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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.07.2012

Parias ohne Licht und Zeit

Buch der Woche: "Die molussische Katakombe" von Günther Anders

Günther Anders
Günther Anders (picture alliance / dpa)

"Die molussische Katakombe" ist eine Art Fabelsammlung des österreichischen Philosophen Günther Anders. C.H. Beck hat nun dieses in den 30er-Jahren verfasste philosophisch-politische Lehrstück neu herausgebracht.

Man kann "Die molussische Katakombe" heute als hintergründige, fein versponnene Episoden einer vielschichtigen Parabel, als anspielungsreiche Fabelsammlung oder als philosophisch-politisches Lehrstück mit poetischen Mitteln lesen. Man wird sich dabei an Swifts "Gulliver" erinnert fühlen, auch - womöglich zum Unmut des Autors - an Kafkas "Schloss" oder "Prozess". Und an Orwells "1984" und "Farm der Tiere".

Man kann ebenso gut zuerst der Neugier auf eine der schicksalssattesten Irrfahrten eines Kunstwerks vom Manuskript bis zum Buch erliegen. Gerade heute, im angebrochenen Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit, in dem die alte Binsenweisheit "habent sua fata libelli" selbst etwas Fabelhaftes bekommt.

Jedenfalls ist dieses Buch eine umwerfend hellsichtige Fiktionalisierung dessen, was der NS-Staat bald realisieren wird. Günther Anders beginnt damit 1930. Er hat schon 1928 Hitlers "Kampf" tatsächlich gelesen und begriffen, dass Hellsicht künftig vor allem Schwarzsehen bedeuten muss.

Nicht nur aus schieren Überlebensgründen und nicht nur für einen jüdischen Intellektuellen. 1933 geht er auf die Flucht und mit ihm das Manuskript. 1938 beendet er es, in den USA. Bis 1973, inzwischen in Wien, lässt er es, wo immer er es aufbewahrt, scheitert dann an einer Bearbeitung, lässt sich noch Anfang der 90er-Jahre nur offenbar widerwillig herbei, es doch noch zu publizieren. 1992 kommt es endlich heraus, zu Anders' 90. Geburtstag. Leider zuerst ohne den komplexen "Anhang". Kurz darauf stirbt Anders.

Jetzt, zu seinem 110. Geburtstag, erscheint eine wunderschöne Neuausgabe mit Anhang, Apokryphen und nachgelassenen Dokumenten. Anders' Nachlassverwalter Gerhard Oberschlick hat sie nicht nur sorgfältig ediert, er erzählt auch auf 30 Seiten spannend und vergnüglich vom fatum dieses libellus und den Kämpfen mit seinem in jeder Beziehung widerborstig-skeptischen Autor. Ihm vor allem verdanken wir, den "Roman" über das fiktive Terrorreich Molussien überhaupt lesen zu können.

Hier leben im Untergrund, eben der Katakombe, Olo und Yegussa, "Parias" ohne Licht und Zeit. Warum sie weggesperrt sind, weiß man nicht. Das geht seit endlosen Generationen so, immer gibt es einen Älteren, Olo, und einen Jüngeren, Yegussa, und was sie sich gegenseitig erzählen, hat archaische Anmutungen mit verrückten Namen und scheinbaren Ab- und Ausschweifungen. Das Ganze ist pseudodokumentarisch aufgezogen in sechs Kapiteln, verteilt auf die 44 Tage und Nächte des letzten Lehrers Olo und des letzten Schülers Yegussa. Und vertrackterweise muss, was dabei gesprochen wird über Molussien und andere Orte, Widerstand und Revolution, Lüge, Erpressung und Wahrheit vom Feind überliefert werden: den alles mitschreibenden Kalfaktoren.

Man kann sich also, drittens, auch einfach der saft- und kraftvollen Sprache und der phantastischen, bitteren Komik hingeben, die entsteht, wenn gute Schriftsteller die halluzinatorische Schraube so weiterdrehen, dass es Wahrheiten funkt. Und das sollte man, Anders' Wahrheiten sind nämlich rasend aktuell.

Besprochen von Pieke Biermann

Günther Anders: Die molussische Katakombe
Roman, 2. erweiterte Auflage. Mit Apokryphen und Dokumenten aus dem Nachlass. Herausgegeben und mit einem neuen Nachwort versehen von Gerhard Oberschlick.
C.H. Beck, München 2012, 493 Seiten, 39,95 Euro

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