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23. August 1989 - Menschenkette durch die drei baltischen Republiken Lettland, Litauen und Estland

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Kriminalist Ernst Gennat"Buddha vom Alexanderplatz"
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Als Leiter der weltweit ersten ständigen Mordkommission revolutionierte Ernst Gennat die polizeiliche Ermittlungsarbeit und prägte den Begriff Serienmörder. Seine Aufklärungsquote lag bei fast 95 Prozent. Vor 75 Jahren starb er in Berlin.Mehr

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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 31.10.2009

Parabel über den Konformismus

Vor 50 Jahren: Eugène Ionescos "Die Nashörner" wird uraufgeführt

Von Eva Pfister

Aufführung "Die Nashörner" von Eugène Ionescu am Wiener Volkstheater
Aufführung "Die Nashörner" von Eugène Ionescu am Wiener Volkstheater (AP Archiv)

Eugène Ionesco gehörte zu den Begründern des absurden Theaters. In kleinen Theatern in Paris spielte man seine frühen Einakter wie "Die kahle Sängerin" oder "Die Stühle". Der internationale Ruhm aber kam für den französischen Autor rumänischer Herkunft mit "Die Nashörner", das in Düsseldorf uraufgeführt wurde. In diesem grotesk verfremdeten Drama über Faschismus und Opportunismus bleibt einzig Behringer ein Mensch, während alle anderen sich der neuen Bewegung der Rhinozeritis anschließen.

Szene aus "Die Nashörner":
"Wir haben keinen Abteilungsleiter mehr. Herr Schmetterling ist Nashorn geworden." "Das ist doch nicht möglich!"
"Wenn ich es Ihnen doch sage."
"Herr Schmetterling, Nashorn!"

Behringer, der Held von Eugène Ionescos Stück "Die Nashörner", muss zusehen, wie die Menschen in seiner Umgebung sich verändern. Sie werden zu unsensiblen gepanzerten Wesen, die nur an die rohe Kraft glauben. Je zahlreicher sie werden, desto mehr werden sie von den Anderen akzeptiert. Das ist das Erschreckende dieser Parabel über den Konformismus, die am 31. Oktober 1959 am Düsseldorfer Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Aus dieser Inszenierung stammt auch der Szenenausschnitt mit Karl-Maria Schley in der Rolle des Behringer und Eva Böttcher als seine Freundin Daisy, die sich zuletzt auch der überwältigenden Mehrheit ergeben wird.

Szene aus "Die Nashörner":
"Sie sind verrückt geworden, die Welt ist krank, sie sind alle krank."
"Wir werden sie nicht heilen."
"Wie im selben Haus bei ihnen wohnen?"
"Man muss vernünftig sein. Man muss einen Modus Vivendi finden, man muss versuchen, sich mit ihnen zu verständigen."
"Sie können uns nicht verstehen."
"Man muss es trotzdem versuchen. Es gibt keine andere Lösung."
"Verstehst du sie denn?"
"Noch nicht. Man muss versuchen, ihre Psychologie zu verstehen, ihre Sprache zu lernen."
"Sie haben doch keine Sprache!"

"Rhinocéros", so der Originaltitel, hat Eugène Ionesco aus dem Schrecken eigener Erfahrung heraus geschrieben: Im Rumänien der 30er-Jahre erlebte er als Student, wie sich viele Intellektuelle der faschistischen Bewegung "Eiserne Garde" annäherten, darunter auch einige seiner Freunde. Das machte ihn immun gegen Kollektivismus, Totalitarismus und politische Seilschaften. Nie würde er davon Lösungen erwarten, so betonte er 1981 in einem Interview.

"J'ai toujours pensé que le collectivisme, le totalitarisme et la camaraderie politique ne pouvait absolument rien resoudre."

"Die Nashörner" bedeuteten für Eugène Ionesco im Alter von 50 Jahren den Durchbruch als Dramatiker. Seine ersten Stücke, die später zu Klassikern des absurden Theaters wurden - "Die kahle Sängerin", "Die Unterrichtsstunde" und "Die Stühle" - hatte man zwar in Paris gespielt, auch in Deutschland kamen Ionesco-Dramen auf die Bühne, aber noch galt er als Außenseiter. Zum idealen Vermittler wurde Karl-Heinz Stroux, der Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses. Er brachte neun Stücke von Ionesco heraus, den er einmal sogar "Mon Shakespeare" nannte. Darauf von einem Journalisten angesprochen, war er allerdings etwas verlegen.

"Na gewissermaßen ist er mein Shakespeare, aber ich meine, das ist natürlich eine witzige Bemerkung, es ist natürlich nicht ernsthaft und soll auch nicht zu Vergleichen anregen. Obwohl er für unsere Zeit einige Merkmale hat, die Shakespeare für seine Zeit hatte. Wieweit er ein Klassiker wird, das wird sich mit der Zeit zeigen."

Aber auch der Regisseur Karl-Heinz Stroux musste bei seinen Schauspielern zunächst Überzeugungsarbeit leisten, wie die Daisy der Uraufführung, Eva Böttcher, erzählte:

"Für uns war ja Ionesco zuerst überhaupt völlig unverständlich, wir haben gar nicht gewusst, um was es geht."

Das Publikum der Uraufführung verstand sehr schnell, worum es geht, auch in Deutschland lag der Faschismus ja noch nicht allzu lange zurück. Der Kritiker der "Rheinischen Post" aus Düsseldorf wunderte sich deshalb über die breite Zustimmung für diese "grimmige Attacke gegen den Konformismus", die sich in einem halbstündigen Premierenjubel äußerte, und erklärte dies so:

"Ionesco überrascht uns nicht, wir wissen Bescheid. Und deshalb mogeln wir uns mit einem unmerklichen Identifikationstrick in die Gestalt des Behringer. Die anderen? Ja. Aber wir doch nicht. Drei Hurras für Ionesco, der hat's ihnen aber mal wieder gegeben."

21 deutsche Theater spielten "Die Nashörner" nach, aber das Stück feierte auch in Frankreich Triumphe, wo es Jean-Louis Barrault 1960 im Pariser Odéon-Theâtre inszenierte, und in England, wo Sir Laurence Olivier in der Regie von Orson Welles die Hauptrolle spielte. Viele andere Länder zogen nach. Eugène Ionesco aber befand 15 Jahre nach der Uraufführung, dass das Stück nirgends so gut gespielt worden sei wie in Düsseldorf.

"Elle n'a jamais été aussi bien jouée qu'en Allemagne, c'est à dire à Düsseldorf."