Kritik / Archiv /

"Paris hat kein Ende"

Roman von Enrique Vila-Matas

Rezensiert von Edelgard Abenstein

Der Eiffelturm in Paris
Der Eiffelturm in Paris (Stock.XCHNG / chris gordon)

Als Hemingway in den 20er Jahren nach Paris kam, hielt die Stadt, die immer schon das Mekka für aufstrebende, inspirationssüchtige Künstler war, jede Menge an bildenden Erlebnissen für ihn bereit, eine bunte Bohème um Gertrude Stein, fröhliche Armut und Champagner, den hoch befriedigenden Abschluss eines Romandebüts. "Paris - ein Fest fürs Leben" schrieb er später euphorisch über diese Zeit.

Diesem viel versprechenden Aufruf folgten seither erwartungsvoll ganze Schriftstellergenerationen. So auch der Held des Katalanen Enrique Vila-Matas Anfang der 70er Jahre. Er kommt aus dem bigotten, franquistischen Spanien, um in Paris sein Glück zu machen. Doch seine Hoffnungen werden bitter enttäuscht. Zwar wohnt er in einer Dachkammer bei der berühmten Marguerite Duras, die ihm einen Leitfaden mit den zehn Geboten für das richtige Schreiben an die Hand gibt, zwar sucht er immer wieder tapfer die angesagten Schauplätze der Schriftstellerszene auf, die Cafés und Bistros im Quartier Latin, doch der richtige Schwung, die ersehnten förderlichen Kontakte wollen sich dabei nicht einstellen.

Trotz Sartre-Pfeife, schwarzen Pullovern und einer Brille mit Fensterglas bleibt er immer Zaungast. Berühmtheiten wie Roland Barthes, Lacan und Paloma Picasso bewundert er aus der Ferne, und sein Romanversuch endet im Fiasco. Schließlich fehlt ihm alles, ein zündender Stoff, der unverwechselbare Stil, Geld, Bewunderung und die Inspiration durch die Liebe.

Eigentlich strebt die Geschichte, die Vila-Matas erzählt zum Realistischen. Unternimmt er doch vielerorts Anleihen beim guten alten Entwicklungs- und Bildungsroman. Wer einen jungen Mann mit schriftstellerischen Ambitionen zum Helden bestimmt, wer ihn nach Paris schickt, ruft eine Menge Geschichten auf. Das ist ein wirkliches Leseversprechen, doch ganz anders als in einem solchen Fall zu erwarten, hat sich der Autor gegen jede Pychologie entschieden. Stattdessen für das Parabelhafte, Typologische.

Der Held scheint direkt einem Drehbuch der Marx Brothers entsprungen, so ramponiert, verzagt und kleinlaut trägt er sein großes Sendungsbewusstsein im Kopf. Mit komischem Ernst spottet er am Ende über beides, über die Ideen und über die Mittellosigkeit: "Wenigstens", so heißt es, "hat er das Schreiben auf der Schreibmaschine gelernt".

Der 56-jährige Katalane Enrique Vila-Matas ist in Spanien und Lateinamerika einer der bekanntesten und wichtigsten Gegenwartsautoren. Der Literaturstar hat seit 1973 zehn Romane und zahlreiche Erzählungen geschrieben, die in fünfzehn Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet wurden. Hierzulande 2001 mit "Bartleby & Co" bekannt geworden, einem Roman über die Schwierigkeiten und fatalen Folgen des Neinsagens, ist er der Meister des schwarzen Humors, dem es weniger um die Wiederspiegelung der Wirklichkeit geht als vielmehr um ein artistisches Spiel mit realen und allerlei Phantasiegestalten. Mit Vorliebe konstruiert er doppelte Böden, geistreiche Verwirrungen, bizarre Situationen, wenn er etwa eine geheime Buchhandlung vor einem Kreis von Eingeweihten erstehen lässt, wohin Jorge Luis Borges eigens aus Argentinien angereist ist, um genau zwei Aphorismen über die Nichtexistenz von Vergangenheit und Zukunft vorzutragen oder wenn ein Doppelgänger Hemingways dem Helden eine Lektion über die Reichen erteilt, deren Geheimnis darin bestünde, dass diese einfach nur mehr Geld hätten als andere.

Wie auch in Vila-Matas‘ anderen Büchern, "Die merkwürdigen Zufälle des Lebens"(2002) "Risiken und Nebenwirkungen" (2004) wechseln gescheite Reflexionen über die Machart von Romanen, über die heikle Beziehung zwischen Kunst und Leben ab mit Schilderungen skurriler Figuren und sonderbarer Begebenheiten.

"Paris hat kein Ende" spielt genüsslich sämtliche Klischees vom geglückten Schriftstellerleben durch, von der angeblichen Magie des weißen Blattes, über den Musenkuss als Inspirationsquell bis zur vornehmen, ästhetischen Pflicht, alles bisher Geschriebene umzustürzen. Damit ist Vila-Matas eine süffisant zu lesende Parodie auf den Künstlerroman gelungen.

Enrique Vila-Matas: Paris hat kein Ende
Aus dem Spanischen von Petra Strien
Nagel & Kimche Verlag, 2005

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kritik

KriminalromanErmittlungen in Afrika

Der Nakuru Nationalpark in Kenia

Ein vermeintlicher "schwarzer Oskar Schindler" macht Geschäfte mit dem schlechten Gewissen der Welt: Der Krimi von Mukoma Wa Ngugi ist mehr als Unterhaltung. Er ist ein Nachdenken über die afroamerikanische Identität.

BiografieDer Verleger als Strippenzieher

Eine Gipsbüste von Johann Friedrich Cotta, gefertigt 1843 von Ludwig Schaller.

Die erste Gesamtbiografie Johann Friedrich Cottas zeigt den Verleger in zahlreichen Facetten seiner komplexen Persönlichkeit. Bernhard Fischer gelingt es, durch ihn die Zeit der Weimarer Klassik wieder lebendig werden zu lassen.

KinderbuchWundersame Meereswelt

Lesende Kinder in einer Matratzenlandschaft auf der Kinder- und Jugendbuchmesse (KIBUM) in Oldenburg

Wer bringt mehr Kilos auf die Waage, ein mächtiges Monster der Urmeere oder ein Blauwal, der sich von winzigen Krebsen ernährt? Antworten auf solche Fragen bietet das neue Kindersachbuch der Reihe "Baff! Wissen".

 

Literatur

PoesiePapusza

Auf dem Bild sind Hochhäuser im Zentrum der polnischen Hauptstadt Warschau zu sehen, aufgenommen am 13.10.2010. 

Vom Aufstieg einer Analphabetin zur gefeierten Dichterin