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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.04.2012

Parallelwelt der Narkotisierung

Anne Huffschmid, Wolf-Dieter Vogel (Hg.): "NarcoZones - Entgrenzte Märkte und Gewalt in Lateinamerika", Assoziation A, Berlin 2012, 272 Seiten

Die mexikanische Bundespolizei mit Waffenvorräten, die sie von den Drogenkartellen beschlagnahmt hat.
Die mexikanische Bundespolizei mit Waffenvorräten, die sie von den Drogenkartellen beschlagnahmt hat. (AP)

Der Sammelband "NarcoZones" beleuchtet den Drogenhandel, die organisierte Kriminalität und die Gewalt in Mexiko, Kolumbien, Brasilien und Guatemala. Die Herausgeber interpretieren die Schattenwelt der Drogenkartelle und ihrer Akteure - den sogenannten "Narcos" - als Zuspitzung des kapitalistischen Systems.

Der Drogen- und Guerillakrieg in Kolumbien ist noch nicht zu Ende, auch wenn er seinen Höhepunkt überschritten hat. Dagegen nimmt der blutige Kampf von Armee und Polizei gegen die Drogenkartelle in Mexiko bürgerkriegsähnliche Ausmaße an. In Guatemala haben sich die von jeher schwachen staatlichen Institutionen aus manchen Gebieten fast ganz zurückgezogen, und in Brasilien existiert ein riesiges und schlagkräftiges kriminelles Schattenregime.

Für diese vier Länder beleuchtet der von Anne Huffschmid und Wolf-Dieter Vogel und anderen herausgegebene Sammelband in recht unterschiedlichen Beiträgen verschiedene Aspekte des Themenkreises Drogenhandel, organisierte Kriminalität und Gewalt.

Über die Hälfte des Buches nehmen Beiträge über Mexiko ein: Hier findet derzeit die explosivste Entwicklung statt, hier verlaufen die Fronten im Drogenkrieg, und entlang der Nordgrenze zu den Vereinigten Staaten, wo die Drogenkundschaft sitzt und Waffen legal käuflich sind, blüht der Schmuggel in unvorstellbaren Ausmaßen.

Ein ausführliches Interview mit dem Juristen und Ökonomen Edgardo Buscaglia umreißt Ursachen und Geschichte der Eskalation in Mexiko sowie die Auswirkungen auf Mittelamerika. Und, wie mehrere andere Autoren dieses Buches auch, räumt Buscaglia mit der Hoffnung auf, eine Legalisierung von Drogen könnte den ganzen Spuk beenden: Weniger als die Hälfte der Einkünfte der sogenannten "Narcos" stammt inzwischen tatsächlich aus dem Handel mit illegalen Narkotika.

Warum der bewaffnete Drogenkrieg nicht zu gewinnen ist, legt der bekannte mexikanische Journalist und Krimiautor Paco Ignacio Taibo II dar. Fazit: Es gibt keine klaren Grenzen zwischen Freund und Feind, zwischen Staatsgewalt und krimineller Gewalt in einem Land, in dem über 70 Jahre eine Partei (die "Partei der institutionalisierten Revolution", PRI) geherrscht und die Korruption institutionalisiert hat. Der Drogenkrieg sei, so viele der Autoren, auch ein Kampf der organisierten Kriminalität um die Macht im Staat.

Beiträge über die Lage in Mexiko - vom Porträt eines jugendlichen Narco-Killers über die anti-imperialistisch eingefärbte Analyse der Ursachen bis zur fundierten Darstellung des Zeta-Kartells - machen den größten Teil des Buches aus. Ein kleinerer Teil gilt den Bedingungen in Transfer- und Produzentenstaaten, mit ihren jeweils eigenen mafiosen Strukturen.

Die Herausgebergruppe interpretiert die Narcos als Akteure einer "marktradikalen Zuspitzung" des kapitalistischen Systems, die sich "zu einer eigenen Welt und Macht entwickelt" haben. Dieser Sichtweise lässt sich entgegenhalten, dass sich auch in der Sowjetunion höchst potente mafiose Schattenstrukturen entwickelt haben. Offensichtlich ist, dass Staaten, die keine von der Gesamtheit ihrer Bürger getragenen Gebilde darstellen, extrem anfällig für kriminelle Parallelorganisationen sind.

Besprochen von Katharina Döbler

Anne Huffschmid, Wolf-Dieter Vogel (Hg.): NarcoZones - Entgrenzte Märkte und Gewalt in Lateinamerika
Assoziation A, Berlin 2012
272 Seiten, 18,00 Euro