Freitag, 19. September 2014MESZ21:56 Uhr

Buchkritik

SachbuchGeschichtsschreibung als Erlebnis
Der Historiker Heinrich August Winkler

Koreakrieg, Studentenprotest, Wiedervereinigung: Dicht und kenntnisreich wie gewohnt erzählt Heinrich August Winkler die Jahre von 1946 bis 1991. Sein dritter Band der "Geschichte des Westens" ist ein lohnendes Bildungserlebnis.Mehr

WesternDie radikalen Wurzeln der USA
Der Monument Valley Navajo Tribal Park im Norden von Arizona.

Bruce Holberts Spätwestern "Einsame Tiere" über einen Sheriff, der sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt hatte, und einen Serienkiller erschreckt durch extreme Gewalt, imponiert durch die Inszenierung von Natur - und verblüfft mit ungewöhnlichen Figuren.Mehr

BiografieWie Pep Guardiola die Bundesliga aufmischt
Trainer Pep Guardiola vom Fußball-Bundesligisten FC Bayern München spricht am 31.03.2014 auf der Abschlusspressekonferenz im Teamhotel in Manchester.

Infiziert vom Pep-Guardiola-Virus. Für seine Biografie hatte der Journalist Martí Perarnau im ersten Jahr des Katalanen beim FC Bayern freien Zugang zum Team. Teilweise lesen sich seine Aufzeichnungen wie die Essenz eines Philosophieseminars.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Eine literarische ErkundungLuftlinien
Ein Feld und eine Windmühle

Ohne Luft kein Leben - ein Element in der Literatur: von Don Quijotes Kampf mit den Windmühlen über Thomas Manns Lungensanatorium bis zur Luftverschmutzung in Monika Marons "Flugasche" - viele große Werke kommen ohne die Luft nicht aus.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.07.2012

Parias ohne Licht und Zeit

Günther Anders: "Die molussische Katakombe", C.H. Beck, München 2012, 493 Seiten

Günther Anders
Günther Anders (picture alliance / dpa)

"Die molussische Katakombe" ist eine Art Fabelsammlung des österreichischen Philosophen Günther Anders. C.H. Beck hat nun dieses in den 30er-Jahren verfasste philosophisch-politische Lehrstück neu herausgebracht.

Man kann "Die molussische Katakombe" heute als hintergründige, fein versponnene Episoden einer vielschichtigen Parabel, als anspielungsreiche Fabelsammlung oder als philosophisch-politisches Lehrstück mit poetischen Mitteln lesen. Man wird sich dabei an Swifts "Gulliver" erinnert fühlen, auch - womöglich zum Unmut des Autors - an Kafkas "Schloss" oder "Prozess". Und an Orwells "1984" und "Farm der Tiere".

Man kann ebenso gut zuerst der Neugier auf eine der schicksalssattesten Irrfahrten eines Kunstwerks vom Manuskript bis zum Buch erliegen. Gerade heute, im angebrochenen Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit, in dem die alte Binsenweisheit "habent sua fata libelli" selbst etwas Fabelhaftes bekommt.

Jedenfalls ist dieses Buch eine umwerfend hellsichtige Fiktionalisierung dessen, was der NS-Staat bald realisieren wird. Günther Anders beginnt damit 1930. Er hat schon 1928 Hitlers "Kampf" tatsächlich gelesen und begriffen, dass Hellsicht künftig vor allem Schwarzsehen bedeuten muss.

Nicht nur aus schieren Überlebensgründen und nicht nur für einen jüdischen Intellektuellen. 1933 geht er auf die Flucht und mit ihm das Manuskript. 1938 beendet er es, in den USA. Bis 1973, inzwischen in Wien, lässt er es, wo immer er es aufbewahrt, scheitert dann an einer Bearbeitung, lässt sich noch Anfang der 90er-Jahre nur offenbar widerwillig herbei, es doch noch zu publizieren. 1992 kommt es endlich heraus, zu Anders' 90. Geburtstag. Leider zuerst ohne den komplexen "Anhang". Kurz darauf stirbt Anders.

Jetzt, zu seinem 110. Geburtstag, erscheint eine wunderschöne Neuausgabe mit Anhang, Apokryphen und nachgelassenen Dokumenten. Anders' Nachlassverwalter Gerhard Oberschlick hat sie nicht nur sorgfältig ediert, er erzählt auch auf 30 Seiten spannend und vergnüglich vom fatum dieses libellus und den Kämpfen mit seinem in jeder Beziehung widerborstig-skeptischen Autor. Ihm vor allem verdanken wir, den "Roman" über das fiktive Terrorreich Molussien überhaupt lesen zu können.

Hier leben im Untergrund, eben der Katakombe, Olo und Yegussa, "Parias" ohne Licht und Zeit. Warum sie weggesperrt sind, weiß man nicht. Das geht seit endlosen Generationen so, immer gibt es einen Älteren, Olo, und einen Jüngeren, Yegussa, und was sie sich gegenseitig erzählen, hat archaische Anmutungen mit verrückten Namen und scheinbaren Ab- und Ausschweifungen. Das Ganze ist pseudodokumentarisch aufgezogen in sechs Kapiteln, verteilt auf die 44 Tage und Nächte des letzten Lehrers Olo und des letzten Schülers Yegussa. Und vertrackterweise muss, was dabei gesprochen wird über Molussien und andere Orte, Widerstand und Revolution, Lüge, Erpressung und Wahrheit vom Feind überliefert werden: den alles mitschreibenden Kalfaktoren.

Man kann sich also, drittens, auch einfach der saft- und kraftvollen Sprache und der phantastischen, bitteren Komik hingeben, die entsteht, wenn gute Schriftsteller die halluzinatorische Schraube so weiterdrehen, dass es Wahrheiten funkt. Und das sollte man, Anders' Wahrheiten sind nämlich rasend aktuell.

Besprochen von Pieke Biermann

Günther Anders: Die molussische Katakombe
Roman, 2. erweiterte Auflage. Mit Apokryphen und Dokumenten aus dem Nachlass. Herausgegeben und mit einem neuen Nachwort versehen von Gerhard Oberschlick.
C.H. Beck, München 2012, 493 Seiten, 39,95 Euro

Links auf dradio.de:

Halsstarriger Streiter in Sachen Vernunft
Günther Anders. Philosophieren im Zeitalter der technologischen Revolutionen