtssitz der osmanischen Paschas, oft waren das meine Ur-ur-Großväter. Der in Hama wurde bei Kämpfen 1982 beschädigt, aber wieder hergerichtet. Mit dem in Damaskus war 1925 beim Aufstand gegen die Franzosen das gleiche passiert. Aber zum Glück bestehen beide weiter als besonders wichtige Baudenkmäler aus der osmanischen Zeit.

Deutschlandradio Kultur: Thank you very much, Professor al-Azm.

Tacheles

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